»Nun,« erwiederte Peter mit verlegener Stimme, »mein Camerad und ich, wir stehen hier und mein Boot liegt dicht an im Canale. Wir sind da, um zu retten, Geld und Gut, Kostbarkeiten und Geräth —«

»Ich verstehe!« unterbrach ihn, den Stand der Sache überschauend, schmunzelnd Eobanus. »Ihr wollt in Euere Säcke retten, was hier in der entfernteren Wohnung die Flamme nicht erreichen kann. Aber ich weiß Euch einen sicherern und dabei ehrlichern Verdienst. Euer Boot ist da. Getrauet Ihr Euch wohl, mich mit dem Kranken, den ich hier in meinen Armen halte — einen meiner jungen Leute, welcher bei Herrn van Vlieten Tisch und Wohnung gehabt — unbemerkt und still zu Wasser aus der Stadt fort und dann weiter nach meinem Aufenthaltsorte Leyden zu schaffen? Ich habe meine Ursachen, daß Alles verborgen und heimlich betrieben wird. Zehn Dukaten für jeden, wenn wir an Ort und Stelle sind! Was sagt Ihr dazu?«

Peter zögerte einige Augenblicke, ehe er eine Antwort gab. Dann sagte er in bedenklichem Tone:

»Ein großes Kunststück wäre es nicht, Euch unbemerkt fort zu boogsiren! Wir haben das zu Nacht hundertmal getrieben, um das Havengeld zu sparen. Aber es ist so eine Sache — geradeheraus, Euere Ladung kommt mir verdächtig vor.«

»Dummes Zeug!« versetzte mit erzwungenem Lachen Hazenbrook. Zugleich schritt er ohne Weiteres mit dem Ohnmächtigen, dem er die Nachtmütze tief in’s Gesicht gezogen hatte, rasch nach dem Boote hin. Während er dieses betrat und seine Last sanft auf die Bank niederließ, rief er nach den langsam folgenden Männern zurück: »Vorwärts, Ihr Leute! Sparet Euere unnützen Bedenklichkeiten! Außer der versprochenen Belohnung erhält noch jeder freien Brandtwein auf ein ganzes Jahr.«

»Freien Brandtwein auf ein ganzes Jahr!« wiederholte Trip in seligem Staunen. »Topp! Wir sind die Eueren mit Leib und Seele, mögt Ihr nun ein Schelmenstück oder ein ehrliches Werk vorhaben! das habt Ihr zu verantworten.«

Sie sprangen in das Fahrzeug und ihre kräftigen Arme brachten es rasch aus der Nähe des van Vlietenschen Hauses. Geräuschlos zog es über die schmale Wasserfläche der Canäle, zwischen den hohen Häuserreihen hin. Bald befand er sich in einer entlegenen Gegend der Stadt, wo man nur wenig mehr von dem Feuerlärm vernahm. Der röthliche Schein am Himmel wurde schwächer. Besorgt hatte Eobanus den kraftlos ächzenden Kranken in seinen Pelz gehüllt. Er lauschte auf seine Odemzüge, er hatte die Rechte auf sein Herz gelegt. Ihm selbst gingen tausend verwirrte Gedanken im Kopfe herum. Zunächst aber stand der Vorsatz in ihm fest, so bald sie glücklich die Stadt verlassen haben und sich im Canale von Leyden befinden würden, aus dem ersten Hause ein Bett herbeizuschaffen, um die Lage des Leidenden zu verbessern. Er war noch von ängstlichen Zweifeln über das Gelingen seines Unternehmens beunruhigt. Er blickte argwöhnisch nach den beiden Ruderern. Diesen aber schien es ganz gleichgültig zu seyn, welche Ladung ihr Fahrzeug enthielt. Ihre Gedanken schwelgten schon im Vorgenusse der reizenden Zukunft, die ihnen das Versprechen Hazenbrooks eröffnet hatte.


9.

Gegen die Abenddämmerung des folgenden Tages standen an der Brandstätte des van Vlietenschen Waarenhauses drei ansehnliche Männer von verschiedenem Alter, in denen wir Herrn Jan van Daalen, seinen Sohn Cornelius und dessen Freund, den Schiffscapitän Jansen, wiederfinden. Ihre Blicke waren auf den mächtigen Schutthaufen gerichtet. Hier und da stand noch ein einzelnes Mauerstück, eine schwarze trauerige Ruine. Die starken Seitenwände des Gebäudes hatten der Wuth des Feuers nicht widerstehen können und waren unter ihrem Andrange zusammengestürzt. Viele Arbeiter waren beschäftigt, die zu Kohlen gebrannten, noch rauchenden Balken hinwegzuschaffen, andere gruben und suchten in dem Schutte nach Gegenständen, die vielleicht der Zufall unbeschädigt erhalten hatte. Nur dieses einzelne Waarengebäude war von den Flammen gänzlich vernichtet worden, nebst seinem kostbaren Inhalte an Gewürzen, edeln Spezereien und andern werthvollen Handelsartikeln. Das Wohnhaus stand unversehrt, ebenso waren andere, in dem Umkreise der van Vlietenschen Besitzungen befindliche Waarenbehälter von dem Brande verschont geblieben. Man schlug den Schaden hoch an, aber keinesweges so bedeutend, daß er dem dicksten Manne von Rotterdam empfindlich hätte seyn können. Aber dieser dickste Mann selbst? Was war aus ihm geworden, welch wunderbare Macht hatte ihn aus der Mitte seiner Mitbürger entrückt, ohne daß nur eine Spur von ihm geblieben wäre?