»Ich will ein Franzose werden, wenn ich sie kenne und mehr von ihnen weiß, als was Ihr mir gesagt habt!« betheuerte Cornelius und ging bewegt im Zimmer auf und nieder. »O ich fürchte sie nicht,« fuhr er zu sich selbst sprechend fort, »und wollte ihnen wohl den Weg zeigen, aber — Clelia! Nein, nein! Sie darf keine Gefahr mehr laufen. Der Mann hat Recht. Wir müssen dem seltsamen Handel auf friedlichem Wege auszuweichen suchen!«
In diesem Augenblicke rief ihn das geliebte Mädchen mit sanfter Stimme zu sich heran.
»Ich weiß, Ihr seyd kühn und muthig, Junker Cornelius,« sagte sie, »aber bezwingt diesesmal jede Aufwallung, die uns Allen Nachtheil und mir vielleicht um Euretwillen schweren Kummer bringen dürfte. Ja, Cornelius, Ihr seyd mir theuer und jede Gefahr, die Euerem Leben droht, jeder Tropfe Eueres Blutes, der in einem solchen Streite vergossen werden könnte, würde mich unglücklich und elend machen. Laßt uns still wieder den Wagen besteigen und unseren Weg fortsetzen. So gelingt es uns vielleicht, diesen unbekannten, räthselhaften Verfolgern zu entgehen.«
»Clötje, du sprichst wie ein Buch!« stimmte ängstlich Philippintje ein. »Ja! Wir wollen wieder in den Wagen, wir wollen fort.«
Der Landmann aber trat kopfschüttelnd zu ihnen heran und sagte:
»Ihr irrt, wenn Ihr glaubt, daß Ihr nicht bemerkt und erkannt worden seyd! Die zwei jungen Leute haben Falkenaugen und seit dem frühen Morgen liegen sie schon hinter den Fenstern, um zu spioniren. Kein Hofknecht im schlechten Kittel, kein Butterweib im Regentuche ist vorübergegangen, ohne daß nicht einer von ihnen herabgeschossen wäre, wie der Blitz, um sie näher zu untersuchen. Bei Euch verhalten sie sich still. Das kommt daher, weil sie ihrer Sache gewiß sind. Aber sie schmieden gewiß einen Anschlag, wie sie Euch am Sichersten angreifen, wenn Ihr an nichts denkt. Laßt mich einmal hinauf! Ich will in dem dunkeln Kämmerchen, das an ihr Zimmer stößt, einmal lauern und lauschen. Da ist jedes Wort zu vernehmen, da kann ich durch eine Spalte in der Bretterwand selbst jede ihrer Bewegungen beobachten.«
»Unbegreiflich!« sprach der Junker, der sich einem vergeblichen Nachsinnen über die wunderliche Angelegenheit hingegeben hatte. »Aber, wißt Ihr was? Nehmt mich mit! Nichts soll meine Gegenwart verrathen, das gelobe ich Euch. Vielleicht klärt sich, wenn ich die unbekannten Gegner sehe, in einem Augenblicke Alles auf, ein unschädlicher Irrthum enträthselt sich und wir können in aller Sicherheit einige Stunden der Ruhe bei Euch zubringen, deren die Frauen so sehr benöthigt sind.«
Nach einem kurzen Bedenken willigte der Hausbesitzer ein. Während Philippintje, am Feuer sitzen bleibend, trüben Gedanken nachhing und Clelia durch das Fenster auf die weiten Schneegefilde blickte, begaben sich die zwei Männer, durch eine Hinterthüre der Küche ein schmales, düsteres Treppchen hinauf, zu dem Orte, der ihren Absichten in jeder Beziehung entsprach. In dem finsteren Kämmerchen hörten sie jedes Wort, das in dem benachbarten Zimmer laut wurde, durch die Wandritze sah Cornelius ganz deutlich diejenigen, die aus einer unerklärlichen Ursache die Geliebte ihm entreißen wollten.
Seine Blicke verweilten nicht lange bei den unbedeutenden Gestalten der zwei schmutzigen Bursche, die in einem Winkel saßen und in dummer Erwartung vor sich hinsahen. Sie richteten sich sogleich auf die wohlgekleideten Jünglinge, die in unruhiger Bewegung auf und niederschritten und in einem Wortstreite begriffen schienen. Cornelius hatte sie schon gesehen. Ein augenblickliches Nachdenken belehrte ihn, daß dieses am Bord des lustigen Freiers von Rotterdam geschehen sey, er ahnete zugleich, daß sie damals schon in dem Unternehmen begriffen gewesen, das sie jetzt wiederum in seinen Weg führte.
»Cadédis!« rief der eine von ihnen mit Heftigkeit. »Die Gelegenheit ist da, so gut wir sie nur wünschen können. In fünf Minuten ist Alles abgethan. Wir rücken dem Sire Cornelius mit dem Degen auf den Leib, er muß das Mädchen herausgeben und wir führen sie auf demselben Wagen, der sie hierher gebracht, im Triumphe zurück nach Rotterdam zum Professor Hazenbrook. Er harrt unserer gewiß noch im Gasthofe und finden wir ihn da nicht mehr, so muß die Schöne mit nach Leyden wandern, wo dann der Professor das Weitere verfügen wird.«