Bei diesen Worten ergriff er seinen jungen Freund bei den Schultern und drehete ihn rasch um, so daß Cornelius nun die Aussicht nach dem vordern Theile des Schiffes hatte. Da fielen seine Blicke sogleich auf Jungfrau Philippintje, die vor der Syrene stand und ihn mit heftigen Bewegungen zu sich heranwinkte. Er gönnte seinem Freunde kein weiteres Wort, er ließ ihn stehen und war in drei Sprüngen bei der Alten. Jansen schickte ihm ein schallendes Gelächter nach, er aber überhörte es und sprach mit ungemeiner Freundlichkeit zu der Jungfrau:

»Wie geht es Euerer schönen Schutzbefohlenen? Gewißlich recht gut, denn unter einer solchen mütterlichen Pflege kann die zarte Pflanze nur gedeihen und in frischer Gesundheit emporblühen!«

»Ja, mein hochwerther Junker,« versetzte Philippintje, die sich sehr geschmeichelt fühlte, »das muß wahr seyn, ich bin dem Mädchen immer gut gewesen, wie eine leibliche Mutter und ohne mich, die sie stets auf dem Wege zum wahren Christenthume gehalten, wäre sie nach dem Beispiele des sündigen Vaters, eine Heidin geworden und so eine Schiwa-Verehrerin, die ein Stück Holz für den lieben Herrgott ansieht. Aber da habe ich sie seit ihrem siebenten Jahre täglich zum Domine geführt in die Glaubenslehre, wenn der Patron in der Schreibstube oder den Gewölben sein Wesen trieb, da habe ich sie Abends bei mir im still heimlichen Kämmerlein wiederholen lassen, was sie in Sprüchen und biblischen Erzählungen bei dem Domine gelernt, und deshalb ist sie fromm und schön geworden, denn wer dem Herrn mit wahrhaftiger Liebe zugethan, den schmückt er auch mit lieblicher Gestalt und freundlichem Wesen. Alles, was sie ist, hat sie mir zu danken, die Clötje: das gute Gemüth und die Schönheit, und das lasse ich mir nicht bestreiten.«

»Wer wollte auch das thun?« fiel Cornelius ein, der Mühe hatte seine Ungeduld zu bewältigen. Die Lust an dem Weihrauche, den Philippintje sich selbst streuete, hatte sie ganz von der Beantwortung seiner Frage abgeführt. Er wiederholte sie jetzt dringender und fügte hinzu, er fürchte sehr für Clelias Gesundheit, der doch leicht der Schreck, wie die feuchte Nachtluft, nachtheilig gewesen seyn könne.

»Nichts von allen Dem!« entgegnete kopfschüttelnd die Hausjungfer. »Sie liegt im besten Schlafe von der Welt und ihre Wänglein blühen, wie die schönsten Tulipanen in Heern van Vlietens Blumengarten, wie der Duc van Doll, oder der Admiral Enkhuysen. Wer ein gutes Gewissen hat, dem kann der Böse nicht so leicht etwas anhaben in Weh und Krankheit! Ich freue mich nur darauf, wenn sie ausgeschlafen hat und sich nun frei sieht in der weiten Gotteswelt, der schrecklichen Gefahr, ihrem Glauben entsagen und eine Nonne werden zu müssen, entgangen.«

Herr Cornelius van Daalen konnte diese Freude nicht theilen. Vor seinen Geist trat in diesem Augenblicke Alles, was er bei Clelias Erwachen zu erwarten, was er von ihrer wiederkehrenden Besinnung und Erkenntniß zu fürchten hatte. Vorwürfe, einige Kälte und etwas Jammer nach dem Vater — auf diese Dinge war er gefaßt. Wenn aber Clelia ihm vielleicht ihre Liebe entziehn, wenn sie seine Unbesonnenheit so entsetzlich bestrafen wollte, ihn aus ihrem Angesichte zu verbannen, dann war das Aergste geschehen, dann blieb er ewiger Reue über ein Unternehmen hingegeben, das statt ihm die Geliebte zu sichern, sie ihm geraubt hatte. Philippintje näher mit sich zu verbinden, schien ihm durchaus nothwendig. Er nahm einen gehenkelten Doppeldukaten aus seinem wohlgefüllten Ledergürtel, hielt ihn zwischen zwei Fingern, so daß er lockend im Sonnenlichte erglänzte, und sagte im schmeichelhaftesten Tone, den er aufzubringen vermochte:

»Wir Beide sind vom Schicksale erkoren, über die Lebenspfade der lieben Clelia zu wachen. Wir müssen gleich seyn in Gesinnungen und Handlungen, aber auch sonst im Aeußeren vor den Leuten. Deshalb verlange ich es als eine Gunst von Euch, daß Ihr dieses Goldstück annehmet und in Antwerpen, wo Ihr dergleichen leicht haben könnt, Euch mit einem stattlichen Reiseanzug bekleidet. Nicht wahr, gute Philippintje, Ihr schlagt es mir nicht ab?«

»Behüte Gott!« antwortete Philippintje, indem sie mit großer Gelassenheit den Doppeldukaten annahm und rasch in ihren ansehnlichen Tragsack gleiten ließ. »Soll ich Clötje’s Mutter vorstellen und Clötje Euere Schwester, so seyd Ihr ja nichts anders, als mein leiblicher Sohn, und von dem kann ich dergleichen wohl annehmen. Es ist mir auch daran gelegen, daß ich vor der Muhme Jacobea nach Stand und Würden erscheine: das gibt Euch und der ganzen Sache ein Ansehn. Aber, junger Herr,« fuhr sie mit einem verschmitzten Blicke fort, »Ihr habt mir noch ein Räthsel zu lösen, das mir schon lange Nachdenken macht. Wie kamet Ihr denn in den Schiwa und überhaupt, durch welche Veranstaltung gelang es Euch, Eingang in das verschlossene Haus zu finden?«

»Ach!« entgegnete Cornelius und nahm mit einer schwermüthigen Miene auch einen sehr schwermüthigen Ton an: »kennt Ihr die Macht der Liebe nicht, Jungfrau Philippintje? Sie, welche auf dem Throne herrscht, wie in der Hütte des Armen, sie, die den Bettelstab zum Zauberstabe Fortunens macht, die den Hülflosen auf einmal auf den Gipfel des Reichthums und der Freuden erhebt, und den Mächtigen und Reichen niederwirft zu den Füßen der Niedrigkeit und Armuth? Beim Waffenruhme des Prinzen Eugenius! Ihr hättet mehr als zwanzig Jahre hinter Euch und die Liebe wäre Euch unbekannt geblieben?«

»Nein, nein!« sagte fast weinend Philippintje. »Ich kenne sie nur zu gut. Sie hat mich glücklich und unglücklich gemacht, sie hat mir Freuden gegeben, wie sonst nichts mehr, aber auch Leiden, wie sonst nichts mehr! O mein Balthasar, mein Balthasar! Es war gerade in der Zeit, wo die Gebrüder De Witt ermordet wurden, als ich ihn zum erstenmale sah, es mag nun schon ein Paar Jährchen her seyn —«