Auch die Indianermädchen haben sich bei Eintritt der Reife gewissen Förmlichkeiten zu unterziehen; meistens haben sie sich während der ersten Regel in eine besondere Hütte abseits des Dorfes zurückzuziehen und hier vollständig abgesondert zu leben. Nur die Mutter oder eine alte Frau dürfen sie besuchen; manchmal gehört Enthaltung von Speise und Trank mit zur Vorbereitung. Bei einigen Stämmen wird dem Mädchen auch das Gesicht angeschwärzt und ihm ein alter Hut mit großer Krempe aufgesetzt (damit es nicht durch seinen Blick den Himmel verunreinige) oder ein ganzer eigener Anzug angelegt. Nach Ablauf dieser Einschließung, die bei den Koluschen und Tinklit früher beinahe ein Jahr dauerte, pflegt man das Mädchen zu waschen, neu zu kleiden, bei den soeben genannten Stämmen ihm die Unterlippe zu durchbohren und als Zeichen der Reife einen Stift oder Pflock in die Öffnung zu stecken. Gewöhnlich finden zu Ehren des Mädchens auch Feste statt, bei denen tüchtig gegessen wird. Bei den Maskoki zum Beispiel gehört zu einem solchen Festmahl folgendes: gerösteter Hund, eine Suppe aus Truthahn, Hühner-, Rind- und Schweinefleisch, Bohnen, Kartoffeln und Mais, ferner Kuchen aus Kirschen, gemahlenen Kirschkernen und Talg, Ahornzucker, Weizen- und Maisbrot, gedörrte Pflaumen und eine Mischung von Ochsengalle und Zuckerwasser. Vielfach begegnen wir zur Feier des Ereignisses auch Tänzen, zu denen ebenso wie zum Festmahl die ganze Nachbarschaft eingeladen wird. Von den Hupa wird dieser Tanz Kin-Alktha oder Jungferntanz genannt; er wird von den Männern mit dem Mädchen getanzt, während die Frauen sich nur durch begleitenden Gesang daran beteiligen. Neun Abende lang tanzen die Männer ohne jenes, das sich vor ihnen versteckt halten muß. In der zehnten Nacht kommen dann zwei junge Männer und zwei alte Weiber der Verwandtschaft nach der Hütte, um die Jungfrau zu suchen und herauszuholen. Die jungen Burschen stülpen ihr eine Maske aus Leder und Schilf über den Kopf, die an einen Seelöwen erinnert, und nehmen das Mädchen in die Mitte; rechts und links davon stellen sich die alten Weiber auf. So begeben sich alle fünf zu den versammelten Männern und Frauen. Das Mädchen schreitet zehnmal vorwärts und rückwärts, hebt die Hände in Schulterhöhe und stimmt ein Lied an; beim letzten Male macht es einen Hochsprung. Zum Schluß wird es von der Versammlung mit lauten Zurufen begrüßt. Bei den Wintun muß die Jungfrau, nachdem sie sich würdig vorbereitet und unter anderem eine besonders zubereitete heilige Suppe gegessen hat, jedesmal, wenn neue Gäste von auswärts kommen, sinnliche Liebeslieder singend, den Hügel, auf dem sie erscheinen, hinunter- und um den Lagerplatz herumtanzen. Sobald sich alle Teilnehmer des Festes versammelt haben, was zwei bis drei Tage dauern kann, vereinigen sie sich zu einem großen Tanze, der eigentlich weniger ein Tanz ist als ein von Chorgesängen begleiteter Rundgang um das Dorf. Zum Schluß der ganzen Feier nimmt der Häuptling das Mädchen bei der Hand und tanzt mit ihm die ganze Reihe der Festgenossen entlang, wobei diese aus dem Stegreif Gesänge anstimmen. Diese Lieder sind manchmal recht schlüpfrig.

Phot. Thurrill & Miller.

Abb. 192. Totempfähle der Indianer von Britisch-Kolumbien.

Diese Abzeichen, die vor den Hütten errichtet werden, sind mit fein ausgearbeiteten und prächtig angemalten Schnitzereien verziert, die das Totem ihres Besitzers darstellen und die mythologischen Erzählungen seines Volksstammes illustrieren.

Die sittlichen Vorstellungen der nordamerikanischen Indianer scheinen im allgemeinen nicht hoch zu stehen, wenigstens nicht mehr zur gegenwärtigen Zeit. Von einigen Stämmen wird berichtet, daß sie früher auf keusches und tugendhaftes Leben der unverheirateten Mädchen hielten, so von den Mandan, Tschippewä, Pueblos und Pimas, von anderen aber wird wieder erzählt, daß sie bereits in ganz jungen Jahren sich einem ausschweifenden Leben hingaben und daß vorehelicher Verkehr der Mädchen nicht als Schande angesehen wurde, wohl aber seine etwaigen Folgen; man verstand aber, solchen vorzubeugen. Ja verschiedentlich soll es Sitte gewesen sein (Athapasken, Neheawayen, Oregon-Indianer), daß Bruder und Schwester, sowie Vater und Tochter geschlechtlich miteinander verkehrten. Bei den Nadowessiern, einem Siouxstamm, gaben sich die jungen Mädchen gelegentlich des „Reisfestes“ den Männern willig hin, ja sie setzten ihren Stolz darein, an diesem Tage mit möglichst vielen verkehrt zu haben. Bei einigen Indianerstämmen galt es als Freundschaftsdienst, die Ehefrauen miteinander auszutauschen.

Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 193. Indianische Holzmasken.

Wir erwähnten bereits die Tatsache, daß bei den Scheyennen Jünglinge, die sich bei Ablegung der Reifeprobe als feige herausstellten, in Weiberkleidung gesteckt und auch als Weiber behandelt wurden. Solche „Mannweiber“ sind eine keineswegs seltene Erscheinung unter den Indianerstämmen; schon Schriftsteller des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts berichteten von ihnen und fügen hinzu, daß sie vielfach zur sexuellen Befriedigung der Männer gedient haben und unter Umständen für diesen Beruf geradezu erzogen wurden. Die neueren Forschungsreisenden haben solche Personen wohl bei allen nordamerikanischen Stämmen kennen gelernt. Sie sollen sich öfter schon durch einen eigenen Typus auszeichnen, der wenig Männlichkeit verrät; dazu kommt, daß sie Weiberkleider tragen, weibliches Gebaren annehmen — manche putzen sich geradezu als Stutzer heraus — und weibliche Arbeiten ausführen, männliche Beschäftigungen dagegen gänzlich meiden: so gehen sie niemals auf die Jagd oder auf den Kriegspfad. Manche von ihnen sollen große Geschicklichkeit in der Verrichtung weiblicher Obliegenheiten bekunden. Von den Tschippewä wird erzählt, daß diese „Agoqwas“ in aller Form mit Männern verheiratet wurden; Ähnliches wird von den Acagehemen Kaliforniens berichtet. Es hat den Anschein, als ob es sich bei diesen Mannweibern vielfach um pervers veranlagte junge Leute handle. Ihr regelwidriges geschlechtliches Empfinden mag ihnen teilweise angeboren, teilweise auch anerzogen worden sein; eine Reihe Stämme bilden gewisse junge Leute zu solchen pervers-geschlechtlichen Zwecken geradezu aus. Ganz eigenartig ist die Art, wie die Pueblos Neu-Mexikos die Betreffenden „zu Weibern machen“. Zu einem „Mujerado“ wird der kräftigste Mann des Dorfes ausgewählt und an ihm täglich wiederholt Masturbation vorgenommen, um große geschlechtliche Reizbarkeit zu erzeugen, die mit der Zeit infolge der allzu häufigen Samenentleerungen zu einem Schwund der Keimdrüsen führt; jede Erektionsfähigkeit ist bei einem solchen Menschen schließlich erloschen. Mit dieser künstlichen Entmannung gehen gleichzeitig Veränderungen im Gemütsleben einher; der Mujerado verliert die Lust an seinen früheren Beschäftigungen und entäußert sich in körperlicher und geistiger Beziehung mehr und mehr aller Männlichkeit. Er kleidet sich nach Weiberart, meidet anfänglich die Männer und sucht die Frauen auf, gibt sich aber schließlich doch jenen zu homosexuellen Zwecken hin.