»Es ist unbegreiflich!« sagte Herr Jan, indem die nichtssagenden grauen Augen in den Schutt starrten und der Kopf mit der ungeheueren Lockenperücke sich zur Bekräftigung des Gesagten einige Augenblicke lang wackelnd hin- und herbewegte. Er deutete mit dem Porcellanknopfe seines spanischen Rohres nach dem im Hintergrunde sichtbaren Wohnhause und fuhr fort. »Dort war er noch gestern Abends spät, dort hat ihn der Domine nicht lange vor dem Ausbruche des Feuers verlassen und jetzt — wie von der Erde weggeblasen, wie nie da gewesen, wie in eine erbärmliche Null, die vor der Eins steht, aufgelös’t!«

»Nassau und Oranien!« hob mit einem verdrießlichen Gesichte Cornelius, der erst vor einer Stunde auf Jansens Barke angelangt war, an. »Das ist eine wunderliche Geschichte. Vater und Tochter fort — spurlos verschwunden! Das Haus mit seinem Reichthume, mit dem großen Handelsgeschäfte verödet, verwais’t. Das ist noch das tollste von allen tollen Ereignissen, die ich im Laufe weniger Tage erlebt habe.«

»Es ist fatal!« brummte Herr Jan vor sich hin. »Jetzt wäre die beste Gelegenheit, den alten Handel wegen Clötje und Cornelius richtig zu machen, denn, nachdem ihm das Waarenhaus niedergebrannt, ist Alles ausgeglichen und ich bin wenigstens ebenso dick, wie van Vlieten. Dumme Streiche! Will man mit dem Alten handeln, so ist er nicht auf dem Platze; will man nach der Tochter greifen, so faßt man die leere Luft.«

»Er war sehr krank und schwach?« forschte der Sohn weiter. »Es ist nicht zu denken, daß er ohne Unterstützung, ohne anderen Beistand sich entfernt habe.«

»Wer kann das wissen?« wandte der alte van Daalen ein. »Der Domine sagt, er habe ihn sehr elend und ermattet gefunden; der Doctor Mauritius behauptet, das sey nicht möglich, denn Mittags noch habe er eine gebratene Gans mit gutem Appetit allein verzehrt und eine Flasche Rheinwein dazu ausgestochen. Dem Tobias waren immer die Schwarzröcke ein Dorn im Auge. Ich meinerseits glaube, er hat sich in der Weinlaune nur einen Spaß mit dem Domine gemacht. Er hat ihm eine Nase gedreht mit der Mattigkeit und der Todesfurcht. Laßt uns nur das Ende erwarten! Vielleicht ist er bei der Bemühung, irgend Etwas aus dem Feuer zu retten, umgekommen und seine Gebeine werden noch unter dem Schutte gefunden.«

Indessen verfolgten die scharfen Blicke des Barkencapitäns einen Menschen, der sich taumelnd und dem Anscheine nach betrunken, zwischen dem Haufen der hier zahlreich versammelten neugierigen Bewohner von Rotterdam umhertrieb. Er war noch zu weit entfernt von ihm, er verlor sich zu oft hinter den einzelnen Gruppen der Zuschauer, als daß Jansen ihn mit Bestimmtheit hätte erkennen können. Aber eine dunkele Vermuthung fesselte seine Blicke an den Mann. Jetzt kam dieser näher, jetzt wandte er sein Angesicht, jetzt sah auch er den Capitän und war nun ängstlich bemüht, sich wieder unter der Menge zu verbergen. Jansen hatte ihn erkannt! Sein Donnerruf: »Peter Trip!« brachte ihn zum Stehen und führte ihn bald darauf, freilich in einigen Schlangenlinien, die er vergebens strebte in eine gerade Richtung zu verwandeln, vor den Capitän.

Jansen hatte ihm, während er langsam näher kam, finstere durchbohrende Blicke zugesandt, deren Bedeutung er aber, bei der schon eintretenden Dämmerung und in der Befangenheit des Rausches schwerlich erkannte.

»Wo kommst du her, Peter? Warum warst du nicht auf deinem Posten, als ich ankam?« fragte in einem rauhen, strengen Tone der Schiffsherr. Trip zögerte mit der Antwort. »Bramsegel und Backbord!« fuhr Jansen heftiger auf ihn ein und hob die gewaltige Faust. »Soll ich dir Rede machen, soll ich dich deine Schuldigkeit lehren?«

»Capitän,« antwortete mit halb lallender, halb zitternder Stimme Peter: »seyd nicht böse, verzeiht einem armen Teufel, daß er eine Fahrt auf eigene Rechnung gemacht. Aber seht — der Verdienst lohnte auch die Mühe: zehn blanke Dukaten und überdem noch freier Wachholder auf ein ganzes Jahr!«

»Was soll das heißen?« sagte Jansen erstaunt zu Cornelius. »Des Burschen Hand, in der man sonst nur das Ruder oder das Brandweinglas erblickt, ist mit Gold bedeckt, er faselt noch von andern Dingen, die meinen Argwohn erregen — Kerl!« wandte er sich drohend zu Trip zurück: »hast du schlechte Streiche getrieben, so nimm dich in Acht! Ich könnte dir den hanfenen Zwieback zu schmecken geben und, Sturm und Wetter! wenn du gar gestohlen hättest, so müßtest du baumeln ohne Gnade und Barmherzigkeit. Heraus mit der Sprache! Was hast du gethan, wo kommt das Geld her?«