In dem ersten Schrecken über die Entdeckung, welche sie aus dem Munde ihres gutmüthigen Wirthes vernahmen, hatte eine der Frauen sich rasch umgewendet und das Regentuch, das beinahe zur Hälfte ihr Gesicht verhüllte, war auf die Schulter niedergefallen. Der für weibliche Schönheit keinesweges unempfindliche Landmann sah mit Bewunderung in Cleliens reizendes, durch die freie Luft, der sie einige Tage lang sich ausgesetzt hatte, in blühender Frische glänzendes Angesicht. Tief erröthend bemerkte sie es und zog langsam wieder das Tuch hinauf.

»Auch ohne die Waffen hättet Ihr den Kriegsmann nicht verleugnen können!« sagte der ehrliche Niederländer, nachdem er seine freundlichen Blicke zur Genüge auf Clelien hatte ruhen lassen, wieder zu Cornelius gewandt, »Euer ganzes Wesen verräth Euch. Schon als Ihr ankamet und Euere Pferde halten machtet, sah ich Euch an, daß Ihr nicht gewohnt seyd, die Handthierung eines Fuhrmanns zu treiben. Ihr hieltet die Peitsche, wie einen Degen, Ihr schwanget sie, als wolltet Ihr auf den Feind einhauen. Als Ihr an den Wagen tratet, um die Frauen herabzuheben, standet Ihr kerzengrade und sahet so kühn um Euch, wie ein Feldhauptmann an der Spitze seines Häufleins. Die Jungfer da,« fuhr er auf Clelien deutend fort, »ist auch nicht bei uns auf dem Lande gewachsen und ich wette, es ist dieselbe, der von den wilden Gesellen, vor denen ich Euch warnte, nachgespürt wird.«

»Nachgespürt — ihr?« fuhr der Junker, von Zorn und Befremden ergriffen auf, während die zwei Frauen ängstliche Blicke auf den Hausbesitzer richteten. »Es ist nicht möglich, niemand kann wissen —«

»Ihr könnt Euch darauf verlassen!« unterbrach ihn mit leiser, behutsamer Stimme der Landmann. »Ihr seyd Herr Cornelius van Daalen und das ist Jungfrau Clelia van Vlieten. Man kennt Euch, man hat Euch genannt und ich bin überzeugt, daß diejenigen, welche Euch nachsetzen, nichts Gutes gegen Euch im Schilde führen.«

Die drei Reisenden waren im höchsten Grade betreten über diese Entdeckung. Jeder Gedanke an einen Irrthum mußte verschwinden, als ihr wohlmeinender Wirth die Namen der zwei Hauptpersonen aussprach. Aber wer konnten diese Verfolger seyn, die eine so genaue Kenntniß des Weges besaßen, den das flüchtige Paar eingeschlagen hatte? Sie mußten, so dachte Cornelius, nothwendig im Auftrage des Herrn van Vlieten handeln, sie waren, wie es ihm bald nicht mehr zu bezweifeln schien, abgesandte Gerichtspersonen von Rotterdam, die sich wenigstens der Geliebten bemächtigen wollten, um sie in das väterliche Haus zurückzuführen.

»Die Wege der Vorsehung sind wunderlich!« jammerte indessen Philippintje. »Um ein gottgefälliges Werk zu thun, dem entsetzlichen Schiwa auszuweichen und der noch entsetzlicheren Nonnenschaft, sind wir ausgezogen, gleich dem Volke Israels aus dem Lande Egypten, aber auch uns verfolgt der grimmige Pharao und ich sehe noch kein rothes Meer, das uns den Gefallen thun will, ihn zu verschlingen!«

»Still!« gebot, durch den Drang der Umstände beunruhigt und gereizt, Cornelius nach ihr hin. »Seyd so gut,« wandte er sich dann zu dem Hausbesitzer, »und gebt mir eine nähere Kunde von den Leuten, die Ihr meint. Beschreibt mir ihre Personen, nennt mir ihre Anzahl und sagt mir, ob Ihr sie für Niederländer oder für Fremde haltet?«

»Einen Augenblick!« erwiederte der Landmann, ging hierauf zur Thüre und fuhr, nachdem er diese sorgfältig verschlossen und verriegelt, in jenem gedämpften Tone, den er bisher beobachtet hatte, fort. »Es sind ihrer vier. Aber nur zwei von ihnen scheinen eigentlich Absichten auf Euch und Euere Reisegefährtin zu haben. Die anderen beiden kommen mir vor, wie ein Paar verlaufene Gesellen, die sich gegen Bezahlung zu jedem Streiche hergeben und wenn ich nicht irre, so habe ich ihre Galgengesichter schon am Haven von Antwerpen gesehen, wenn ich Viktualien zum Verkaufe dorthin gebracht. Sie mengen sich auch wenig in das Gespräch jener zwei, unterhalten sich meist in flämischer Mundart und von niedrigen, nichtswürdigen Dingen. Jene aber sind ein Paar junge Leute von hübschem, munterem Ansehen. Sie sagen, sie wären Studenten von Leyden, aber ich halte sie für verkappte Franzosen, denn, wenn sie auch mit mir holländisch reden, so sprechen sie doch unter sich in französischer Zunge, von der ich bei dem Getreidehandel über die Grenze Manches verstehen gelernt habe.«

»Und diese sollten uns nachforschen, uns verfolgen?« fiel der Junker im Tone des Unglaubens und Zweifels ein. »Unmöglich!« setzte er versichernd zu. »Ich kenne diese Leute nicht, ihr Unternehmen ist gewiß gegen einen anderen gerichtet!«

»Nein, nein!« versetzte der redliche Warner ärgerlich und kopfschüttelnd. »Ihr seyd es und noch mehr die liebliche Jungfrau da, auf welche sie einen Streich abgesehen haben. Meinen Augen und Ohren kann ich trauen und woher sollte ich denn Euch, die ich in dieser Stunde zum erstenmale sehe, bei Namen zu nennen wissen, wenn ich diese Namen nicht von andern erfahren hätte, welchen an den Personen ungemein viel gelegen ist? Genug! Es war in der Dämmerung des heutigen Morgens, als mit einemmale Pferdegestampf die Straße herab klang, die Reiter vor meiner Wohnung hielten und mit heftigem Klopfen und unter wilden Drohungen Einlaß verlangten. Ich überzeugte mich bald, daß ich mit meinem fünfzehnjährigen Knaben den Stürmenden einen vergeblichen Widerstand leisten würde. Ich öffnete also freiwillig und fragte ruhig nach ihrem Begehren. Sie aber eilten an mir vorüber, gleich die Treppe hinauf in die besten Zimmer. Hier empfingen mich, der wohl ein ziemlich saueres Gesicht zeigen mochte, die jungen Leute lachend, versicherten, ich könne ganz ruhig seyn bei ihrem Besuche, sie stünden für Alles und würden, was ihnen an Speise und Trank nöthig sey, bei Gulden und Stüber bezahlen. Zur Bekräftigung ihrer Worte händigten sie mir ein Stück Geld ein. Dann aber fingen sie sogleich an, sich sehr genau nach einem Manne und zwei Frauen zu erkundigen, die am gestrigen Tage hier vorübergekommen seyn möchten. Sie beschrieben Euch und Euere Reisegefährtinnen auf das Deutlichste, sie nannten, indem sie in dem Wahne, ich verstehe sie nicht, französisch mit einander sprachen, Euere Namen und einer von ihnen schwur, er müsse Euch die Tochter des Herrn van Vlieten abjagen und solle er Euch bis an’s Ende der Welt verfolgen! Sie sagten, wenn Ihr noch nicht vorübergezogen wäret, so müßtet Ihr heute durchaus ankommen, sie hätten die sichere Spur. Jetzt habt Ihr Alles vernommen, was ich weiß. Ihr seyd ein guter Holländer, deswegen halte ich zu Euch. Wären nur noch ein Paar Männer, wie wir im Hause, so wollten wir schon fertig werden mit den fremden Schelmen — und doch, wenn ich’s bedenke —« setzte er unruhig die Mütze rückend hinzu — »ich könnte Euch nicht öffentlich beistehen, denn hier an dem abgelegenen Orte muß ich jeder Parthei Freund scheinen. Aber Ihr selbst werdet jetzt am Besten wissen, was Ihr zu thun habt, um in Frieden Alles auszugleichen, denn gewißlich sind Euch die Leute bekannt und Ihr durchschaut den Grund Ihres Betragens.«