»Keins von Beiden!« antwortete Frau Jansen, indem sie sich bückte und das Feuer anblies. Der junge Mann wurde von heftiger Ungeduld ergriffen, aber er mußte warten, bis das dringende Geschäft gethan war und die sorgsame Schiffsherrin fortfuhr. »Aus der Ohnmacht ist ein gesunder Schlaf geworden und die Jungfrau liegt auf dem Ruhebette mit zwei rothen Bäcklein, so frisch und gesund, wie Granatäpfel. Sie athmet sanft und leicht und Alles zeigt an, daß sie bald neu belebt und gestärkt an Leib und Seele erwachen wird!«
»Nassau und Oranien!« sagte der junge Mann leise zu sich selbst. »Wie wird’s mir dann ergehen, wenn sie wieder bei lichten Sinnen ist und mit ihrem verzweifelten Nachdenken mein ganzes schönes Luftgebäude von Autodafé und Klosterzwang über den Haufen stößt? Ade, fein’s Liebchen, Ade, wird’s heißen, wie im deutschen Liede, aber man wird mir kein goldenes Ringlein schenken auf den Weg, sondern manches Scheltwort auf den Rücken. Frau Beckje,« wandte er sich entschlossen zu der Capitänsfrau, »ich muß Philippintje sprechen, ehe meine Schwester erwacht. Sucht es einzurichten, wie Ihr wollt, aber verschafft mir einige Augenblicke ungestörter Unterredung mit der Alten! Mein Glück hängt davon ab, und Ihr als meine Freundin werdet mir nicht entgegen seyn in einer wichtigen Sache!«
»Hört, junger Herr!« sagte die Frau und erhob drohend den Zeigefinger der rechten Hand. »Ich bin sehr geneigt zu glauben, daß es mit der Schwesterschaft nicht ganz richtig ist und daß allerlei Kriegslisten dahinter stecken. Bei Nacht und Nebel braucht man keine Schwester an Bord zu bringen; das kann bei hellem Tage geschehen. Aber ich weiß recht wohl, daß Jugend nicht Tugend hat und Ihr am allerwenigsten. Ich drücke ein Auge zu, allein das andere bleibt desto weiter offen und siehet um so schärfer darauf, daß Alles in Ehren zugeht auf der Syrene. Das laßt Euch gesagt seyn ein für allemal. Ihr seyd ein guter Freund zu meinem Manne, aber Recht geht über Freundschaft. Sonst diene ich Euch gern, und da bei der verlangten Zusammenkunft mit der holdseligen Philippintje,« fügte sie lachend hinzu, »hoffentlich nur die tugendhaftesten Absichten zum Grunde liegen, so will ich Euch das Kind heraufschicken. Ihr müßt aber, während ich sie rufe, meinen Platz am Heerde einnehmen, das Backobst fleißig umschütteln, daß es nicht anbrennt, und das Feuer unter dem Pökelfleisch unterhalten. Kommt herab, daß ich sehe, wie Euch der Küchenschürz ansteht!«
Cornelius ging gern auf einen Scherz ein, der für seine mißliche und verwickelte Angelegenheit eine günstige Wendung herbeiführen konnte. Mit einem kühnen Sprunge war er unten bei Frau Beckje. Das muntere Weibchen band ihm lachend und schäkernd eine blendend weiße Schürze vor, gab ihm den Kochlöffel in die Hand und sagte:
»Da habt ihr Eueren Commandostab! Haltet Ihr gute Ordnung in meinem Feldlager, so werde ich’s zu rühmen wissen, denn das zeigt von guter Anlage zum Ehemanne und Hausvater. Zerfällt mir aber das Fleisch, wird das Backobst schwarz und rauchig, so müßt Ihr eben ein Junggeselle bleiben Euer Lebelang, denn es fehlt Euch an der nothwendigsten Sache für den Hausstand, an der lieben Ordnung.«
Beckje legte rasch ihr Küchencostüm ab und sprang die kleine Treppe hinauf, um sich nach der Cajüte zu begeben, in der Clelia mit Philippintje eingeschlossen war. Indessen wachte der gewesene Kriegshauptmann Cornelius so aufmerksam und sorgfältig bei den Kochtöpfen, wie er früher als Soldat auf nächtlichen Posten dem Feinde gegenüber gewacht hatte. Er hielt den Kochlöffel mit militärischem Anstande in der Rechten, als wäre es der Degen, mit dem er eben das Zeichen zum Angriffe geben wolle. Sein Auge beobachtete mit ängstlicher Aufmerksamkeit die Flamme, als aber die Fleischbrühe plötzlich überkochte und zischend in die Gluth floß, so daß diese zu verlöschen drohete, da wußte er weder Rath noch Hülfe, sondern brach in den Schreckensruf: »Frau Beckje, Frau Beckje!« aus. Wer aber nicht hörte, war Frau Beckje.
»Potz Raa und Backbord!« ließ sich dagegen Capitän Jansens Stimme von oben herab vernehmen. »Was fällt dir ein, Cornelius, daß du meine Frau vorstellen willst am Heerde und die Suppe ins Feuer anrichtest, statt auf den Tisch? Du solltest dich nur sehen und das arme Sündergesicht, das du schneidest in diesem Augenblicke und du müßtest laut auflachen über dich selbst! Komm herauf! Der Schiffsjunge mag so lange die Töpfe hüten, bis Beckje wiederkommt. Der versteht das Ding besser, als du.«
Der muntere Knabe, der auf des Capitäns Wink herbei sprang, war auch gleich unten und hatte rasch und umsichtig das von Cornelius angestiftete Unglück bald wieder gut gemacht. Dieser warf ihm ein Paar Stüber zu und erschien nun mit einem verdrießlichen Gesichte auf dem Verdeck. Das Lachen, in welches Capitän Jansen, gleich nachdem er jene Worte gesprochen, ausgebrochen war, wurde jetzt lautschallend und unmäßig. Er deutete auf Cornelius Antlitz, er wies auf den Küchenschürz, den dieser noch nicht abgelegt hatte. Den Schürz schleuderte der junge Mann ärgerlich hinweg, als ihm aber sein Freund erklärte: Die Kochtöpfe hätten schwarze Spuren seiner Vertraulichkeit mit ihnen auf Nase und Wange zurückgelassen und diese gäben ihm ein so furchtbar komisches Ansehen, daß keiner, der ihn sähe, sich des Lachens erwehren könne, trat er kaltblütig an das Wasserbecken und sagte, indem er sich reinigte, mit großer Ruhe:
»Das kommt nicht von den Kochtöpfen, lieber Jansen! Das kommt von Deiner lieben Frau, die mich herzend und küssend empfangen, als ich ihr Besuch abstattete im unterirdischen Reich.«
»Da müßte sie einen schlechten Geschmack haben!« erwiederte selbstgefällig der Capitän, und dehnte die mächtigen Glieder seiner riesigen Gestalt. Er war um Kopfshöhe größer, als der Junker van Daalen, und sah in diesem Augenblicke auf ihn herab, wie auf ein Kind. Bei seiner Größe gab ihm die fleischige Fülle seines Körpers ein wahrhaft herkulisches Ansehen. Sein wohlgebildetes Antlitz trug den Ausdruck der Offenheit, der frohen Laune und einer kräftigen Derbheit. Seine Bewegungen waren langsam und nachlässig, wie man sie oft bei sehr starken Menschen findet, denen sich in Unternehmungen, welche Körperkraft erheischen, selten anreizende und zu rascher Thätigkeit auffordernde Hindernisse in den Weg stellen. »Was sollte sie mit einem Knäbchen anfangen, wie du bist? Sie ist einmal geboren eines Schiffcapitäns Frau zu seyn und du magst wohl zur Noth mit dem Messer, das du an der Seite trägst, handthieren können, wenn es aber darauf ankommt, ein Schiff lufwärts oder leewärts zu halten, das Raasegel aufzuhißen, den Anker zur rechten Zeit schießen zu lassen und die tollen Jungen, die beim Sturm in den Tauen herumtanzen, wieder nach der Commandopfeife tanzen zu lassen, da bist du ein verlorener Mann, da hat dein Compaß die Richtung verloren, da steuerst du frisch auf die Sandbank los, bis du strandest und dein leckes Boot untergeht mit Mann und Maus. Dort blick hin aufs Backbord! Da steht eine in einer Takellage, die für dich paßt. Das ist ein Schätzlein für meinen Cornelius, das ihm auch so leicht keiner abspenstig macht.«