Er hatte in hoffnungsvoller Verzückung die Arme zum Fenster hinausgebreitet, das glühende Antlitz war nach dem erleuchteten Fenster im van Vlietenschen Hause aufgerichtet, seine Augen hingen mit dem Vorgefühle süßer Wonne an dem Dämmerlichte hinter dem Vorhange: da bewegte es sich lauter dicht unter ihm in der Straße, da schoß es rauschend empor und ein mächtiger Wasserstrahl, der heftig und kältend ihm gerade ins Gesicht fuhr, warf ihn mit unwiderstehlicher Gewalt auf den Boden des Zimmers nieder. Ehe er sich besinnen konnte, drang noch ein Strom von Wasser nach, durchnäßte ihn gänzlich und überschwemmte den Boden. Sein wissenschaftliches Liebesfeuer war in einem Augenblicke abgekühlt. Er sprang auf und verschloß instinktmäßig das Fenster. Aber wohin sollte er sich flüchten in dieser unerwarteten Noth? Er selbst durchnäßt, keine trockene Stelle am Boden, wohin er seinen Fuß setzen konnte! Und immer rauschte und strömte es draußen fort an den Wänden und Fenstern des Hauses, als wenn eine Sündfluth einbräche, als ob Wasserfluthen gegen ein brennendes Haus geschleudert würden, und es war doch Alles dunkel draußen und friedlich, wie in einer gewöhnlichen Nacht! Aber Eobanus sah schon klar den Grund seines Mißgeschicks, er erkannte, daß seine eigene Vergessenheit ihn in die unangenehme Lage gebracht hatte, in der er sich befand. War denn der vergangene Tag nicht ein Sonnabend gewesen und war es denn in den gesammten Generalstaaten nicht löblicher Gebrauch, daß in der Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag die Außenseite aller Häuser, vermittelst gewöhnlicher Feuerspritzen, von oben bis unten mit Wasser gereinigt wurde? Daran hatte, von seiner Leidenschaft verblendet, Hazenbrook nicht gedacht, er hatte das Geräusch in den Straßen nicht vernommen und also auch nicht gedeutet, er hatte die Gefahr, in der er schwebte, erst erkannt, als sie wirklich einbrach und plötzlich seinen süßen Schwärmereien ein schmähliches Ende machte.
Er war auf einen Stuhl gesprungen. Zähneklappernd stand er hier und bemühete sich, von einem Nagel in der Wand einen alten Pelz herbeizulangen, den er als Schlafrock zu benutzen pflegte. Das Unternehmen war mißlich, er konnte einen gefährlichen Fall auf den nassen Boden thun. Aber er brachte es glücklich zu Stande, schnell kleidete er sich um und erreichte dann mit einem verwegenen Sprunge das Bett, unter dessen thurmhoher Federdecke er seine bebenden Glieder vergrub. Früher, als er gehofft hatte, fand sich der Schlummer zu ihm. Die Natur übte ihr Recht und die erschöpften Kräfte des Professors ließen, nach dem überstandenen kalten Bade, sich leicht von der Macht des Schlafes bezwingen, ohne wieder durch erregende Phantasiegebilde zu neuen Anstrengungen veranlaßt werden zu können.
Wie dieser Tag dem unglücklichen, sehnsüchtigen Hazenbrook langsam verstrichen war, so gingen noch mehrere vorüber. Auch die Nächte glichen jener ersten Nacht, die er in dürstender, wehmüthiger Leidenschaft am Fenster verweilt; nur war er jetzt auf acht Tage hinaus gegen jeden Angriff von unten gesichert und konnte seine Mondscheinklagen ungestört gegen den erleuchteten Fenstervorhang, die Lichthülle des Gegenstandes seiner Liebe, wie er ihn nannte, ausströmen. Er wurde von Stunde zu Stunde melancholischer. Speise und Trank, welche er sonst eben nicht verachtete, waren ihm jetzt gleichgültig. Die reizendsten Mädchen aus der Stadt und vom Lande, an denen er in früheren Zeiten so gern die Muskellehre studirt hatte, konnten jetzt dicht unter seinem Fenster vorübergehen und er würdigte sie keines Blickes. Immer nur hing sein Auge an dem geheimnißvollen Vorhange, dem Isisschleier, der sich für ihn nicht heben wollte. Nur Abends betrat er auf ein flüchtiges Stündchen die Straße, aber nicht um etwa lustzuwandeln und sich zu entschädigen für die selbst auferlegte Gefangenschaft im engen Zimmerchen; nein! er nahm dann einen Platz im Schatten eines Baumes, dicht neben der Thüre des van Vlietenschen Hauses ein. Hier lauschte er in ängstlicher Spannung auf jedes Geräusch, auf jeden Laut, der sich im Innern vernehmen ließ, er hoffte einen Aufschluß, eine Kunde von seinem Tobias zu erhorchen, aber Alles, was er vernahm, beschränkte sich auf fern her tönendes Geklapper mit Töpfen und Schüsseln aus der Küche, auf ein zärtliches Gespräch des Hausknechtes mit der Stubenjungfer hinter der Thüre. Er war untröstlich. Verließ in dieser Abendstunde einer von den Leuten des Herrn van Vlieten das Haus, so befand er sich mit einem mächtigen Sprunge sogleich an dessen Seite, suchte mit ungemeiner Höflichkeit eine Unterhaltung anzuspinnen und eine oder die andere Mittheilung über des Patrons Wohlbefinden und seinen Gemüthszustand herauszulocken; die Dienerschaft des dicksten Mannes war aber so wortkarg und wurde bald so grob gegen den zudringlichen Fremden, daß Eobanus gänzlich von diesen Entdeckungsversuchen abstand. Seine Leidenschaft quälte ihn unsäglich.
»Ich muß etwas Außerordentliches wagen;« sagte er eines Abends zu sich selbst, als er wiederum vergebens den trotzigen Hausknecht auf einem Gange über die Straße angeredet hatte. »Aut Cesar aut nihil! Wie jener Römer dem Staate zu Liebe, stürze ich mich zur Ehre der Wissenschaft und des erlauchten Lugdunum in den feuerigen Schlund. Wagen gewinnt. Der Lohn ist der That werth.«
Er stand zum Sprunge gerüstet auf seiner Stelle. Da kam der Diener von seinem Gange zurück, schloß arglos die Thüre auf und trat in’s Haus. Ihm auf dem Fuße sprang Hazenbrook nach. Aber auch dieses kühne Unternehmen fiel zu seinem Unheile aus. Ehe er noch durch die Thüre gelangte, schlug der Hausknecht diese so gewaltig zu, daß des Professors Fuß entsetzlich gequetscht wurde und er selbst mit einem Wehelaute auf das Pflaster niedersank. Unter den heftigsten Schmerzen und mit der größten Anstrengung hinkte er in seine Wohnung zurück. Der Seelenqual hatte sich nun auch körperliches Leiden gesellt; er mußte mehrere Tage das Zimmer hüten.
Es war ein heiterer Morgen, als er zum erstenmale wieder die im Erdgeschoße liegende Schenkstube betrat, um hier sein Frühstück einzunehmen. Er war sehr trauerig gestimmt. Er hoffte das laute Treiben, das hier um diese Stunde herrschte, werde ihn zerstreuen. Neben seiner Hauptsorge um die Erhaltung des Herrn van Vlieten, bis die rechte Zeit gekommen, um dessen mögliche Hinneigung zu etwaiger Corpulenz, hatten sich nun auch Bedenklichkeiten über das Schicksal der zwei jungen Leute in ihm erhoben, die er zur Verfolgung des Herrn Cornelius van Daalen und der schönen Clelia abgesendet. Er hörte und sah nichts von ihnen. Täglich hatte er in’s Wappen von Rotterdam geschickt und nach Briefen fragen lassen, aber immer war der Bote leer zurückgekommen. In welche tödtliche Verlegenheit brachte nicht seine unglückliche Liebe den Professor? Wo war sein frischer Lebensmuth, wo war seine Freude an der Wissenschaft, die ihm sonst in so vielfacher Gestalt willkommen gewesen, hin? Ach, Alles weilte hinter dem neidischen Vorhange des Herrn van Vlieten! Sein besseres geistiges Selbst war dort und er mußte, getrennt von diesem, in einer schnöden Kneipe hausen, gemeinen Wachholder trinken und mit einem Heringe seinen geschwächten Appetit zu reizen suchen. Und die jungen Leute? Waren sie nicht seiner väterlichen Aufsicht anvertraut worden von den Eltern? Hatte er sich nicht verpflichtet, sie in literis et moribus zu bilden und wie hatte er dieser Verpflichtung Genüge geleistet, indem er sie von seiner Person, in deren Umgang ihnen die Wissenschaften beigebracht werden sollten, entfernt und indem er sie auf’s Geradewohl zu Jungfernraub und Entführung ermuntert? Nur der Gedanke an Tobias, an die Zukunft, die seinen lang gehegten, so oft verfehlten Wunsch endlich erfüllen werde, konnte ihn einigermaßen erheben. Er rief den schönen Augenblick wieder in seine Erinnerung zurück, wo er zum Erstenmale den würdigen Handelsherrn am Haven von Rotterdam erblickt, wo er trunken vor Entzücken sogleich alle Keime einer trefflichen Mumie, die seine Kunst zur Entwicklung und Reife bringen könne, in ihm erkannt, wo das süße Feuer der jugendlichen Liebe ihn wonniglich durchströmt und er selbst sich gleich mit hoher Betheuerung gelobt: »Den mußt du haben, um jeden Preis, der muß dein Amenophis, dein Sesostris werden, der muß die Ehre deines Kunst- und Naturalienkabinets retten und behaupten vor aller Welt!«
Begeistert von diesem reizenden Bilde der Vergangenheit, genoß Eobanus etwas mehr Wachholder, als gewöhnlich. Im Stillen trank er auf das Wohl seines theueren Tobias, aber er war besonnen genug, diesen Wunsch nicht weiter, als bis zu der Zeit auszudehnen, wo La Paix und Le Vaillant die entflohene Clelia zurückgebracht haben und die Testamentsclauseln, zu denen sich der Vater anheischig gemacht, fest und unwiderruflich niedergeschrieben seyn würden. »Der Himmel schenke ihm ein langes Leben bis dahin und behüte ihn vor Fett!« setzte er vergnügt hinzu.
An den übrigen Tischen wurde indessen sehr lebhaft gesprochen. Die Gesellschaft bestand hier aus Matrosen, aus Lastträgern und andern Leuten, die in großen Handelsstädten ihren Erwerb auf freier Straße finden. Man unterhielt sich über die neuesten Kriegs- und Welthändel, über den Untergang der spanischen Silberflotte im Haven von Vigo, über die jüngsten Waffenthaten des Herzogs von Marlborough.
Hazenbrook hatte bis jetzt auf das Gespräch dieser Leute, das von manchem derben Schiffmannsfluche, von mancher kräftigen Bemerkung der Lastträger gewürzt wurde, nicht geachtet. Erst als der Name Cornelius van Daalen genannt wurde, horchte er hoch auf und näherte sich auf eine unscheinbare Weise den Lärmenden.
»Die Landratze!« fuhr einer von den Matrosen im Tone der Verwunderung auf. »Wer hätte ihr das zugetrauet? Der Bursche ging immer so steif und vornehm in seinem Tressenrock an unser einem vorüber, daß man ihn eher für eine geputzte Segelstange, als für einen kühnen Jungen, der seinen Hals einmal an ein Wagstück setzt, gehalten hätte. Und er selbst hat die Schebecke in Brand gesteckt, eigenhändig sagst du?«