»Ein seltsames Exemplar — eine wissenschaftliche Monstruosität?« fragte erstaunt Eobanus. »Was wollt Ihr damit sagen?«

»Also den berüchtigten Mumienprofessor sehe ich vor mir, in wahrhafter leiblicher Gestalt!« sprach, ohne sich stören zu lassen, mit beißendem Spott der Doctor weiter. »Da wundert’s mich freilich nicht, daß Ihr die Hagerkeit in Schutz nehmt, denn Ihr möchtet gern die gesamte Menschheit zu einem Stockfische ausdörren und sie dann einbalsamiren für Euere Naturalienkammer. Der edelste, höchste Zweck der ärztlichen Wissenschaft, Menschenwohl zu erhalten und zu befördern, ist Euch fremd geblieben, da er keinen Werth für Euch hat und Ihr den Menschen erst anfangt hoch zu achten, wenn er im Begriff ist, seinen letzten Seufzer auszuhauchen. O, ich kenne Euch wohl und Euer Treiben! Man weiß, welche Versuche Ihr daheim angestellt, man weiß aber auch, wie sie Euch vereitelt worden sind durch die Natur selbst, der Ihr Gewalt anthun wolltet. Mit Euch consultire ich nicht! Einer von uns beiden ist zu viel hier,« wandte er sich jetzt zu Tobias, dem das ruhige Lager indessen zum glühenden Laurentiusroste geworden war: »soll er gehen oder ich

»Um Gotteswillen,« stöhnte van Vlieten, während Hazenbrook bei der unerwarteten Entdeckung seiner, wie er wähnte, im tiefsten Geheimnisse betriebenen Einbalsamirungs-Versuche, stumm und starr seinem Feinde gegenüber stand: »ich will ja gern Rindfleisch essen und Brei schlucken und fett werden, wenn es nur anschlägt! Aber verlaßt mich nicht, Myn Heer Doctor! Auf Euch setze ich meine einzige Hoffnung und in dieser Stunde schwöre ich den Gewürzen, dem Liköre und dem Thee ab. Schickt mir für heute Etwas aus Euerer vortrefflichen Küche, morgen will ich schon selbst sorgen und es soll braten, sieden und broddeln in meinem Hause, wohin man nur blickt.«

»So ist es recht!« sagte belobend Mauritius und trat auf die eine Seite des Bettes, um dem Kranken nochmals den Puls zu fühlen.

In seiner Verzweiflung stürzte Hazenbrook auf die andere und raunte dem Patienten in die Ohren:

»Gedenkt unseres Vertrags! Ich habe schon Nachricht von der Tochter. Sie hat den Weg nach Mastricht genommen, meine Leute setzen ihr nach.«

»Laßt mich in Frieden!« entgegnete unwillig Tobias. »Was habe ich von der Clötje und was hat sie von mir, wenn ich todt bin? Erst muß ich gesund werden, fett muß ich werden, um Vaterfreuden zu genießen, dann mag sie wieder kommen und dann mögt auch Ihr Euch wieder einfinden zu weiterer Besprechung. Bis dahin Gott befohlen!«

»Ihr habt es vernommen!« sagte Mauritius gebieterisch, indem er in triumphirender Haltung vor den Professor trat. »Euere Gegenwart ist dem Patienten lästig, sie kann ihm sogar zu großem Nachtheile gereichen. Wollt Ihr hartnäckig erwarten, daß man Euch mit Gewalt entferne? Wollt Ihr es auf Euer Gewissen laden, daß Ihr meinem Kranken durch Euern Trotz den Appetit verderbt und er dann weder Mehlbrei noch Puterbraten, noch Rheinwein zu sich nehmen mag, die ihn allein erretten können vom nahen Tode? Fort mit Euch, Heer Mumienprofessor, oder ich rufe das Hausgesinde!«

»Alles ist verloren!« jammerte aus dem Zimmer stürzend Eobanus. »Er wird fett oder er stirbt vor der Zeit. Ich bin geprellt, ich bin schändlich betrogen!«

Erst in der stillen Umgebung seines Zimmers fand er die verlorene Besinnung wieder, aber sein Leben schien ihm öde und werthlos. Er wünschte, er hoffte nichts mehr.