5.

Es war ein sehr heiterer Herbstmorgen, an welchem die zierliche Syrene, Capitän Jansen, die Maas hinauffuhr. Der Wind wehete so günstig, daß die aufgesetzten Segel schon hinreichten, das leichte Fahrzeug, selbst den Wellen entgegen, rasch fortzubringen und deshalb der gewöhnliche Vorspann von Pferden entbehrt werden konnte. Die Barke selbst bot jedem, der solchen Dingen gern seine Aufmerksamkeit schenkt, besonders den Seemännern und Schiffbauleuten, einen sehr erfreulichen Anblick. Ihre Seitenwände von starkem Eichenholze waren lichtbraun lakirt und von den sorglichen Matrosen in einer Sauberkeit erhalten, die ihnen den Glanz eines Spiegels gab. An dem weißen, mit einer Malerei von grünem Laube gezierten Vordertheile, prangte in kunstvoller Bildhauerarbeit die Syrene, von der das Fahrzeug den Namen hatte, und sie glich so einem weiblichen Wesen, das eben im Begriff ist, mit dem Oberleib aus einem grünenden Gesträuche sich emporzurichten. Die niedlichen Fenster der Cajüten waren mit grünseidenen Vorhängen geziert. Der schlanke Mast warf in seiner glänzenden Politur die Strahlen der Morgensonne tausendfältig zurück, und auf den frisch gebleichten Segeln war kein Fleckchen zu sehen. Auch für die Sicherheit des Fahrzeuges, die in diesen kriegerischen Zeiten leicht gefährdet werden konnte, war gesorgt, denn auf dem Verdecke standen mehrere nicht unansehnliche Böller und in einigen offenstehenden Kisten waren Schießgewehre und Säbel aufgeschichtet.

Schon vor einigen Stunden hatte das Schiff die Anker gelichtet, und noch immer war dem jungen van Daalen, der die bald nach ihm und Clelien eintreffende Philippintje bei dem ohnmächtigen Mädchen zur Pflege zurückgelassen, keine Nachricht von dem Zustande der Letzteren geworden. Er selbst war mehreremale hinabgeschlichen, um sich Kunde zu verschaffen, aber er hatte die Thüre der Cajüte von Innen verschlossen gefunden. Er hatte gelauscht, aber nichts vernommen. Er hatte leise Philippintje bei Namen gerufen; Alles war still und stumm geblieben. Er stand jetzt auf dem Vordertheile des Schiffes, lehnte sich nachlässig an das Geländer und hatte den Arm um den schlanken Leib der Syrene geschlungen. Aber nicht lange blieb er in dieser Stellung. Die Unruhe seines Innern trieb ihn fort. Er war besorgt um die Geliebte, dann regte sich auch wohl von Zeit zu Zeit in ihm das böse Gewissen, mehr aber bei seinem Leichtsinne die Furcht, wie Clelia das Geschehene aufnehmen werde, wenn sie erst wieder zur völligen Besonnenheit gekommen sey. Hätte er nur Philippintje sprechen können! Sie besaß einen großen Einfluß auf das Mädchen, und mit ihrer Hülfe durft er hoffen, dem drohend heranziehenden Unwetter eher zu entgehen.

Er war, solchen beunruhigenden Gedanken hingegeben, bis zu der Schiffsöffnung fortgeschritten, durch die er jetzt in das Innere der Küche blicken konnte, in der seines Freundes Jansen junge Frau mit Zubereitung der Mittagsmahlzeit beschäftigt war. Der Glanz des Feuers röthete das runde Angesicht der artigen Frau auf eine anmuthige Weise, ihre ganze füllereiche Gestalt, so wie alle Gegenstände in der kleinen, höchst reinlichen Küche zeigten sich in einer so zauberischen Beleuchtung, daß Cornelius einige Augenblicke lang versucht war zu glauben, er sehe eins jener Gemälde von Schalkens vor sich, die sich durch eine unübertreffliche Anwendung des Helldunkels auszeichnen. Bald aber wurde er durch die Stimme der heraufblickenden jungen Frau, die ihn bemerkte, in diesem Wahne gestört.

»Ei, Junker,« sagte sie lachend, »wo habt Ihr denn die Topfguckerei gelernt? Waret Ihr etwa, da Ihr im Felde standet gegen die Franzosen, mehr bei den Kasserollen und den Bratspießen beschäftigt, als bei den Kanonen und dem Blutvergießen, mehr bei den Feldhühnern als bei den Feldstücken, mehr beim Trinken und Kauen, als beim Stoßen und Hauen —«

Frau Jansens Zünglein war im guten Zuge; Cornelius aber unterbrach den Strom ihrer Beredsamkeit, indem er mit kläglicher Stimme einfiel:

»Ach, Frau Beckje,« — so wurde die junge Frau gewöhnlich statt Rebekka genannt — »ich bin nicht zum Scherzen aufgelegt! Ein andermal stehe ich Eueren Angriffen gern zu Dienst mit billiger Erwiederung. Sagt mir lieber, wie es meinem Schwesterlein geht? Ich hör’ und sehe nichts von ihr und habe sie doch in einem gar beunruhigenden Zustande verlassen.«

»Thut der Mensch doch um das Schwesterlein, als wenn es ein Bräutlein wäre!« versetzte etwas schnippisch die Capitänsfrau. »Unterbricht mich da in meiner besten Rede, aus der er ohnehin, wenn er nicht seinen ganzen Verstand in meine Kochtöpfe versenkt hat, schon abnehmen muß, daß Alles rein und gut steht auf der Syrene, daß kein Kranker an Bord ist und über dem Fahrzeuge das Fähnlein der Gesundheit lustig flattert und flaggt! Ihr seyd mir ein rechter Kriegsheld, bei dem die Courage theuere Waare wird, wenn er ein Frauenbild in Ohnmacht fallen sieht! Da müßt Ihr Euch an ganz andere Dinge gewöhnen, wenn Ihr einmal heirathet.«

»Die Schwäche ist also vorüber und sie befindet sich wohl?« fragte hastig Cornelius. »Sie ist wieder bei Besinnung und hat wohl schon nach mir gefragt?«