»In einem Schlitten soll ich fahren? Ueber’s Eis? Einbrechen, ertrinken?«
Niemand hörte auf sie. Während der wackere Hausbesitzer seinem Sohne die nöthigen Eröffnungen machte, Schlitten und Schlittschuhe in den gehörigen Stand setzte, nahmen die Reisenden einige Erfrischungen zu sich, wie sie der ländliche Haushalt ihres Wirthes darbot. Clelia war jetzt ruhig und gefaßt. Wo sie eben nur dunkele, räthselhafte Nacht erblickt hatte, erschien ihr tröstlich und freundlich wieder ein Hoffnungsstern. Sie sprach ihrer Gefährtin Muth ein. Sie stimmte einen scherzhaften Ton an und brachte es wirklich bald dahin, daß Philippintje anfing, ihre Besorgnisse zu verbannen und sich sogar auf die Lustfahrt im Schlitten freuete.
Jetzt kam der Landmann zurück. Alles war fertig, Alles zur Abreise bereit. Sie entfernten sich leise durch die hintere Thüre des Gemaches; sie schlichen durch dunkle Gänge, durch die geräumigen Viehställe, durch den Garten. Das Schneegestöber hatte aufgehört. Nur eine dünne durchsichtige, weiße Flordecke lag auf dem weiten Eisspiegel, der sich, als sie aus dem Garten traten, ihren Blicken bot. Des Wirthes Knabe harrte hier mit Schlittschuhen und Schlitten. Vergebens bemühete sich Cornelius, dem Manne eine Belohnung aufzudringen.
»Ihr kommt schon einmal wieder!« antwortete er. »Bis dahin hat es Zeit. Euer Fuhrwerk und Euere Pferde bleiben mir ja ohnehin im Versatze,« fügte er lächelnd hinzu.
In dem Augenblicke ihrer Abfahrt brach die Sonne durch Wolken. Sie röthete Clelia’s Wangen und ließ das blühende Mädchen in einem Himmelsglanze erscheinen, der Cornelius mit Entzücken und den nachsehenden Landmann mit Bewunderung erfüllte.
Mit Windeseile flogen die Schlitten über die silberglänzende Eisdecke hin. Cornelius hatte seit seinen Knabenjahren für einen Meister im Schlittschuhlaufen gegolten; aber der Sohn des Wirthes übertraf ihn, wenn auch nicht an Zierlichkeit der Bewegungen, doch in Gewandtheit und Geschwindigkeit bei Weitem. Das mußte Philippintje zu ihrem oftmaligen Schrecken und Entsetzen erfahren. Er machte die künstlichsten Drehungen und Schleuderungen mit dem Schlitten, in dem sie saß, er fuhr sie wie toll im wirbelnden Kreise herum, er zog sie lange Strecken hindurch hinterrücks fort und wenn sie dann anfing, zu schreien und zu schelten, so lachte er hell auf, sprach ihr freundlich zu und versicherte, das sey hier zu Lande die Manier, ihre Mädchen und Weiber schrieen auch, aber sie sähen es doch gern und, weil man das wüßte, kehrte man sich nicht daran. Er begann dann von Neuem sein neckendes Spiel, ohne sich jedoch jemals von dem Junker weit zu entfernen, der, seine schöne Last vor sich hin schiebend, alle Kräfte aufbieten mußte, um nicht hinter dem flüchtigen Knaben zurückzubleiben.
Der Landmann war in der Gartenthüre stehen geblieben und hatte ihnen so lange nachgesehen, wie seine Blicke sie erreichen konnten. Er wünschte ihnen alles Glück auf den Weg. Cornelius offenes treuherziges Wesen hatte ihn angesprochen, und der Eindruck, den Clelia’s Schönheit auf ihn gemacht hatte, war von jenen Gefühlen des Wohlwollens begleitet, die wir denjenigen, die durch einen persönlichen Vorzug sich in unseren Augen auszeichnen, so gern zu widmen geneigt sind. Er ging in das Haus, in das Gemach zurück, wo noch am Kamine der Stuhl stand, auf dem das schöne Mädchen gesessen hatte. Ein zufriedenes Lächeln schwebte auf seinen Zügen. Er glaubte ein gutes Werk gethan zu haben, er mußte sich im Stillen über die Täuschung der Laurer im ersten Stocke lustig machen. Er horchte nach ihnen hin. Alles war ruhig. Sie standen gewiß in gespannter Erwartung am Fenster und gedachten, in jedem Augenblicke die reizende Beute, die sie schon in ihrem sicheren Besitz sahen, aus dem Hause treten zu sehen, sie standen gewiß bereit, sogleich, wenn es ihr Anschlag mit sich brachte, hinabzustürmen, ihre Pferde zu besteigen und das Werk zu vollführen, das, nach ihrem Wahne, ihnen gar nicht fehlschlagen konnte! Der Landmann mußte laut auflachen, wenn er sich das in seinen Gedanken ausmalte. Um die Täuschung fortzusetzen, ging er hinaus zu den Pferden, gab ihnen zu trinken und warf ihnen Heu vor, als sollten sie sich zu der ferneren Reise vorbereiten und stärken. Ein Blick nach den Fenstern des oberen Stocks belehrte ihn, daß die zwei jungen Leute ihren Lauerposten nicht verlassen hatten. »Ihr steht mir gut dort!« dachte er. »Ergötzt Euch nur noch ein Paar Stunden, an der freien Aussicht, die Ihr oben habt; dann mögt Ihr ausfliegen wohin Ihr wollt, meine Eisvögel holt Ihr doch nicht ein.«
Le Vaillant und sein Gefährte — in diesem haben unsere Leser schon längst den Leydener Studenten La Paix wiedererkannt — befanden sich indessen in jenem peinigenden Zustande, den das Gefühl der Erwartung einer nahen Catastrophe, des heranrückenden Momentes, in dem sich der Ausgang eines noch zweifelhaften Unternehmens entscheiden muß, in seinem Gefolge hat. Sie waren in jener Nacht, in der wir sie verließen, glücklich zu einer einsamen Küstenwohnung gelangt, sie hatten die vorüberfahrende Barke Syrene bestiegen, allein, indem sie hier gewiß Clelien und Cornelius zu finden glaubten, sich in ihren Hoffnungen getäuscht gesehen. Aber sie kannten ja das Reiseziel der Flüchtlinge! In Antwerpen waren sie an’s Land gestiegen. Frische Geldsummen, die sie hier bei einem befreundeten Handelshause aufnahmen, setzten sie in den Stand, Pferde zu kaufen und zwei Diener zu miethen, die sie bei ihrem Unternehmen unterstützen sollten. Sie schlugen den nächsten Weg nach Mastricht ein, aber La Paix gebrauchte die Vorsicht, seine Leute zum Oefteren seitwärts in’s Land zu schicken, um hier nach den Verfolgten zu forschen. So gelang es ihm, die Spur der Flüchtlinge zu finden. Schon früher würde er sie ereilt haben, wäre nicht der Junker van Daalen von der rechten Straße ab, auf Seitenwege gerathen, auf welchen die Nachsetzenden ihn nicht vermutheten. Deshalb gewannen sie auch den Vorsprung einer halben Tagereise vor ihm. In dem einsamen Gehöf, zu dem sie am heutigen Morgen gelangt waren, beschlossen sie auf gut Glück hin, einen Tag zu rasten. Sie waren nun überzeugt, daß die Flüchtlinge hier noch nicht vorübergezogen seyn konnten, sie sahen endlich, wie wir wissen, am Mittage dieses Tages eine Hoffnung erfüllt, die ihnen schon so oft fehlgeschlagen war.
»Morbleu!« sagte Le Vaillant zu seinem Freunde, der nur Augen für das unten harrende Fuhrwerk zu haben schien, nachdem beide schon über eine Stunde am Fenster gestanden und nutzlos auf einen Umstand gelauert hatten, der ihnen die baldige Abfahrt der Flüchtlinge anzeigen möchte. »Die sitzen fest am Kamin und machen uns wohl die Zeit noch lang, ehe wir uns auf die Klepper werfen können, um ihnen den Spaß zu verderben. Sandis! Du hättest meinen Rath annehmen sollen. Jetzt wäre Alles gethan, wir hätten das Vögelchen im Käficht und wären schon auf dem Rückwege nach der Heimath, wo unser würdiger Professor gewiß mit sehnsüchtig geöffneten Armen den Preis für seinen Amenophis Pharao erwartet. Du wirst es noch erleben, daß wir endlich, wenn wir meinen, die Huldgestalt zu fassen, nur in einen blauen Dunst greifen und daran ist nichts anderes schuld, als deine ewige Bedenklichkeit, dein endloses Zaudern. Cadédis —«
»Still, sie kommen!« unterbrach ihn La Paix und seine Blicke glänzten. Aber es war nur der Landmann, der wohlgemuth aus dem Hause trat und den Pferden Futter vorwarf. Nichts destoweniger nahmen die Studenten seine Erscheinung als eine günstige Vorbedeutung auf. Le Vaillant nahm seinen großen Raufdegen von der Wand und gürtete sich damit, ebenso La Paix. Die beiden Gesellen, deren übles Aussehen eher ein Paar Wegelagerer vermuthen ließ, als die Diener zweier Musensöhne, erhoben sich und dehnten, wie zu baldiger Thätigkeit und zum bevorstehenden Handgemenge, die gedrängten starkgliedrigen Gestalten, die ebenfalls mit Pistolen und kurzen Degen wohl versehen waren.