Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 186. Ein etwa 15 Fuß hoher Sandsteinfelsen zu Walpi,
um den die Hopi bei der Zeremonie des Schlangentanzes, Schlangen im Munde tragend, herumziehen.
Das Neugeborene wird bei vielen nordamerikanischen Indianerstämmen sogleich in kaltes Wasser getaucht, selbst bei strengster Kälte, was ihm im allgemeinen auch gut bekommt, darauf verschiedentlich mit Öl, Butter und Farbe eingerieben. Dadurch soll die Haut widerstandsfähiger gegen die Witterung gemacht werden. — Zwillinge werden verschiedentlich für glückbringend angesehen. Die Dakota halten sie für übernatürliche Wesen, die aus einer anderen Welt, dem Zwillingslande, stammen, und behandeln sie daher mit besonderer Sorgfalt. Die Nootka-Indianer Vancouvers setzen Zwillinge zu den Lachsen in Beziehung und sehen eine Zwillingsgeburt als günstiges Vorzeichen für ein reiches Lachsjahr an. Die Eltern errichten abseits vom Dorfe an einem Fluß im Walde eine kleine Hütte und stellen um sie herum hölzerne Bildnisse und Masken auf, die Vögel und Fische darstellen; in ihr müssen sie zwei Jahre lang fern von ihren Stammesgenossen verweilen. Der Vater muß sich ein ganzes Jahr lang durch Baden reinigen und sein Gesicht rot färben. Beim Baden muß er bestimmte Lieder singen, die nur für diesen Zweck in Gebrauch sind und ein Lob der Lachse sowie die Aufforderung enthalten, sich einzufinden, um die Zwillinge zu sehen. Wenn die Tiere diesen Gesang vernehmen und die zahlreichen Masken erblicken, dann kommen sie in großen Scharen an. Daher wird aus der Geburt von Zwillingen auf ein gutes Lachsjahr geschlossen. Nun kommt es allerdings auch vor, daß die ersehnten Lachsscharen ausbleiben; dann erblickt man darin eine Mahnung, die Zwillinge zu töten. Zwillingen ist es verboten, Lachse zu fangen; auch dürfen sie frische Lachse weder essen noch auch nur berühren. Ebenso dürfen die Eltern während der Zeit ihrer Absonderung weder Lachse essen noch anfassen. Zwillingen werden besondere Kräfte zugeschrieben, zum Beispiel die Fähigkeit, gutes und schlechtes Wetter zu machen. Um Regen zu erzeugen, füllen sie einen kleinen Korb mit Wasser und spritzen dieses in die Luft; um gutes Wetter zu machen, schwingen sie ein Stück Holz, das mit einer Schnur an einem Stock befestigt ist, und um Sturm hervorzubringen, streuen sie von einem Baume die Sprossen der Zweige herab. Solange Zwillinge noch Kinder sind, vermag die Mutter an ihrem Spiel zu erkennen, ob ihr Gatte erfolgreich von seiner Jagd zurückkehren wird oder nicht. Hauen oder beißen sie sich bei ihrem Spiel, dann wird der Mann bei seinem Ausflug von Glück begünstigt sein; verhalten sie sich aber ruhig, dann wird er mit leeren Händen zurückkehren. Ähnlichen Vorstellungen von der Bedeutung der Zwillinge begegnen wir noch bei anderen nordamerikanischen Indianerstämmen.
Phot. George Wharton James.
Abb. 187. Szene aus dem Schlangentanz zu Walpi.
Der Priester steigt auf einer Leiter in die Schlangenkiwa. Von einem über ihr errichteten Gerüst hängen Adlerfedern sowie Felle von Wiesel und Stinktier herab. Vorn liegen Hacken und Grabstöcke, die nicht nur zum Ackerbau, sondern auch zum Schlangenfang benützt werden.
Fruchtabtreibung ist unter den Indianern ziemlich verbreitet, was zur Folge gehabt hat, daß viele Stämme dem Aussterben nahe sind. Die Gründe, die dazu führen, die Schwangerschaft durch künstliche Mittel zu unterbrechen, sind ziemlich dieselben, die wir schon anderwärts verschiedentlich kennen gelernt haben, wie Furcht vor Überbürdung und Mehrarbeit bei einer zahlreichen Familie, Nahrungssorgen, Besorgnis der Frauen, ihre Schönheit durch zu viele Kinder zu verlieren und frühzeitig zu altern, das verschiedentlich bestehende Gebot, jeglichen geschlechtlichen Verkehr während des Stillgeschäftes, das unter Umständen recht lange dauert, zu meiden, bei unverheirateten Mädchen auch die Furcht vor der Schande und anderes mehr. Auf eigenartige Weise wird die Abtreibung bei den Krähen- und Assiniboin-Indianerinnen vorgenommen. Die Schwangere läßt sich den Bauch kräftig kneten oder wälzt sich auf einem kleinen in der Erde steckenden Pfahl umher; auch streckt sie sich auf dem Boden aus, legt sich ein Brett auf den Bauch und läßt ihre Freundinnen auf dasselbe herauf- und hinunterspringen, bis die Frucht abgeht. Auch das Aussetzen neugeborener Kinder aus Mangel an Nahrungsmitteln ist bei einer Reihe Indianerstämme üblich. — Die Indianerin pflegt ihre Kinder ziemlich lange zu säugen, meistens zwei bis drei Jahre lang, aber auch Zeiträume von sechs bis sieben Jahren sind keine Seltenheit.
Die Odschibwä und andere nordamerikanische Stämme veranstalten bei der Geburt eines Kindes eine besondere Feierlichkeit religiösen Charakters. Kind, Eltern und Verwandte kommen mit den Medizinmännern im Tempelwigwam zusammen; letztere tanzen umher und machen mit ihren Trommeln und Kalabassen großen Lärm, während das Kind in der Mitte des Raumes liegt. Nach Beendigung dieser Feierlichkeit geben sie dem Vater Zaubermittel und Amulette, die für das Gedeihen des Kindes von Wert sein, im besonderen Schutz gegen Krankheit gewähren sollen.