»Ja, Mademoiselle, wir sind wahnwitzig und ich sage dieses, nicht etwa um Euch zu täuschen, sondern im vollen Ernste,« fuhr La Paix in einem noch hohleren Tone, als er vorher angenommen hatte, fort. »Es ist ein Familienfehler bei meinem Freunde und mir. Wenn unser Uebel zum Ausbruche kommt, kann uns niemand widerstehen. Menschenhände sind nicht fähig uns zu greifen, Menschenkraft vermag nicht uns zu bewältigen. Wir zertrümmern Alles, wir vernichten Alles, was sich in unserer Nähe befindet. Nichts was nied- und nagelfest, ist vor uns sicher und — ich muß das Aergste gestehen! — wir sehen in unserer Verblendung Alle, die dem weiblichen Geschlechte angehören, für Raubthiere an, die wir von der Erde vertilgen müssen und kostete es unser eigenes Leben. So ist es, unvergleichliche Juliane! Einem solchen Ausbruche geht dann immer ein Zustand der Schwermuth, der Beängstigung, einer kaum zu ertragenden Niedergeschlagenheit voran, wie ungefähr Derjenige, in dem wir uns jetzt befinden. Wir sehen dann allerlei Phantome, ganz gewöhnliche Dinge und Menschen erscheinen uns wunderbar und seltsam, ganz anders, wie sie in der Wirklichkeit sich verhalten. So kommt Ihr zum Beispiel, treffliche Mademoiselle, mir in diesem Augenblicke einigermaßen wie die heidnische Zauberin Circe vor. Es ist mir, als hättet Ihr wie jene gewaltige Dame des Alterthums die Passion, Menschen in Thiere zu verwandeln, und es fehlte Euch nichts dazu, als die Macht. Aber meine Einbildungskraft stürmt dann, ohne daß ich sie zu zügeln vermag, immer weiter. Ihr verwandelt Euch vor meinen sichtlichen Augen. Jetzt, Mademoiselle, sehe ich Euch mit einemmale ganz anders, als vorher. Bei allen Stürmen des Hollands-Diep und des Biesbosches, Ihr seyd der Drache, der das goldene Vließ bewacht, und ich bin Jason, der Held der Argo, der gekommen ist, Euch zu ermorden! Medea, die Hexe, steht mir bei, ich vergifte Euch, ich verbrenne Euch in feueriger Lohe — Beruhigt Euch, holdselige Juliane!« sprach er weiter und verwandelte den wilden schreienden Ton, durch den er sie entsetzt und fast zu dem Entschlusse, nach Hülfe zu rufen, gebracht hatte, in den Laut sanfter Schwermuth. »Seyd ohne Furcht, Allerliebenswürdigste! Dergleichen Anwandlungen sind nur vorübergehend, wie Wetterleuchten vor dem Ausbruche des Gewitters. Für heute habt Ihr nichts zu besorgen. Le Vaillant und ich, wir halten uns noch bis morgen. Es können noch einzelne Zufälle sich zeigen, aber die sind unschädlich. Ihr werdet uns in eine immer tiefer werdende Schwermuth versinken, vielleicht Ströme von Thränen vergießen sehen, eine seltsame Einbildung wird die andere jagen — das darf Euch nicht kümmern, das ist nur noch der leichte unschuldige Zeitvertreib des Wahnwitzes. Aber morgen, morgen —« setzte er, mit einem tiefen Seufzer, bedeutungsvoll hinzu, »morgen erscheint der Tag des Kampfes, der Vernichtung, des blutigen Verderbens. Dann stehe ich für nichts. Dann vermögen keine Stricke, keine Banden, keine Ketten uns zu halten!«

»Ihr wollt nur scherzen!« sagte Juliane mit einem erzwungenen Lächeln, indem sie sich fort und fort bemühete, ihre Hand aus des jungen Mannes pressender Rechten loszuwinden. »Ihr und Euer Freund habt zwar ein betrübtes Ansehen, aber keineswegs das von tollen Leuten. Der Rosoli meines Oheims spukt Euch wohl noch im Kopfe und wenn der verflogen ist, werden auch wohl die Wahnbilder aus Eurem Gehirne entweichen.«

»O daß es so wäre!« erwiederte La Paix mit gedämpfter Stimme und zum Himmel gerichteten Blicken. »Aber ich kenne uns: den schrecklichen Le Vaillant, wenn sein Unstern über ihn aufgeht, und mich, der sich selbst in den Augenblicken der Wuth verschlingen möchte. In Leyden, der herrlichen Universitätsstadt, nennt man uns nur den Löwen und den Tiger; denn man hat uns gesehen in dem furchtbaren Zustande, der die Welt zu vernichten droht, man verschloß alle Thore, man ließ Regimenter gegen uns marschiren — Alles vergebens! Die Wuth mußte sich in sich selbst verzehren. Dann waren wir wieder die besten Bursche von der Welt und tranken Brüderschaft mit den Soldaten und den Commilitonen, die wir vorher angefallen hatten wie reißende Thiere. Ihr wißt nun Alles. Ihr seyd gewarnt. Laßt jetzt ab von mir, denn ich fühle, daß meine Einbildungskraft wieder anfängt sich zu regen! Es könnten sich Gestalten zeigen, ich könnte Dinge sprechen — Ja, ja, trefflichste Juliane! Es ist besser, wir brechen jetzt ab. Erwägt Alles wohl, was ich Euch entdeckt habe. Morgen, morgen wird Blut fließen in Strömen, vielleicht das Euerige, das noch heute Euere Wangen röthet, das noch heute Euer edles Herz hebt zu gefühlvollen Schlägen für die halbe Menschheit!«

Juliane wußte noch immer nicht, ob das was sie hörte, Scherz oder Ernst sey. Dennoch ließ ihre natürliche Furchtsamkeit, die sie auch jetzt, nach ihrer sonstigen Gewohnheit, unter muthig klingenden Worten zu verstecken strebte, sie das Schlimmste erwarten.

»O ich habe ganz andere Dinge gesehen!« versetzte sie, aber nicht in jenem muthwilligen Tone, wie sie dieselbe Redensart bei dem übereilten Zweikampfe zwischen den beiden Studenten vorgebracht hatte. »Ich fürchte mich nicht. Mein Vater ist da, der Bootsmann ist ein starker Mann und von den übrigen Leuten steht einer immer für zwei.«

La Paix antwortete nichts. Mit einem großen, bedauernden Blicke betrachtete er das Mädchen von oben bis unten, schüttelte traurig den Kopf und preßte aus tiefer Brust einen so klagenden Seufzer, daß er Julianen durch Mark und Bein ging.

»Schade um das reizende Wesen!« sprach er dann, sie mit gläsernen Augen anstarrend, dumpf in sich hinein. »Heute noch so schön und morgen — Tod — Blut — Asche!«

Er wandte sich mit seinem Freunde ab und ging nach einer andern Seite. Juliane sah ihnen zitternd nach. Ein Frösteln zog durch ihre Glieder. Sie versuchte zu lächeln; sie mußte mit den Zähnen klappern und Thränen traten ihr in die Augen. Es war bereits dämmerig geworden. Die Düsterheit, die auf den Wellen und auf dem Schiffe lag, erhöhete das unheimliche Gefühl, von dem sie sich ergriffen fand, um Vieles.

»Es ist Alles Lüge, es ist Alles lächerlich!« sagte sie sich selbst. »Wie können denn zwei Menschen den vereinten Anstrengungen so vieler andern widerstehen, wenn diese sich ihnen entgegenwerfen im Ausbruche ihrer Tollheit, um sie zu bändigen und zu knebeln? Pah! ich glaube nichts von dem ganzen Geschwätz. Das ist Prahlerei, blauer Dunst!« Aber in ihrem Innern sprach eine Stimme, die den gewaltsam aufgebotenen Muth zu Schanden machte. Sie war in früheren Jahren einmal bei einer Verwandten in Friesland zu Besuch gewesen. Dort brachte es die Sitte mit sich, daß Frauen und Jungfrauen sich öfters zu Abendversammlungen zusammenfanden, in denen alte seltsame Geschichten erzählt wurden, deren Inhalt gewöhnlich die Herzen mit Schauder erfüllte, und die Gemüther zu Bangigkeit und Zagen stimmte. Dort war auch von den ehemaligen friesischen Königen erzählt worden, von gewaltigen Seehelden, die weit vom Norden herabgekommen waren und Wunder der Kraft und der Tapferkeit verrichteten. Wenn diese nun in Zorn geriethen, so waren sie in eine Wuth verfallen, deren Aeußerungen keine Gewalt, keine Uebermacht zu hemmen vermocht. Es war über sie gekommen, wie eine Krankheit. Nicht alle waren ihr unterworfen gewesen, nur einzelne, und man hatte dieses Uebel die Berserkerwuth genannt. Juliane dachte in ihrer Aufregung nicht daran, daß die zwei jungen Leute nichts weniger, als Nordlands-Reken seyen. Die Stimme aus ihrem Innern rief ihr nur immer zu: »Juliane, Juliane, dein letztes Stündlein ist nahe! Du hast dich des Lebens erfreuet, aber du wirst nun bald starr, blutig und kalt daliegen.« Sie konnte mit allem Aufgebote ihrer Besonnenheit diese Stimme nicht zum Schweigen bringen. In diesem Kampfe widriger Zweifel zog sie sich an das Steuerruder neben ihren Vater zurück und verfiel hier in ein tiefes Nachdenken. Von Zeit zu Zeit warf sie aber doch einen und den andern verstohlenen Blick auf die beiden Studenten, deren dunkele Gestalten sich in der Dämmerung schattenartig am Vordertheile des Fahrzeuges hin und her bewegten.

»Cadédis!« sagte Le Vaillant, als er sich mit seinem Freunde allein und unbelauscht sah, zu diesem. »Du treibst es zu weit. Einen kleinen Tick ließ ich mir schon gefallen, aber du machst uns ganz und gar zu Narren und ich will es loben, wenn man nicht hinterrücks über uns herfällt, um uns gebunden an einen sicheren Ort zu bringen.«