Phot. Dr. N. Leon.

Abb. 182. Szene aus einem Zeremonialtanz der Totonaken

aus dem Papantladistrikt (im Staate Veracruz, Ostmexiko). In den religiösen Gebräuchen dieses Volkes nimmt der Symbolismus einen breiten Raum ein.

Außer seinem Wappentier besitzt jeder Clan noch eine Reihe persönlicher Schutzgottheiten oder Dämonen, die seinen Mitgliedern, sofern sie in die Geheimnisse eingeweiht sind, bestimmte Gaben oder Fertigkeiten verleihen, wie zum Beispiel unverwundbar zu sein, Menschenfleisch essen zu können und dergleichen. Diese Personen bilden Geheimbünde und führen, besonders zur Winterszeit, Maskentänze auf, in denen in dramatischer Weise die Gewinnung des Dämons und die durch ihn erlangten Fähigkeiten zur Darstellung gebracht werden. Die Religion hat mit diesen Geheimbünden wenig zu schaffen, denn eine eigentliche Verehrung der Schutzdämonen besteht nicht. Der vornehmste der zahlreichen Geheimbünde ist der der Hametzen (Hamatsa heißt Menschenfresser), deren Mitglieder in der Tat noch dem Kannibalismus huldigen. Gleich bei der Aufnahme muß der Kandidat den ersten besten Menschen, der ihm entgegenkommt, in den Arm beißen und Blut aus der Wunde saugen. In früheren Zeiten aßen die Hametzen Sklaven, heute verspeisen sie eingetrocknete Leichen, die ein bis zwei Jahre lang in Holzkisten auf Bäumen ausgesetzt waren. Ihr Fleisch wird in Wasser aufgeweicht, von den Knochen abgeschält und dann verzehrt.

Phot. George Wharton James.

Abb. 183. Vorbereitungen zur Flötenzeremonie an einem Altar.

Einer der Teilnehmer trägt ein Sinnbild der Sonne. Am unteren Ende der Stufen ist ein Elternpaar damit beschäftigt, seine Tochter zu schmücken, wobei ein unbekleidetes kleineres Kind zuschaut.

Wir können die Beschreibung der barbarischen Bräuche unter den nordamerikanischen Indianern nicht schließen, ohne noch des Skalpierens zu gedenken, des Abziehens der Kopfhaut erschlagener Feinde als Siegeszeichen, einer Unsitte, mit der die Europäer zum ersten Male im Jahre 1520 unter Francesco de Garay während seines unglücklichen Zuges nach Panuco bekannt wurden. Das Skalpieren — der Name ist der englischen Sprache entnommen; Skalp bezeichnet ursprünglich Schale, Hirnschale — ist sowohl bei zahlreichen nordamerikanischen Stämmen, wenngleich nicht bei allen, als auch bei einzelnen südamerikanischen Indianerstämmen (im Chaco und in Guyana) Brauch gewesen; er scheint von den Gebieten um den Golf von Mexiko (Florida) seinen Ausgang genommen zu haben. Die Europäer haben seit der Entdeckung des neuen Erdteils nicht wenig zu seiner Verbreitung beigetragen, indem sie, wie Friederici festgestellt hat, durch ihre Feuerwaffen, die die Kriege viel verlustreicher gestalteten, durch ihre Stahlmesser, die das Skalpieren bedeutend erleichterten, und durch Aussetzen von Belohnungen auf die Herbeischaffung von Skalpen, wodurch das Verlangen nach Erbeutung solcher bedeutend gesteigert wurde, einen ungeheuren Aufschwung der betreffenden Jagden herbeiführten. Friederici hat ferner nachgewiesen, daß das Skalpieren aus den Kopfjagden, die früher sehr gepflegt wurden, hervorgegangen ist; die ursprüngliche Schädeltrophäe verwandelte sich in eine Skalptrophäe, weil die durch die leichtere Gelegenheit und größere Nachfrage stark vermehrte Zahl der erbeuteten Köpfe ihre Beförderung auf beschwerlichen Wegen und große Entfernungen sehr schwierig machte. Deshalb verfiel man auf den Gedanken, sich mit der abgezogenen Kopfhaut zu begnügen, denn nach der Ansicht der Indianer, wie der Naturvölker überhaupt, sind nicht nur Teile des Körpers gleichbedeutend mit ihm in seiner Gesamtheit, sondern auch Teile vom Teil mit dem vollständigen Teil. Die Gründe, die zu den Skalpjagden Veranlassung gaben, waren mannigfacher Natur; es sind ziemlich dieselben, wie wir sie bereits an anderer Stelle bezüglich der Kopfjägerei kennen gelernt haben, nämlich das Verlangen nach Ruhm und Ehre durch Beibringung dieses Zeichens der Tapferkeit, der Glaube an geheime Kräfte, die man sich durch die Erbeutung des Kopfes oder der Kopfhaut seines Feindes anzueignen hoffte, schließlich auch die Rachsucht. Der Vorgang beim Abziehen des Skalps war verschieden, je nach der Art, wie das Opfer das Haar trug. Friederici hat trotz der zahlreichen Haartrachten der Indianer doch zwei Hauptformen festgestellt: bei der einen lag die Skalplocke in der Mitte des Kopfes, hier gab es nur einen Skalp; bei der anderen war das Kopfhaar durch Scheitel oder zwei und mehr geflochtene Zöpfe in mehrere Teile geteilt, was zur Zerlegung der Kopfhaut in mehrere Skalpe führte. Um sich seiner Siegestrophäe zu bemächtigen, setzte der Indianer im ersten Falle seinem am Boden liegenden Opfer einen Fuß oder ein Knie auf Brust, Nacken oder Rücken, ergriff mit der linken Hand die Haare und zog sie fest an, während seine Rechte mit dem Messer oberhalb oder unterhalb der Ohren einen Kreis um den Kopf zog. Das ganze Abziehen, bei dem manchmal die Zähne, ein Strick oder die Bogensehne mithalfen, wurde bei einiger Geschicklichkeit in kaum einer bis zwei Minuten ausgeführt. Ein auf diese Weise gewonnener Skalp war verhältnismäßig groß und mußte, um echt zu sein, die Krone des Scheitels aufweisen. War der Haarschopf geteilt, so wurde eine Handvoll Haare oder einer der Zöpfe erfaßt, die Haut emporgehoben und mit dem Messer darunter durchgefahren; auf diese Weise wurden mehrere Skalpe beziehungsweise ein mehrteiliger Skalp gewonnen. Die blutige Trophäe pflegte der Sieger unter lautem Geheul in die Höhe zu halten und dann an seinem Gürtel zu befestigen. Die Indianer waren in so hohem Grade auf die Erlangung von Skalpen erpicht, daß sie keine Anstrengung und keine Entfernung scheuten, um in den Besitz des kostbaren Gutes zu gelangen.

Während der Schwangerschaft bestehen auch für die Indianerin, wie wohl überall bei den Naturvölkern, gewisse Vorschriften, die sie befolgen muß, damit das Kind keinen Schaden nehme, indessen scheinen diese bei den nordamerikanischen Stämmen nicht mehr so streng zu sein wie bei den südamerikanischen. Die Indianerinnen Kanadas essen während ihrer Schwangerschaft überhaupt wenig, und die Utah-Indianerinnen fasten geradezu in den letzten Wochen vor ihrer Niederkunft. — Bei den Ten’a-Indianern Alaskas muß die Schwangere vom dritten Monat an jede Nacht zwei- bis dreimal für etwa eine halbe Stunde ihren Schlaf unterbrechen und diese Zeit über sitzend auf ihrem Lager zubringen, auch am Tage sich körperlich viel betätigen, im besonderen Holz klein machen, wodurch die Geburt einen leichteren Verlauf nehmen soll. Wenn die Kreißende während des Geburtsvorgangs Stuhl oder Wasser unter sich läßt, dann wird dies als eine üble Vorbedeutung für das Kind angesehen. Man zieht in diesem Falle vor, das Neugeborene sogleich zu töten, indem man es unter der Nachgeburt erstickt. Die Ten’a-Indianer pflegen diese in ein Bündel einzuwickeln, zu trocknen und im Walde an einen Baum zu hängen, wo sie ihrem Schicksal überlassen bleibt. Nur wenn eine Frau fernerhin kein Kind mehr bekommen will, vergräbt sie den Mutterkuchen in der Erde und läßt ihn hier verfaulen; noch besser soll dies Mittel wirken, wenn sie ihn zuvor in etwa ein Dutzend Stücke zerreißt. Etwa vorhandenes Kindspech wird an den Handflächen des Kindes gelassen, da man glaubt, daß dies seine Nahrung im Mutterleibe gewesen sei und daß bei Befolgung dieser Vorschrift das Kind in seinem späteren Leben immer reichlich zu essen haben werde. Ist das Erstgeborene ein Mädchen, so halten die Ten’a dies für ein böses Vorzeichen. Nach der Geburt haben sich beide Eltern zwei bis drei Tage lang davor zu hüten, mit einem scharfen Werkzeug, Axt, Messer, Säge und dergleichen zu hantieren; man befürchtet nämlich, daß sie dadurch zufällig den vermeintlichen Lebensfaden des Kindes durchschneiden könnten. Darum holen in dieser Zeit Nachbarinnen und gute Freunde für die Eltern Holz aus dem Walde und zersägen und spalten es auch.