»Der Spaß war köstlich!« versetzte leise der Angeredete. »Er hat mich aus meiner trübseligen Stimmung herausgerissen, er hat mir meine Ruhe wiedergegeben. Wie die schöne Sünderin zitterte um das Bischen Leben, das sie so übel anwendet, wie sie ihre Hand so gern losgerungen hätte, aus der des Wahnwitzigen, wie ihre Seele gepeinigt und geprickelt wurde zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Grauen und dem lächerlichsten Wahne! Le Vaillant, du thust mir leid, denn bei deiner Denkart, bei deinen Gefühlen, die nur rasch und heftig, aber nicht tief und ergreifend sind, konntest du unmöglich den Genuß haben, den mir die Folterqual der listigen Gaunerin gewährte. Deine Besorgniß ist thöricht. Sie wagt nichts gegen uns, sie fürchtet den Alles vernichtenden Ausbruch unserer Wuth zu beschleunigen. Ich ahne, daß noch ganz andere Dinge sich aus meinem glücklichen Einfalle entspinnen werden. Halte dich nur immer hübsch ruhig an meiner Seite. Schlage die Arme unter, wie ich, hefte die Blicke auf den Boden, nimm einen langsamen abgemessenen Schritt an, bleibe stehen, wenn ich stehen bleibe, stöhne kläglich, wenn ich es thue, genug, folge in Allem meinem Beispiele und du wirst sehen — es ist unser Schade nicht!«
Trotz der einbrechenden Nacht schwebte der Kutter noch immer mit ausgespannten Segeln über die Wellenfläche hin. Laternen waren ausgehängt worden, die Strahlen des Mondes zitterten auf dem bewegten Wasser und ließen nach der linken Seite hin einen dunkeln Streif sehen, der das Uferland bezeichnete. Bei der milden Luft, welche Abends der frischen Kühle des Tages gefolgt war, blieben die meisten der Leute auf dem Verdecke, wo sie sich mit Segelflicken, Netzausbessern und dergleichen beschäftigten. Nur Capitän Jonas, der den Abend gern ruhig in seiner Cajüte bei der Madeiraflasche zubrachte und diejenigen der Matrosen, denen die heutige Nachtwache zufiel, hatten sich zurückgezogen. Juliane saß noch immer in Sinnen verloren an einer Stelle, wo sie durch die arbeitenden Matrosen von den Gefahr drohenden Gefangenen geschieden war. Diese beharrten in ihrer Theilnahmlosigkeit, in ihrem düstern Hinbrüten. Mit untergeschlagenen Armen wandelten sie auf und nieder, kein Wort ging über ihre Lippen, nur tiefe, lauthallende Seufzer, die selbst bis zu der fernen Juliane herüberdrangen, entquollen von Zeit zu Zeit ihrer Brust.
Es mochte gegen die zehente Abendstunde seyn, als auf des Steuermanns Geheiß, der im Auftrage seines Capitäns befehligte, nicht weit vom Lande die Anker ausgeworfen wurden. Einige Matrosen lagen schon schlafend auf den Bänken des Verdeckes, andere rüsteten sich, ebenfalls zur Ruhe zu gehen. Niemand schien sich um die Kriegsgefangenen zu kümmern.
»Kannst du schwimmen, La Paix?« raunte diesem sein Freund zu. »Was mich betrifft, so getraue ich mich wohl, diese Handvoll Wasser zu durchschneiden, wie ein Delphin, und in zehn Minuten spätestens am Lande zu seyn. Morgué! ich habe dir ganz andere Kunststücke gemacht in dieser Gattung. Die Garonne ist Zeuge meiner Thaten gewesen und man gab mir wegen meiner Schwimmfertigkeit den Namen des Fisches, wie jenem Sizilianer, der einen goldenen Becher aus dem Schlunde der Charybdis holte.«
»Ich kann nicht schwimmen!« gab La Paix trocken zur Antwort. »Es ist auch gar nicht nöthig, daß du deine Fischnatur zu besonderen Anstrengungen in diesen Gewässern aufbietest, die vielleicht nicht so freundlich seyn dürften, wie deine heimathliche Garonne. Gedulde dich nur eine ganz kurze Zeit und ich verspreche dir, man wird uns auf die höflichste Weise einladen, ein Boot zu besteigen, das uns frei und ledig an’s Land bringt, die vortreffliche Juliane selbst wird sich alle Mühe geben, uns — vielleicht noch mit einiger Berücksichtigung ihres zeitlichen Vortheils — von dem lustigen Freier von Rotterdam wegzuschaffen und dann — nun dann können wir ja, wenn es uns beliebt, die Barke des Sire Jansen erwarten und unsern Plan auf die schöne Clelia verfolgen.«
Früher, als La Paix selbst erwartet hatte, ging seine Prophezeiung in Erfüllung. Das letzte Wort war kaum seinen Lippen entschwebt, so fühlte er sich an seinem Kleide gezupft. Um nicht aus seiner Rolle zu fallen, wandte er sich mit einem schweren Seufzer um. Einer der Schiffsjungen stand vor ihm, aber mit so gerader und argloser Miene, daß der Student wohl einsah, diesem ahne nichts von den entsetzlichen Dingen, welche Juliane befürchtete.
»Die Schiffsjungfer läßt Euch grüßen!« sagte vertraulich und leise der Knabe, so daß es nur die beiden Jünglinge hören konnten. »Sie hat Mitleid mit Euch und sähe es nicht gern, wenn Ihr in’s Unglück geriethet. Sie will suchen, einige Matrosen zu gewinnen, die Euch heimlich, während der Capitän bei’m Weine sitzt, an’s Ufer bugsiren. Aber dazu braucht sie Geld oder Geldeswerth. Sie meint, der Ring, den der Junker am Finger trägt, wäre wie dazu gemacht, die Leute zu verblenden. Er soll ihr ein Zeichen seyn, daß Ihr den Vorschlag annehmt. Gebt ihn! Im Augenblicke hat ihn die Schiffsjungfer, in einer Viertelstunde seyd Ihr am Lande!«
»Sandis! Wenn es nur daran liegt!« fuhr Le Vaillant heraus und gab ihm den Ring. »Jetzt geh, schaffe die Leute und das Boot. Ich wußte doch, daß die listige Hexe mich noch um den Ring bringen würde! Aber es geht nichts über die Freiheit und lieber frei bei einem Stücke Haferbrot und einem Glase Wasser, als gefangen bei Rehbraten und Champagnerwein.«
»Unbesonnener!« zürnte La Paix halblaut zu ihm hin. »Wir wären auch ohne dieses Opfer zum Ziele gekommen! Geh, mein Sohn,« wandte er sich dann in einem hohlen dumpfen Tone, der den Knaben wirklich stutzen machte, zu diesem: »sage deiner Jungfer, wir sendeten ihr den Ring, weil in unserem Zustande nichts Irdisches mehr einen Werth für uns hätte. Im Uebrigen möge sie thun was sie wolle, sie möge uns an Bord behalten oder ans Land bringen lassen: morgen breche der Tag der Schrecken an, die sie kenne, die keine Gewalt der Erde abzuwenden vermöge!«
Verblüfft schlich sich der Junge fort. Während Le Vaillant seinen Gefährten noch mit Vorwürfen bestürmte, daß er Julianen eine Antwort ertheilt, die sie leicht in ihren günstigen Gesinnungen schwankend machen könne, hörten sie plötzlich zu ihrer Seite ein Plätschern im Wasser. Ein Blick über den Schiffsrand belehrte sie, daß ein Boot schon losgemacht sey, daß mehrere Matrosen im Begriffe waren, leise hinabzusteigen, daß Juliane auf diese Weise ihr Wort lösen und, wie La Paix einsah, sich von den Gegenständen ihrer Furcht befreien wollte.