»Verzeiht, edle Jungfrau,« unterbrach sie mit schonungslosem Muthwillen Cornelius, »seit jener Zeit sind nun schon über dreißig Jahre vergangen. Aber das thut nichts zur Sache. Ich glaube Euch Alles gern, was Ihr gesagt habt und noch sagen wollt; aber hört nun auch mich an. Vernehmt ein Geständniß, das Euch nicht befremden kann, da Euch die Liebe nicht fremd, sondern im Gegentheile nur zu gut bekannt ist. Ich liebe Euch, holdselige Philippintje

»Wie, mich?« rief Philippintje im Tone der außerordentlichsten Verwunderung aus und trat einen Schritt zurück. »Ich hoffe, in allen Ehren!« fügte sie, als sie keinen Zug des Scherzes oder Spottes in Cornelius Zügen zu entdecken glaubte, hinzu.

»Freilich!« versicherte dieser. »So sehr in allen Ehren, daß ich auch nicht die mindesten Absichten auf Euch habe. Ueberhaupt werdet Ihr die Ehrlichkeit meiner Gesinnung schon daraus erkennen, wenn ich Euch offenbare, daß ich Euch nur als die Erzieherin und Freundin Clelia’s liebe, die ich zu meinem eigentlichen Herzensgespons erkoren habe.«

»Ah, so meint Ihr es!« erwiederte gedehnt das ältliche Mädchen. »Ihr müßt nur nicht glauben, daß Ihr mir da etwas Neues sagt,« fuhr sie, indem die Spur eines Unwillens über getäuschte Erwartung im Tone der Rede und in ihrem Antlitze zurückblieb, fort: »ich habe Euere Fensterpromenaden am Canale auf und nieder, die verliebten Blicke, die Ihr nach Clötje’s Fenster schicktet, wohl bemerkt. Aber was hat das mit Euerm Logement im Schiwa gemein, was mit Euerm Eindringen in des Patrons Haus?«

»Herzliebste Philippintje,« lenkte Cornelius mit möglichster Freundlichkeit wieder ein, »Ihr habt ja auch schon der Beispiele erlebt, daß Frauenzimmer sich in diejenigen wieder verliebt haben, die ihnen durch Fensterpromenaden und dergleichen Dinge ihre Neigung bezeigt. So ist es auch der liebenswürdigen Clelia mit meiner geringen Person ergangen.«

Er fuhr nun fort, ziemlich der Wahrheit gemäß, zu berichten, was beide Väter oft von einer Verbindung der Kinder gesprochen, wie diese dann erst beim Kirchgang und andern Gelegenheiten sich einander genähert, wie endlich am gestrigen Abende, auf sein vielfaches Zureden, Clelia ihm den heimlichen Eintritt in das Haus bewilligt und verschafft, wie er, durch des Herrn Tobias unerwartete Rückkehr, nothgedrungen in den Leib des Schiwa kriechen müssen und dort, ohne es zu wollen, Zeuge der Entzweiung beider Väter geworden und die schrecklichen Anschläge vernommen, welche der alte van Vlieten gegen ihn und die Tochter im Sinne trage, indem dieser zugleich seines geheimen Uebertrittes zu einem andern Religionsglauben gedacht. Bei dieser Abweichung von der Wahrheit zur Lüge mußte Cornelius zu seinem großen Erstaunen und zu seinem noch größern Verdrusse die Bemerkung machen, daß Philippintje mit einem ungläubigen Lächeln zu ihm aufsah, eine sehr listig seyn sollende Miene annahm und bedenklich den Kopf schüttelte. Das kam ihm durchaus unerwartet. Der Eifer, den die Hausjungfer bei der ersten Entdeckung an den Tag gelegt hatte, schien ihm ein hinlänglicher Bürge ihrer Leichtgläubigkeit zu seyn; aber, wie es jetzt das Ansehn gewann, hatte er sich getäuscht und wurde von ihr in seinem, freilich nicht allzu fein angelegten Betruge durchschaut. Er war nun bemüht, sie von weitern Gedanken und Ueberlegungen, die diesen Punkt betrafen, abzuziehn. Er sprach von seiner großen Liebe zu Clelia, von der gerechten Verzweiflung, die ihn ergriffen, da er Herrn Tobias plötzlich entstandenen Widerwillen gegen die schon so gut als abgeschlossene Verbindung erkannt, von dem beispiellosen Glücke, das er Clelien als zärtlicher Gatte zu bereiten gedenke, von seiner Dankbarkeit gegen Philippintje, die ein solches Kleinod gebildet, und von den reichen Geschenken, von der Hochachtung bis ins späteste Alter, mit denen er jene Dankbarkeit bethätigen wolle.

»Hochedler Junker,« sagte Philippintje, nachdem er geendigt und zwischen beiden Personen eine erwartungsvolle Stille geherrscht hatte, bedächtig, »es gibt Dinge, die ich am Tage anders ansehe, als in der Nacht. So geht es mir mit Euerer Geschichte von des Patrons Glaubensveränderung, von Clötjes Nonnenschaft, von Euerer Verbrennung; sie kommt mir vor wie ein Traum, und: Träume sind Schäume, sagt ein altes Sprüchwort. Ich habe schwer und böse geträumt, aber ich bin nun erwacht. Der alte Tobias mag wohl ein schlechter Christ seyn und mehr am heidnischen Schiwa, als an der christlichen Liebe hängen, aber so arg treibt er’s doch nicht, daß er ein Catholik geworden wäre und den Herzog von Alba wieder aus dem Grabe erwecken möchte, sammt der Inquisition und ihren Blutgräueln. Davon hat mir mein Balthasar selig erzählt, der die Geschichte auf ein Haar wußte. Nein! der gestrenge Patron verabscheut vielmehr die Spagnolen, schon des Zuckers und Caffees, der Muskaten und des Caneels halber, mit denen sie gern allein handeln wollen. Ihr habt uns diese Nacht in der ersten Bestürzung einen mächtigen Bären aufgebunden, mir und meiner Clötje: so groß, daß sie ihn gleich erkennen wird, wenn sie nur ihre Aeuglein aufthut!«

»Holland und England!« fuhr Cornelius unbedacht heraus. »Das ist ja mein einziger Kummer. Glaubt Ihr, ich kenne Clelia nicht genug, um das vorauszusehn?«

»Sündenlohn ist der Sünden Schuld!« versetzte das Mädchen, indem sie mit großer Selbstzufriedenheit über den bewiesenen Scharfsinn den Kopf mit der langgeöhrten Spitzenhaube hin und herwiegte. »Ihr hättet Euch auch selbst verrathen, wenn ich Euch nicht errathen hätte. Ihr könnt dergleichen Streiche im ersten Augenblick wohl unternehmen, aber Ihr seyd nicht schlimm genug, sie durchzuführen. Ich war eine rechte Thörin, Euren Spiegelfechtereien Glauben beizumessen; allein es reuet mich nicht, denn es ist schon seit lange einer meiner innigsten Wünsche, einmal in der Welt herumzufahren, und allerlei Schicksale und Begebenheiten zu erleben. Aber Clötje? Die denkt nicht so, die wird ein andres Stücklein anstimmen, das Euch widrig in die Ohren gellen und Euer Müthchen gewaltig herabstimmen dürfte!«

»Unvergleichliches Philippintje, da müßt Ihr helfen!« bat dringend Cornelius. »Euch verdankt sie das edle Gemüth, die Schönheit und den Verstand. Ihr vermögt Alles über sie. Sucht sie bei dem Glauben an Herrn Tobias tyrannische Absicht zu erhalten, malt ihr das Nonnenleben noch weit entsetzlicher, als Ihr schon gethan habt, stellt ihr die Qual der Verdammniß vor —«