Auf die Ermahnung Janneke’s, der die Hausthüre verschließen wollte, begab sich Cornelius in die gastliche Wohnung zurück und suchte sein Zimmer. Er gedachte einige Stunden zu ruhen, aber die Schwermuth, die über ihn gekommen war, verscheuchte den Schlaf von seinen Augen. Er fühlte, daß er in einem Wendepunkte seines Lebens stehe. Die tausendfarbigen Bilder, die der Leichtsinn erschaffen, die seine Phantasie genährt hatte, waren in dunkele Nacht untergegangen. Die Zukunft starrte ihm mit einem finstern, drohenden Antlitze entgegen; aber er beschloß gegen alles Ueble, das sie bringen könne, zu kämpfen, wie ein Mann, Clelien als unerschütterlicher Beschützer redlich zur Seite zu stehen und sich das geliebte Mädchen, das seine Unbesonnenheit aus dem ruhigen Geleise ihres häuslichen Lebens gerissen, durch ein edles Benehmen zu gewinnen. —
Wir müßten den Pinsel und den Sinn eines niederländischen Malers für solche Dinge besitzen, wollten wir — wenn es auch der Leser vergönnte — alle Qualen und Uebel, die Philippintje im Laufe dieser Nacht überstand, zu schildern versuchen. Es war schon nahe gegen Morgen, als Junker van Daalen durch den Hausknecht in das Krankenzimmer beschieden wurde, wo man seiner begehre. In einem Augenblicke war er drüben.
Die Gepeinigte saß halbaufrecht und reichte ihm sehnsuchtsvoll beide Arme entgegen. Clelia stand an einem Tische und bereitete frischen Thee, während sie ihn aus dem bleichen, überwachten Angesichte freundlich anlächelte.
»Ach, es ist gut, daß Ihr kommt, hochedler Junker!« sagte Philippintje mit gepreßter, aber doch erkräftigter Stimme. »Ich kann nicht leben und nicht sterben. Das Goldstück, das mir Herrmanneke für das Verlöbniß auf die Hand gegeben, brennt mir auf dem Herzen und läßt mich nicht von dannen fahren. Erzeigt mir noch einen Dienst auf der Welt, den letzten Liebesdienst. Nehmt das Goldstück, gebt es ihm zurück und bringt mir den Ring wieder, den ich treuer hätte bewahren sollen, da er noch von Balthasar selig stammt. Ich habe furchtbare Dinge gesehen in dieser Nacht. Auf der einen Seite stand Balthasar, auf der anderen, mit dem Stummel im Munde, Herrmanneke, und beide rissen sich um mich, wie die höllischen Geister um eine arme Seele. Das Gezerre wollte kein Ende nehmen. Da trat aus dem schrecklichen Tabaksqualm, den der Bootsmann verbreitete, Heern Tobias van Vlieten’s lange hagere Gestalt hervor und schrie mit Donnerstimme: Hebt Euch weg von ihr, denn sie ist mein, weil sie mir ihre Seele dahingegeben hat für Caffee und Zucker, so sie mir gestohlen! Balthasar und Herrmanneke verschwanden und ich glaubte nun nicht anders, als der hochmögende Heer werde mir den Hals umdrehen, so daß ich mit dem schwarzangelaufenen Gesichte hinter mich sehen müßte, allem Gebrauche und aller Schicklichkeit zuwider. Aber Clötje’s liebe Stimme, die tröstlich dazwischen klang, verscheuchte die entsetzlichen Bilder und der Zuckerthee, den sie mir einflöste, trieb den kalten Schauer fort, der mir durch alle Glieder rann. Geht, hochedler Junker, geht: ich beschwöre Euch! Die Seele will sich vom Leibe lösen, aber sie vermag es nicht, denn das Goldstück und der Ring hält sie am Irdischen fest. Da ist der halbe Ruyter des Bootsmannes. Holt mir meinen Ring und bringt mir gleich auch den Siechentröster und den Ansprecher mit!«
Aus Philippintje’s überströmender Redseligkeit erkannte der Junker, daß ihr Uebel bereits im Abnehmen sey und nur die erregte Einbildungskraft ihr noch immer den Tod als eine nahe, unvermeidliche Sache vorspiegle. Ein Wink Clelia’s bestimmte ihn, das Goldstück aus Philippintje’s bebender Hand anzunehmen.
»Nun eilt, eilt, hochmögender Heer Cornelius!« flehete sie von Neuem. »Laßt die arme Seele nicht zu lange kämpfen und nach Erlösung schmachten! Sagt dem Bootsmann, daß wir geschieden seyen für die irdische Zeitlichkeit und die himmlische Ewigkeit! Er hat mich ums Leben gebracht mit seiner Pfeife, aber ich verzeihe es ihm auf dem Sterbebett, als eine gute Christin, die keinen Groll mit hinübernimmt ins Himmelreich. Eilt, lieber Junker! Erlöset die arme Seele!«
Sie sank in die Kissen zurück. Ehe noch Cornelius die Thüre erreichte, verriethen schon laute unmelodische Töne, die ihren Lippen entschwebten, daß sie in einen tiefen, ihr wahrscheinlich höchst wohlthätigen Schlaf gefallen sey.
Es war ein kühler, feuchter Morgen. Dicke Nebel lagen auf dem Hollands-Diep und dem flachen Küstenlande. Wie durch einen grauen Flor schimmerte die Leuchte von der Barke herüber. Noch fand Cornelius niemand ermuntert, als den Bootsmann, den er suchte und der am Steuer Wacht hielt. Die glimmende Pfeife in Herrmanneke’s Munde zeigte dem Junker den Weg. Es hielt nicht schwer, jenen zu bewegen den leichten silbernen Ring, den er von Philippintje als Liebeszeichen empfangen hatte, gegen das werthvollere Goldstück herauszugeben.
»Ich möchte sie nicht, und wenn sie in Zucker und Caffee eingepökelt wäre!« sagte der unfeine Seemann. »Was thäte ich mit einer Frau, der eine halbe Pfeife Tabak den Kopf verdreht und die den Wachholder wohl gern haben mag, aber keine Natur, ihn zu vertragen? Es ist auch besser, ich bleibe ledig. Capitän Jansen zahlt mir doch nicht mehr, wenn ich auch eine Frau nehme und da meine Frau durchaus Tabak rauchen muß, so gäbe das eine doppelte Ausgabe, die ich am Ende nicht bestreiten könnte. Sie hatte mich beschwatzt, die Jungfrau! Sie sprach mir so viel vor von meiner Aehnlichkeit mit ihrem lieben seligen Balthasar, von ihrem Reichthum an Zucker, Caffee und selbst Canaster, daß es mir am Ende in den Sinn kam: Blixen! das wäre eine Frau für dich. Ich platzte heraus mit dem Antrag und sie hielt mich fest an meinen Worten, wie die Harpune den Wallfisch. Und als sie sich gar eine Pfeife stopfte und anfing zu dampfen, wie ein Alter, da ging mir das Herz auf, als wäre ich erst zwanzig Jahre alt und sie wäre ein Mädchen von siebzehn. Ich sah sie nicht hinter der Rauchwolke und machte mir weiß, sie wäre entsetzlich schön. Doch genug von dem Schatze! Es ist vorbei und ich will sie mir aus dem Sinn schlagen.«
Er stieg auf und machte einen Gang nach dem Vorderkastelle hin. Cornelius suchte indessen Clelia’s Gepäck zusammen und rief den Schiffsjungen, der in der Küche schlummerte, herbei, damit er es an’s Land trage. Jansen war nirgends zu sehen. Der Junker ließ ihn und Beckje durch Herrmanneke grüßen und von der Veränderung seines Reiseplans benachrichtigen.