Als Cornelius wieder leise in das Frauengemach trat, um den Erfolg seiner Sendung zu melden, lag Philippintje noch in tiefem Schlafe. Auch Clelia war auf ihrem Sitze in einen leichten Schlummer gefallen. Er näherte sich ihr vorsichtig. Er konnte sich das Vergnügen nicht versagen, die reizende Geliebte, deren Wangen mit lieblichen Rosen prangten, einige Augenblicke zu betrachten. Ihre Odemzüge waren sanft; leicht hob sich die Brust, in der alles Glück seiner Zukunft ruhete. Die geschlossenen Wimpern zuckten, um die Purpurlippen begann ein freundliches Lächeln zu spielen.
»Cornelius!« bebte es von dem halbgeöffneten Munde.
Sein Entzücken war vollkommen. Er mußte sich bezwingen, nicht laut den Namen der Geliebten zu rufen, nicht den süßen Traum zu stören, dessen glücklicher Gegenstand er war. Kaum konnten sich seine Blicke von ihr trennen. Wie schön war sie doch! Der Engel seines Lebens, von dem er nicht allein ein glückliches, auch ein edleres Daseyn erwarten konnte, lag da in sanfter Ruhe, den Himmel im schönen Antlitze, der im Herzen heimisch war. Von einem Gefühle der Ehrfurcht ergriffen, trat er zurück. Es that ihm leid, schon so lange verweilt zu haben, es war ihm, als habe er einen Verrath an dem herrlichen Mädchen begangen.
Auch er genoß jetzt einiger Stunden ruhigen Schlummers. Als er erwachte und durch’s Fenster sah auf den Spiegel des Hollands-Diep, war es hell geworden, die Sonne stand schon ziemlich hoch, von der Syrene war nichts mehr zu erblicken. Die Heiterkeit, die auf Land und Wasser ruhete, fand er auch in seinem Gemüthe wieder. Der Anblick der ruhig schlummernden Clelia hatte einen unbeschreiblichen Eindruck auf ihn gemacht, und sich so fest in seine Seele geprägt, daß er das liebliche Bild fortwährend vor sich zu sehen wähnte. Seine guten Vorsätze gaben ihm die Zufriedenheit mit sich selbst zurück. Er nannte den frohen Sinn, der ihn immer belebt hatte, wieder sein Eigenthum, aber er war nun auch überzeugt, Festigkeit und Willen zu besitzen, ihn zu zügeln, daß er nicht wieder seine Dämme durchbreche und in unbesonnenen, tollen Streichen ausströme.
Erst gegen Mittag fand er Einlaß bei Clelien. Philippintje war, wie er vorausgesehen hatte, frisch und gesund, fuhr geschäftig im Zimmer umher und suchte seine Blicke zu vermeiden. Als er ihr den silbernen Ring zurückgab, trat eine Thräne in ihr Auge.
»Hat es ihm nicht sehr wehe gethan, dem Herrmanneke?« fragte sie. »Um Gotteswillen! Er hat sich doch nicht etwa ein Leid zugefügt?«
»Das ich nicht wüßte!« versetzte kaltblütig Junker Cornelius. »Er schien im Gegentheile ganz zufrieden mit dieser Wendung der Sache. Eine Frau, die das Rauchen nicht ertragen könne, wäre ein für allemal nichts für ihn, meinte er.«
»Der Bösewicht!« grollte Philippintje. »Er hätte es doch noch einmal probiren können! Aber ich verliere nichts an ihm. Frau Bootsmann kann ich immer noch werden.«
Alles war zur Fortsetzung der Reise auf dem Landwege bereit. Sie hatten einen weiten, ziemlich unbebaueten Landstrich zu durchziehen. Mancherlei Beschwerlichkeiten stellten sich ihnen in den Weg, aber sie durften auch hoffen, hier nicht so leicht auf feindliche Streifpartheien zu stoßen, die sich mehr in jenen Gegenden hielten, wo sie erwarten konnten, ihre Raub- und Plünderungssucht befriedigt zu sehen.
Cornelius hatte, vermittelst guter Bezahlung — er war gewohnt, immer eine ansehnliche Summe in Gold bei sich zu führen — von der Wirthin des Hauses einen Wagen, mit vier starken ostfriesischen Pferden, für die nächsten Tage gemiethet. Janneke, der Hausknecht, sollte den Kutscher machen und für die richtige Rückkehr des Fuhrwerks sorgen. Freilich war dieses weit entfernt, die Bequemlichkeiten zu bieten, welche in unseren Zeiten von einem wohleingerichteten Reisewagen gefordert werden. Es war ein einfacher Leiterwagen, mit einem Dache von Wachstuch versehen, das man öffnen und verschließen konnte, wie es der Wechsel der Witterung gebot. Aber das Innere hatte Cornelius mit aller Sorgfalt eines Liebenden so behaglich eingerichtet, wie es die Umstände zuließen. Die Seiten waren mit warmhaltendem Tuche beschlagen, der Boden mit Kissen belegt und zu dem Sitze für Clelia hatte er den prächtigen und höchst bequemen Lehnstuhl der Wirthin theuer erkauft und schaukelnd in starke Riemen eingehängt. Nach damaligen Begriffen war dieses schon ein sehr stattliches Fuhrwerk, das die Tochter des dicksten Mannes in Rotterdam sich nicht schämen durfte zu besteigen.