Abb. 195.
Indianergrab auf einem Baum.
Die Vorstellungen der nordamerikanischen Indianer von Krankheit und Heilung sind eng mit ihrer Religion verknüpft, und zwar in so hohem Grade, daß „Medizin“ das hergebrachte Wort für geistige Macht und der „Medizinmann“ weit mehr Priester als Arzt ist. Seine Wirksamkeit hängt von der Fähigkeit ab, den bösen Geist, der eine Krankheit verursacht hat, auszutreiben und zugleich die Hilfe der guten Geister anzurufen, die den Kranken, wenn sie wollen, wieder gesund machen können. Obwohl die Medizinmänner, um den Glauben an ihre Kunst zu stützen, nach außen hin mit allerlei Mummenschanz arbeiten, sind sie doch meistens schlau genug, auch wirkliche Heilmittel anzuwenden, da ihr Amt recht verantwortlich ist, unter Umständen ihnen wohl auch von seiten der Verwandten des Kranken Gefahr bringt. Zwar werden sie selten unterlassen, beim Mißglücken ihres Heilverfahrens einen der zahlreichen dem Volke einleuchtenden Gründe für den Tod des Betreffenden anzugeben; immerhin kommt es vor, daß die Angehörigen dem Medizinmann die Schuld beimessen und ihn mit seiner Familie zur Strafe abschlachten.
Sobald der Tod Einzug gehalten hat, glauben die Indianer, daß die abgeschiedene Seele des Verstorbenen in die Geisterwelt eingegangen sei, die sie überall umgibt. Darüber, wo dieses Jenseits zu suchen ist und welches Schicksal den Toten dort erwartet, herrschen zahlreiche Auffassungen. Ganz allgemein gesprochen, denkt man sich das zukünftige Leben ähnlich dem auf der Erde, nur unter glücklicheren Bedingungen. Die Hauptrolle spielen dabei reichliche Jagdgründe und ein friedfertiges Verhalten der Stämme untereinander. Wie sich die Navajo das Jenseits ausmalen, davon war schon oben die Rede. — Eine Begräbnisfeier der Zuñi schildert uns Cushing wie folgt. Sobald der Tote den letzten Atemzug getan hatte, wurde er von den Frauen seines eigenen Clans gebadet und ein Gefäß mit Wasser neben ihm zerbrochen; damit gab man ihn der Sonne zurück. Darauf trugen vier Männer die in Decken gehüllte Leiche unter dem Wehklagen der Frauen nach dem alten Begräbnisplatze und senkten sie ins Grab, während einer von ihnen, das Gesicht gegen Osten gewandt, ein Gebet sprach und Mehl, Speise und andere Gaben darüber streute. Vier Tage später brachten die Leidtragenden unter flehenden Bitten im Namen des Toten wunderschöne, mit Papageifedern geschmückte Gebetstöcke, die im religiösen Leben bei ihnen eine große Rolle spielen, als Opfer dar. Die Totenfeier wurde damit fortgesetzt, daß fünfzig Zuñimänner unter Anführung eines bemalten und geschmückten Priesters, dem der fackeltragende Feuergott folgte, sich gegen Westen auf eine Pilgerfahrt begaben, wie man sagte, „in die Stadt Ka-ka und in das Heim unserer verlorenen anderen“. Nach vier Tagen kehrten sie zurück und führten Körbe lebender Schildkröten in weiche Decken eingehüllt mit sich. Ein müder Mann brachte dem Gouverneur eine Schildkröte ins Haus und stellte sie auf die Erde, wobei er besonders zärtlich mit ihr umging; sie suchte sich aber so schnell wie möglich aus dem Staube zu machen. Die Angehörigen des Mannes gingen dem Tier in alle Ecken und Winkel nach, beteten und bestreuten es mit Maismehl. Als Cushing nun fragte, warum man das Tier nicht laufen lasse oder ihm nicht wenigstens etwas Wasser zum Trinken gebe, damit es nicht sterbe, wandte der Mann ihm langsam seinen Blick zu, wobei sich gleichzeitig Schmerz, Empörung und Mitleid auf seinem Gesichte ausprägten, und antwortete: „Ich sage dir, es kann nicht sterben; es wird morgen nur seine Wohnung wechseln und in das Heim seiner Brüder zurückgehen.“ Darauf wandte er sich wieder an die Schildkröte und rief ihr mit schmeichelnden Worten zu: „Ach, mein armes, teures, verlorenes Kind, Vater oder Mutter, meine Schwester oder mein Bruder, der du warst!“ Dabei begann er aufs rührendste zu weinen, seine Stimme vor Schluchzen zu beben; die anwesenden Frauen und Kinder fielen in das Heulen ein. Am nächsten Tage wurde die arme Schildkröte unter Gebet und Opfergaben schonend getötet; ihr Fleisch und ihre Knochen wurden dem kleinen Flusse in der Nähe übergeben, damit sie zum ewigen Leben im dunklen See der Toten zurückkehrten, und aus ihrer Schale wurde eine heilige Klapper angefertigt. Dieser eigenartige Brauch findet seine Erklärung in der Sage, daß, als die Menschen zuerst in dieses Land kamen, sie über einen großen Fluß mußten, bei dessen Überschreitung viele Frauen ihre Kinder einbüßten, indem sie ihnen vom Rücken glitten und in Schildkröten verwandelt wurden. Mit dem Ausdruck „unsere verlorenen anderen“ sind die Stammesmitglieder gemeint, die auf diese Weise hinter ihren Anverwandten zurückblieben und ihnen jenseit des Sees der Toten eine Heimat bereiteten.
Phot. Dr. Arnold Heim.
Abb. 196. Indianerfriedhof zu Welcelka.
Der Begräbnisarten gibt es unter den nordamerikanischen Indianern viele. Bald bestattet man die Leiche in der Erde ([Abb. 196]), bald setzt man sie in der Luft aus oder in Urnen; auch Einäscherung findet sich. Am verbreitetsten war die Sitte, ein rundes Loch zu graben und die in Felle oder Zeug eingewickelte, mit übereinandergelegten Beinen zusammengeschnürte Leiche senkrecht hineinzustecken; die Grube wurde manchmal noch mit Steinen ausgelegt. Wurde ein Grab in voller Länge des Toten ausgeschaufelt, dann wurde dieser für gewöhnlich wagerecht auf den Rücken gelegt, doch manchmal auch mit angezogenen Knien auf die Seite. Bei Bestattung in einer Grabkammer war es nichts Ungewöhnliches, daß man mehrere Leichen zu gleicher Zeit beisetzte. Es kam auch vor, daß man die Leiche auf die Erde legte, sie mit einer starken Lehmschicht überdeckte, darüber ein Feuer anzündete, so daß sich der Lehm zu einer schützenden Decke erhärtete, und diesen Lehmsarg schließlich mit Erde zudeckte. — Von den Stämmen der südlichen Küste des Atlantischen Ozeans balsamierten einige ihre Toten ein, so daß sie zu Mumien wurden. — In der großen Ebene geschah die Beisetzung der Leichen oft an der Luft. Der Tote wurde in das Zeug, das er bei Lebzeiten getragen hatte, vorsichtig eingewickelt und auf ein Gestell oder eine Bahre gelegt; diese wurde dann auf einem Baum ([Abb. 195]) oder auf einem Pfosten über der Erde aufgestellt, daß Wölfe und Hunde sie nicht erreichen konnten. Man gab dem Verstorbenen seine Waffen, allerdings in zerbrochenem Zustande, mit, damit er sich ihrer in der jenseitigen Welt bedienen könne, wie man ihn auch mit Essen für die Reise dorthin versah. An der Küste des nördlichen Stillen Ozeans verwendeten die seefahrenden Indianer als Sarg ein Kanu, das sie auf einem Pfosten aufstellten. — Das Begraben in Urnen kam selten vor; man kennt solche Fälle nur aus Arizona, wo man in den Grabstätten irdene Krüge mit den verbrannten Resten auffand. — Die Navajo Arizonas, die eine große Abneigung vor der Berührung mit Leichen haben, befestigten manchmal Stricke an dem unteren Ende der Stangen, aus denen ihre Winterhäuser aufgebaut sind, und rissen sie mit Hilfe der Stricke um, so daß das ganze Haus über dem Toten zusammenfiel und zum Grabmal für den Toten wurde; manchmal legten sie auch Feuer an und brannten das Ganze nieder.
Aus „Deniker, Living Races of Mankind“.
Abb. 197. Eine Hopibraut,