»Das thue ich nicht!« entgegnete mit einem bösen Gesichte und entschlossener Stimme Philippintje. »Ueberhaupt, wenn Ihr auf dem Lügenpfade fortschreiten wollt, so dürft Ihr nicht darauf rechnen, mich zur Reisegefährtin zu besitzen.«
»Nicht böse, Engels-Philippintje, nicht böse!« versetzte höchst kläglich der muthlos werdende Kriegsmann. »Wenn Ihr mich verlaßt, so bin ich ja von Allem verlassen, selbst von dem letzten Troste des armen Sünders, von der Hoffnung. Helft mir und rathet mir in dieser Sache und ich schwöre Euch, wenn Ihr es dahin bringt, daß Clelia die meinige wird, so soll es Euch nie fehlen an irgend Etwas Euer Lebelang, wir wollen Euch hegen und pflegen, wie eine Mutter und Ihr sollt jährlich hundert Dukaten blos für Euere Nebenausgaben haben.«
Das war eine starke Versuchung für Philippintje. Sie hatte im Hause des Herrn Tobias Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß der geizige Herr, seitdem sie in die Jahre getreten, wo ihr die häuslichen Geschäfte nicht mehr so flink von der Hand gingen, wie früher, sie mit scheelem Auge ansah, oft um Geringfügigkeiten Willen Ursache zum Streit mit ihr suchte und sie in einer Weise ausschalt, aus der sie ersah, daß sie ihm lästig falle, sie hatte sogar aus seinem Munde hören müssen, daß, wer nicht arbeite, auch nicht des Brodes werth sey, das er esse. Diese Hartherzigkeit, diese Undankbarkeit des alten van Vlieten erbitterte sie auf’s Aeußerste; sie sah von diesem Augenblicke Alles, was er that, in einem schwarzen Lichte an. Seine Abgeneigtheit, den Domine zu bewirthen, galt ihr für Mangel an Christenthum, seine Liebhaberei am Schiwa war ihr ein Beweis, daß er im Heidenlande, wie sie Ostindien nannte, auch heidnische Gesinnungen angenommen habe. Sie war in ihrer durch Tobias selbst fortgenährten Erbitterung geneigt geworden, das Entsetzlichste von ihm zu glauben. Deshalb ging sie so leicht in die von Cornelius gestellte Falle, deshalb wirkte sie übereilt zu einem Unternehmen mit, dessen Bewegungsgründe ihr, sobald ihr Gemüth Zeit zu Ruhe und Nachdenken fand, als Täuschungen, als Ausgeburten der Unbesonnenheit und des Leichtsinnes erscheinen mußten. Sie durfte nicht hoffen, bei einer etwaigen Rückkehr in Cleliens Vaterhaus, von dem Prinzipal entschuldigt und wieder in Gnaden angenommen zu werden. Im Gegentheile stand zu erwarten, daß Herr Tobias in ihr die Verbündete des Junkers Cornelius sehen, seinem langgenährten Grolle Luft machen und ihr den oft in unzweideutigen Ausdrücken gedroheten Abschied ertheilen würde. Nun kam des jungen van Daalen, gegen jede Noth des Alters schützender Antrag und mit ihm eine Gelegenheit, deren Frauenzimmer in Philippintje’s Jahren sich so gern bemächtigen, nämlich die, eine Heirath stiften zu können, und dabei noch die Aussicht, an dem filzigen Tobias Rache zu nehmen — Philippintje widerstand nicht länger, aber sicher wollte sie sich setzen und nicht einem bloßen Versprechen das Glück ihrer Zukunft, das vielleicht nie wieder so lockend sich bieten würde anheimstellen.
»Was Ihr mir da sagt, ist wohl recht schön und gut, hochedler Junker!« hob sie mit angenommener Gleichgültigkeit an, »aber nehmt mir’s nicht übel, wer kann Euch trauen? Habt Ihr Euch kein Gewissen daraus gemacht, mich und auch gar Euere Herzliebste bei Nacht hinter der Wahrheit herumzuführen, so werdet Ihr es bei Tage ebensowenig thun. Ich weiß recht gut, Ihr seyd ein reicher Erbe, Euer Vater ist ein dicker Herr in der guten Stadt Rotterdam und es wird dermaleinst nicht viel für Euch seyn, jährlich einhundert Dukaten einem armen Mädchen hinzuwerfen, das sie wohl durch vielfache Sorgen und Nachtwachen bei dem lieben Clötje verdient hat. Aber wer verbürgt mir Euer Wort? Wißt Ihr was, Herr Cornelius, gebt mir’s schriftlich und dann will ich sehn, was ich bei Clötje thun kann. Mit einem solchen Papier in der Tasche hat man gleich mehr Muth, der Verstand schärft sich und man weiß für jeden Nothfall eine gute Aushülfe!«
»Nassau und Oranien, Ihr traut meinem Worte nicht?« entgegnete mit einiger Heftigkeit Cornelius. Dann aber fuhr er lachend und indem er sich eines Gefühles von Beschämung nicht ganz erwehren konnte, fort. »Aber ich kann es Euch nicht verdenken. Ich habe es danach getrieben, daß Ihr mich mehr für einen Wortmacher, als einen Worthalter ansehn müßt. Ich will Euere gute Meinung wieder gewinnen. Gleich stelle ich Euch die Schrift aus, die Ihr verlangt, aber, sowahr ich Clelia mehr als Alles liebe, für diesen Fall hättet Ihr keiner anderen Versicherung bedurft, als meines Wortes.«
»Besser ist besser!« sagte Philippintje mit zweifelhaftem Kopfschütteln für sich, während Cornelius hastig nach dem Tische des Steuermannes schritt, auf dem sich Papier und Schreibzeug befand. Von diesem Augenblicke sah die Hausjungfer des jungen Mannes Angelegenheit für ihre eigene an. Sie überlegte hin und her, auf welchem Wege sie am besten ihr Clötje zu milden Gesinnungen für den unbesonnenen Kriegsmann aus dem Unwillen überleiten könne, der das liebe Kind sicherlich beim Erwachen ergreifen würde, wie sie die Besänftigte dann weiter zur Fortsetzung der Reise, zu dem Besuche bei der Muhme Jacobea bewegen möge, damit der alte Tobias nicht, noch etwa vor dem geschlossenen Bunde, seine scheidende Vaterhand zwischen den Junker und Clötje hinstrecken könne. Eben als Cornelius herbeitrat und ihr das gewünschte Papier überreichte, glaubte sie die rechte Art und Weise gefunden zu haben.
»Laßt mich nur machen!« sprach sie in dem Tone des nun herrschenden traulichen Einverständnisses. »Der alte Heide Tobias soll Euern Herzenswünschen nicht entgegentreten und Clötje selbst wird gern ja sagen, wenn ich mit ihr geredet habe. Hütet Euch nur vor ihr Angesicht zu treten, bis ich Euch einen Wink gebe. Beruhigt Euch: Es wird Alles gut gehn.«
Philippintje verbarg die erhaltene Verschreibung im tiefsten Grunde der großen Ledertasche, die sie unter der Schürze, an ihrem Leibe trug. Dann trippelte sie fort, die kleine Treppe hinab, welche zu Cleliens Aufenthalte führte.
Die Ufer des Flußes, den die Syrene, von schwellenden Segeln rasch fortbewegt, hinauffuhr, erweiterten sich. Die zierlichen, roth und weiß gemalten Landhäuser mit den freundlichen, hellgrünen Laden und Thüren, wurden seltener und sahen nur noch aus der Ferne herüber. Man näherte sich der Gegend, wo die Maas, mit einem Arme der Schelde und mehrern andern Gewässern vereinigt, eine Art von See bildet, in dessen Mittelpunkt man, wie auf offenem Meere, keine Küste mehr erblickt. Die Barke kam jetzt, obgleich die Zugpferde ausgespannt wurden, noch schneller vorwärts, als bisher, da der Richtung ihres Laufes die eintretenden Strömungen anderer Gewässer Hülfe leisteten. Die Schiffenden sahen bald den weiten Spiegel vor sich liegen. Viele Segel waren in der Nähe und Ferne zu erblicken.
Da trat mit einer ernstern Miene, als gewöhnlich, der Capitän zu seinem Freunde: