Es ging sehr lustig her in der Küche, nämlich in so weit es die holländischen Anstandsregeln erlaubten. Vor dem blankstrahlenden Heerdte thronte auf einem erhabenem Sitze die Wirthin des Hauses, eine Frau von mittlerem Alter, die mit unerschütterlicher Gemüthsruhe in die Tasse Thee blickte, die eben die eine Hand zum Munde führte, während die andere eine Butterschnitte mit geräuchertem Stockfisch hielt. Ihre Stirn wurde von einer ungeheueren Spitzenhaube beschattet, bis zum Halse steckte sie in der reichbeblumten Calamankjacke, deren mächtige Schöße weit über die Kniee hinabreichten. In ähnlicher Beschäftigung und Haltung saßen in einem Halbkreise ihre Freundinnen und Nachbarinnen ihr zur Seite. Alle sahen starr in die dampfenden Theetassen und auf den duftenden Stockfisch des Butterbrotes. Nur zeichneten sich die Gäste von der Hausfrau dadurch aus, daß sie sämmtlich die großen schwarzen Regentücher, deren Zipfel den Boden berührten, um den Kopf geschlungen hatten, welche die Holländerinnen auf dem Lande, sobald sie nur die Schwelle ihrer Wohnungen übertreten, bei Sonnenschein und Schneegestöber, bei Windstille und Sturm, nicht verlassen. Im Uebrigen schien sich die ganze Gesellschaft sehr behaglich zu fühlen. Keiner der Theetrinkenden fehlte das beliebte, sanft von unten erwärmende Feuerstövchen und jede hatte zu gelegentlicher Dienstleistung das zierliche Quispeldöschen neben sich. Es war eine Gesellschaft von Freundinnen im höchsten Grade der geselligen Freude: keine sprach ein Wort, aber alle Bedürfnisse holländischer Bequemlichkeit waren befriedigt und das blank gescheuerte, funkelnde und strahlende Messing- und Kupfergeschirr, der glänzende Reichthum des englischen Zinns, des japanischen Porzellans in den gebohnten Glasschränken erquickte noch überdem die Augen der versammelten Frauen, wenn sie diese einmal von der Theetasse und vom Stockfische aufschlugen. Je weniger aber die Gesellschaft sich laut machte, desto mehr glaubten die zwei Musikanten für eine lärmende Unterhaltung sorgen zu müssen. Der Dudelsackbläser, eine hagere bleiche Figur, schien die letzten Odemzüge aufwenden zu wollen, um durch seine melodischen Töne über die schwer zu erschütternden Herzen seiner Zuhörerinnen zu siegen. Der Geiger, noch kleiner und hagerer, rang mit ihm um den Preis des Sieges. Beide saßen in einem Winkel der Küche auf einer umgestürzten Tonne und hatten einen ungeheueren Bierkrug zwischen sich.
Wenn der Zweck, der diese muntere Gesellschaft hier vereinigt hatte, nicht durch sie selbst und ihre Aeusserungen klar wurde, so befand sich doch ein Gegenstand in der Küche, der jedem Eingebornen sogleich einen vollständigen Aufschluß gab. Es war nämlich Kuh-Visite bei der gastfreien Wirthin und die geschlachtete, ausgeweidete, zierlich mit Bändern und goldpapiernen Blumen geschmückte Dulderin, die den Bedürfnissen des nahenden Winters zum Opfer gefallen war, hing an einem eigenen Gestelle von hell polirtem Nußbaumholz der Hausfrau gerade gegenüber, so daß sie von allen Anwesenden fortwährend angeschaut und bewundert werden konnte. Sie hatte das treue Haupt nach ihrer ehemaligen Herrin hingewendet und sah diese aus den lichtlosen Augenhöhlen ebenso geistreich an, wie sie wiederum von ihr in einzelnen Augenblicken der Trennung von Thee und Stockfisch, angeblickt wurde. Es lag wirklich etwas Rührendes in dem Umtausche dieser Blicke. Beide waren gewiß Herzensfreundinnen gewesen, aber das unerbittliche Schicksal hatte geboten und die eine mußte fallen, wenn auch nicht unter der Hand der Freundin, doch unter ihren Augen und auf ihr Geheiß.
Kaum hatte Cornelius einen Blick in die hell erleuchtete Küche geworfen, so sah er auch gleich die Bedeutung des Festes ein und daß er dieses nicht durch einen Aufruf der Wirthin stören dürfe.
»Janneke!« rief er zurücktretend, und sogleich haspelte sich hinter der Tonne, auf welcher die Musikanten ihr entsetzliches Gelärm trieben, der Hausknecht hervor, der gewöhnlich in Holland bei diesem Namen gerufen wird. Dem kleinen kugelrunden Burschen fiel es schwer, sich zwischen den trinkenden Frauen hindurch zu winden, ohne eine von diesen, was ein unverzeihliches Verbrechen gewesen wäre, durch Berührung zu stören. Er begann auf verschiedenen Seiten seine Versuche, aber hier traten ihm die ungeheueren Schöße einer Calamankjacke, dort die langen Zipfel eines Regentuches in den Weg. Gerade gehend hindurchzukommen, war eine reine Unmöglichkeit, denn die Ellnbogen der Damen hielten so eng zusammen, daß bei dem taktmäßigen Theetrinken, zu dem die Hausfrau immer das Zeichen gab, eine allgemeine geräuschvolle Reibung entstand. Endlich faßte Janneke einen raschen Entschluß zu einer kühnen That. Er warf sich nahe an der Küchenwand glatt auf den Leib nieder und kroch nun zwischen dieser und dem eher zu berührenden Feuerstövchen, das die Füße der hier sitzenden trug, hervor, um das Verlangen des angekommenen Gastes zu vernehmen.
Er stand odemlos vor dem Reisenden und sah mit Blicken dummen Erstaunens auf Philippintje, die noch immer seufzend und stöhnend auf Cornelius Schultern ruhete und seinen Hals so ängstlich umklammert hielt, als wolle sie ihn nicht lassen ihr Lebelang. Des Junkers Gebot trieb den Hausknecht, sie in das Gastzimmer des obern Stocks zu führen, wo der Kriegsmann sich sogleich seiner süßen Last entledigte und sie auf ein Ruhebett niederließ.
»Das ist mein letztes Lager!« sagte mit sehr schwacher Stimme Philippintje, die nur Leiden, aber nicht Freuden des Brautstandes kennen lernen sollte. »Ich war des ledigen Standes müde und wollte nun selbander das Glück der Jugend genießen, denn: ›es ist nicht gut, daß du allein seyst,‹ und: ›Er schuf ein Männlein und ein Fräulein;‹ sagt die Schrift. Aber es soll nicht seyn! Das Beißen und Prickeln auf der Zunge und in den Augen hätte ich wohl ertragen dem Bootsmanne zu Liebe, aber der Qualm ist mir in’s Herz gedrungen und will nun heraus und wird es zersprengen zur Strafe meiner Sünden. Ach, wer nur ein reines Gewissen hätte in dieser Stunde!« fuhr sie jammernd fort. »Aber was liegt nicht Alles darauf und drückt es schwer hinab, so daß es sich nicht erheben kann von der Erde? Clötje, wenn du je wieder heim kommest in die fromme Stadt Rotterdam, so sprich deinen Vater an um Verzeihung für die arme Sünderin, die dann nicht mehr lebt und gestraft worden ist durch das, woran sie gesündigt. Entdecke ihm, daß der kostbare Canaster, den er so oft im Gewölbe vermißt, durch mich dem Domine zugetragen worden, daß ich glaubte mir mit dem Tabak ein Stühlchen im Himmel zu erbauen, das aber, wie ich nun wohl einsehe, ein rauchender, quälender Sitz in der Hölle geworden ist. Ich kann nicht mehr, lebe wohl, Clötje! Haltet sie gut, Junker Cornelius!«
Sie schwieg und kehrte sich tief aufseufzend nach der Wandseite. So große Unbequemlichkeit dieser Zustand ihr auch erregen mußte, so hatte er doch nichts, was ernstliche Besorgnisse hätte verursachen können. Bis zum Morgen war gewiß Alles vorüber und Philippintje war um eine gute Lehre und eine nützliche Erfahrung reicher!
»Laßt mich allein mit ihr, Junker Cornelius!« bat Clelia. »Sie wird sich eher beruhigen und alle Pflege, deren sie bedarf, kann sie von mir erhalten. Sendet mir nur Thee. Der wird die beste Arznei für sie seyn.«
Cornelius schob den Hausknecht, der noch immer das ihm unbegreifliche Schauspiel anglotzte, vor sich her zur Thüre hinaus. Er sorgte dafür, daß der verlangte Trank in das Krankenzimmer gebracht wurde und überließ sich dem Nachdenken über seine tollen Streiche und die Begebenheiten des heutigen Tages, indem er, bei dem Klange der schreienden Instrumente, vor dem Hause auf und nieder ging. Es war ein sternenheller Abend. Für einen der letzten Tage des Oktobers wehete die Luft ziemlich lau. In den leicht bewegten Wellen schwankte das Spiegelbild des Mondes lieblich hin und her. Von der Barke schwammen einzelne laute Worte, munteres Gelächter und der Gesang Beckje’s herüber. Cornelius empfand einen Augenblick Lust, seinem Freunde Jansen noch einen späten Besuch zu machen; allein diese Anwandlung verlor sich bald in ernste Betrachtungen über seine Lage, über die Zukunft, der er Clelien ausgesetzt. Eine finstere Stimmung, wie er sie früher nie gekannt, bemächtigte sich seiner. Es war Unzufriedenheit mit sich selbst, mit dem Schicksale, das ihn, wie er meinte, dahin getrieben, dumme Streiche zu machen.
Er war wohl über eine Stunde in solche Gedanken versunken am Strande hin und her gewandelt, als die Musik im Innern des Hauses verstummte. Schweigend und geisterartig schlichen die schwarz verhüllten Frauen von der Kuhvisite nach Hause. Sie waren selig in ihrem Innern. Sie hatten ja Thee getrunken und Butterbrod mit Stockfisch gespeist! Welcher Wunsch, welche Sehnsucht wäre noch in ihren Herzen zurückgeblieben?