5.

Gegen den Mittag eines ziemlich kalten Novembertages hielt vor einem einsamen Bauernhofe, nur etwa eine halbe Tagereise von Mastricht entfernt, ein ländliches Fuhrwerk, wie es, sobald es die kalte Jahreszeit erlaubt, in jenen Gegenden gebräuchlich ist. Es hatte die Nacht gefroren, Kanäle und Teiche waren mit einer festen Eishülle bedeckt, nur die größeren Flüsse hatten der Gewalt des früh einfallenden Frostes nicht unterlegen. Das Fuhrwerk, dessen wir gedachten, bestand aus dem oberen Theile eines Leiterwagens, das auf einer Schleife befestigt war und mit dieser einen leicht über die Schneeflur und den Eisspiegel hingleitenden Schlitten bildete. Die beeis’te Leinwandhülle über den Wagen ließ nicht entdecken, ob jemand sich im Innern desselben befand. Den zwei magern Pferden, welche ihn zogen, sah man die Ermüdung und das Bedürfniß, bei gutem Futter im warmen Stalle die verlorenen Kräfte wiederzuersetzen, an. Ihre Glieder zitterten, ihre Köpfe waren tief zur Erde herabgesenkt. Demungeachtet schien der Führer, der in diesem Augenblicke von seinem hölzernen Sitze herabsprang, keinen längeren Aufenthalt an diesem Orte zu beabsichtigen. Er rief einen Knaben aus dem Hause und nachdem er diesem bedeutet, den Thieren Brot und Wasser zu geben, trat er zu dem Fuhrwerke, lös’te die obere Decke und unterstützte zwei heraussteigende Frauen mit einer Leichtigkeit und einem Anstande, die mit dem groben Kittel, der ihn verhüllte, im Widerspruche waren. Die Frauen schienen, wie er selbst, der Umgegend anzugehören. Ihre Kleidung war ländlich, wohl verwahrend gegen die Kälte, und sie hatten sich so sehr in das weite schwarze Regentuch verhüllt, daß man Gestalt und Antlitz nicht zu erkennen vermochte. Die eine nahm, während sie dem Hause zuschritt, den Arm des Mannes, die andere folgte langsamer nach, indem sie einen Pack trug, dessen äußere Hülle aus der feinsten holländischen Leinwand bestand.

Im Kamine der Küche glühete ein freundliches Torffeuer. An diesem nahmen sogleich die Frauen Platz, ohne jedoch noch ein Wort gegen den Landmann gesprochen zu haben, der ihnen mit freundlicher Einladung bis zur Hausthüre entgegen gekommen war.

Indessen schritt ihr Begleiter unruhig in der Küche auf und nieder. Er trat bald an’s Fenster, an das die immer dichter fallenden Schneeflocken schlugen, und trommelte an den Scheiben; bald that er einige hastige Schritte nach dem Hauseigenthümer hin, als wollte er eine Frage an diesen richten, die ihm sehr wichtig sey, aber ehe er sie noch vorbrachte, schien er sich eines anderen zu besinnen, und kehrte wieder zum Fenster zurück.

Der Besitzer des Hofes hatte sich, nachdem er eine Zeitlang vergebens auf die Anrede seiner Gäste gewartet, behaglich in einen weiten Lehnsessel niedergelassen. Von hier aus beobachtete er ruhig die Bewegungen und das Benehmen der schweigenden Gesellschaft. Endlich zeigte sich ein Lächeln auf seinem Angesichte, er stand auf, ging zu dem Manne hin und sagte mit gutmüthiger Freundlichkeit:

»Ich errathe, was Euch im Kopfe herumgeht! Ihr seyd ein guter Niederländer und möchtet nicht gern mit dem Franzosengesindel, das hier in der Gegend schwärmt, zusammenkommen. Ich kann Euch das nicht verdenken, es ist auch nicht meine Liebhaberei. Warum wollt Ihr aber Euch nicht einem Landsmanne vertrauen? In den ganzen Generalitätslanden ist keiner, der einen wackeren Oranier an den Feind verriethe!«

»Holland und England!« rief der andere, in welchem wir nun den Junker van Daalen, so wie in seinen Gesellschafterinnen Clelien und Philippintje erkennen, in einem Tone, als wälze sich eine Last von seiner Brust: »Du hast recht! Kein rechtschaffener Niederländer verräth den andern. Die Künste und Schliche, die ich in den letzten Tagen anwenden mußte, um den Streifpartheien zu entgehen, haben mir den Kopf ganz verwirrt. Dann verließ uns auch, wo die Gefahr am dringendsten war, der feige Bursche, der uns zum Führer diente, mit Wagen und Pferden, ich mußte die elenden Thiere mit dem zerbrechlichen Fuhrwerke kaufen und, da ich die Wege nicht kannte, oft auf’s Geradewohl umherirren.«

»Sprecht nicht so laut!« ermahnte mit warnender Gebehrde der Landmann. »Vor mir seyd Ihr sicher, aber nicht vor anderen, die sich mit halber Gewalt in mein Haus gedrängt haben.«

»O, ich bin bewaffnet und habe wohl schon eher die Herren Franzosen meinen Degen empfinden lassen!« antwortete Cornelius, indem er seinen Kittel aufschlug, unter dem sich Pistolen und ein kurzes Schwerdt zeigten. »Sagt schnell, wer ist es und wie viele sind ihrer?«