Phot. M. A. Owen.
Abb. 172. Sioux auf dem Wege zum Sonnentanz, der im Frühjahr stattfindet.
Bei dieser Gelegenheit werden die Gelübde erfüllt, die die Männer zu Kriegszeiten, die Weiber in Krankheitsfällen getan haben. Die Friedenspfeife macht die Runde, die Häuptlinge geben weise Ratschläge, und Medizinweiber fasten und beten für das Gemeinwohl.
Phot. R. B. Townshend.
Abb. 173. Walpi, der Ort des Schlangentanzes der Hopi,
am Ende einer schmalen Sandsteinklippe, die sich 600 Fuß über die Ebene erhebt.
Selbstverständlich hat kein Stamm seine Überlieferungen unverändert zu erhalten vermocht; da sie von Geschlecht zu Geschlecht sich vererbten, ist manches vergessen oder falsch verstanden worden, und da auch die Lebensweise der Menschen sich manchmal änderte, so hielten die übernatürlichen Wesen damit Schritt und paßten sich den neuen Forderungen an, indem auch sie sich änderten. Die Navajo zum Beispiel, ein unstetes Hirtenvolk, haben keinen Oberhäuptling und denken sich ihre Geisterwelt ebenso demokratisch, wie sie selbst es sind. Sie glauben daher an viele mächtige Geister, die von ihnen versöhnt werden müssen, kennen aber kein höheres Wesen, das die übrigen beherrscht. Interessant ist es, daß der bedeutendste dieser Geister, Estsanatlehi, das heißt „die Frau, die jung ist“, als weiblichen Geschlechtes gilt. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß man diese Vorstellung der Natur entnommen hat, die gegen Ende des Jahres alt wird und sich in jedem Frühjahr verjüngt. Dieser Geist, der auch unter dem Namen Whailahay bekannt ist, gilt für das höchste Wesen in der Welt der Abgeschiedenen, wo es die Flußübergänge bewacht, die überschritten werden müssen, um zu den glücklichen Jagdgründen oder Weideplätzen der Geister zu gelangen. Whailahay nimmt sich ihres Geschlechtes sehr an: ein Navajo, der bei Lebzeiten seine Frau mißhandelt hat, findet schwerlich Gnade vor ihr, wenn er den Fluß, der zum Paradies seines Stammes führt, überschreiten will. So kommt es, daß die Frauen der Navajo ganz im Gegensatz zu denjenigen anderer Stämme, die gewissermaßen nichts sind als geduldige Arbeitstiere, sich in hohem Grade am öffentlichen Leben beteiligen.
Welcher Art oder welchen Geschlechtes die Geister auch sein mögen, um deren Gunst sich die Indianer bemühen, alle müssen von ihnen in erster Linie durch besondere feierliche Handlungen, vor allem Tänze ([Abb. 182]), besänftigt werden. Vor einem solchen Zeremonialtanz unterziehen sie sich gewöhnlich einer Läuterung, entweder durch längeren Aufenthalt in einem Schwitzhaus oder durch Fasten; danach erscheinen sie entkleidet und bemalt, mit Masken und Perlen geschmückt, sowie mit Fuchsschwänzen und grünen Girlanden behängt, tanzen in langsamem, feierlichem Reigen und rufen die Geister an, daß sie ihnen Sonnenschein oder Regen, Fruchtbarkeit oder erfolgreiche Jagd gewähren. Die Pueblos und unter ihnen namentlich die Hopi pflegen Tänze, meist Maskentänze ([Abb. 181], [183], [184], [185] und [188] sowie die farbige [Kunstbeilage]) aufzuführen, um sich die Hilfe ihrer Stammesahnen zu sichern; Maismehl oder Blütenstaub wird verstreut, wenn es sich darum handelt, die Erntegeister anzugehen. Menschenopfer werden wohl nur noch äußerst selten dargebracht. Von den Pawnees wird berichtet, daß sie vier Tage und ebensoviel Nächte tanzten, bevor sie ihrem höchsten Geist, Triava, Menschen opferten, um Kriegsglück und eine gute Ernte von ihm zu erlangen.