Des Professors Bezauberung war noch nicht gelös’t. Die Gebäude, die zu dem Hause des Herrn Tobias gehörten, besaßen einen ansehnlichen Umfang, sie nahmen fast ein ganzes Stadtviertel ein. Der Brand wüthete jenseits, noch war es in der Straße, nach welcher die Vorderseite des Wohnhauses ging, still geblieben. Als aber auch hier jetzt mehrere Leute heranstürmten, die verschlossene Thüre gewaltsam erbrachen und in das Innere drangen, fühlte Hazenbrook plötzlich seine Besinnung und seine Kraft zurückkehren. In unruhiger Hast flog er die Treppe hinab, aus dem Hause, über die Straße, jenen Leuten nach. Er sah sie im Hintergrunde des Hausganges, nach den vom Scheine des Feuers erhellten Höfen verschwinden. Das war sein Weg nicht. Er stieg die wohlbekannte Treppe hinauf. Hier war es still und dunkel. Tastend suchte er nach der Thüre, die in das Krankenzimmer führte. Er fand lange die rechte nicht, die Eingänge, auf die er traf, waren verschlossen. Da blieb er stehen und lauschte mit zurückgehaltenem Odem. Das Geschrei der Löschenden, der Klang der Sturmglocke drang dumpf zu seinen Ohren, aber dazwischen auch ein matter Seufzer, ein Geräusch, wie es die Bemühungen eines Kraftlosen hervorbringen können, der sich liegend auf dem Boden fortzubewegen sucht. Jetzt flammete ein neuer Feuerstrahl empor und sandte seinen rothen Schein durch ein Fenster, das bisher in Dunkelheit verborgen gewesen. Der Gang war erhellt, wie am Tage. Hazenbrook erkannte die Umgebungen. In einem Winkel, weit von ihm ab, lag die Thüre, die er suchte. Ebenso rasch, wie der Feuerstrahl aufgeschossen war, erlosch er wieder und die alte Finsterniß trat auf’s Neue ein; aber Eobanus kannte nun einmal die Richtung, die er zu nehmen hatte, ging eilig vorwärts und stieß die nur angelehnte Thüre, hinter der noch einmal jenes Aechzen erklang, mit einer hastigen Bewegung auf.

Welcher Anblick bot sich ihm hier in dem durch die Nachtlampe nur spärlich erleuchteten Gemach! Der Kranke war allein, man hatte ihn wahrscheinlich, da die in den entlegenen Gebäuden wüthende Feuersbrunst die Thätigkeit Aller erheischte, vergessen. Diese Ueberzeugung schien sich ihm selbst mit der Furcht, hier verlassen und hülflos zuletzt ein Opfer des weiter um sich greifenden Brandes zu werden, aufgedrängt zu haben. Das Geschrei in den Straßen hatte sein Ohr erreicht, es hatte ihm das Unglück verkündet, das sein Eigenthum, seine ost- und westindischen Vorräthe getroffen. Der erste Schreck wirkte wie ein Blitzstrahl auf ihn. Es war ihm, als sey er mit einer unzerreißbaren Kette an sein Lager gefesselt. Dann aber gab ihm der entsetzliche Gedanke, bei lebendigem Leibe zu verbrennen, der mächtige Drang nach Selbsterhaltung einige Kräfte zurück. Er versuchte aufzustehen, er ergriff die nächsten Kleidungsstücke, in die er sich mühesam hüllte, er warf den dicken pohlnischen Schlafpelz um sich. Jetzt versuchte er sich der Thüre zu nähern, allein dieser Anstrengung war seine Kraft nicht gewachsen. Er sank zu Boden, er bewegte sich kriechend noch ein Wenig vorwärts, dann konnte er nicht mehr, er wurde ohnmächtig und ein schwaches Aechzen war das einzige Lebenszeichen, das er noch von sich gab.

So fand ihn der Professor. Die wissenschaftlichen Absichten, welche dieser mit Tobias hatte, wichen in den ersten Augenblicken den Gefühlen der Menschlichkeit, aber ganz konnte er doch eine angenehme Empfindung darüber nicht unterdrücken, daß er Herrn van Vlietens Angesicht und Gestalt wo möglich noch hagerer und ausgedörrter wieder fand, als damals, da er ihn zum erstenmale am Haven erblickt. Er beugte sich zu ihm nieder, er rief ihn laut bei Namen. Keine Antwort! Nur ein brechender Blick heftete sich auf ihn. Er fühlte nach dem Herzen. Es schlug noch, aber sehr schwach; ebenso der Puls. Das Geschrei von Außen ertönte lärmender und näher. Die Glocken stürmten heftiger. Da ergriff ein großer Gedanke den Professor.

»Ich will ihn dem Leben wiedergeben oder er soll, dem Mauritius und sich selbst zum Trotz, doch mein seyn im Tode. Aut Cesar, aut nihil. Ueber den Rubicon führt nur Kühnheit.«

So rief er pathetisch und sein Entschluß war gefaßt. Eobanus war ein großer Mann von gewaltigem Knochenbau und besaß eine ungewöhnliche Stärke. Wie eine Feder schwang er den leichten Tobias auf seinen Arm, wie eine Geliebte drückte er ihn an seine Brust. Ein süßes Gefühl kam über ihn. Endlich hatte er ihn, nach dem er so lange vergebens geschmachtet, endlich ruhete er an seinem Herzen. Er glaubte schon die köstlichste Mumie zu halten, mit geheimnißvollen Hieroglyphen bedeckt, die Sphinx, die in Zukunft allen Besuchern seines Museums ein unauflösliches Räthsel, zu dem er nur allein den Schlüßel besaß, bieten würde. Dennoch stand der Vorsatz fest in ihm, kein Mittel der Kunst unversucht zu lassen, das Leben des Hülflosen zu erhalten. Ganz im Hintergrunde seiner Seele keimte auch wohl die Hoffnung, daß in diesem Falle Dankbarkeit thun würde, was er im entgegengesetzten von seiner Geistesgegenwart und Verwegenheit zu erwarten hatte. Aber nur unter der Hülle des tiefsten Geheimnisses konnte er einen, wie den anderen Plan ausführen, kein Mauritius, kein Freund oder Bekannter des Herrn van Vlieten durfte ihn nur ahnen.

Ohne noch über die Art der Ausführung seines kühnen Anschlages mit sich einig zu seyn, verließ Hazenbrook das Gemach. Er trug seine theuere Last sehr vorsichtig, er nahm sich in Acht, mit ihr irgendwo anzustoßen. Plötzlich war die Furcht über ihn gekommen, man könne ihn überraschen und ernstlichen Einspruch thun. Jeder Augenblick längeren Verweilens schien ihm gefährlich, er betrat eilig den dunkelen Gang. Das Dämmerlicht, das aus dem Krankenzimmer hinter ihm herleuchtete, fiel auf eine offene Thüre gerade gegenüber. Ein kühler Luftzug strömte durch diese ein. Vielleicht bot sich ihm hier ein Ausgang, abgelegen und verborgen, wo er nicht fürchten durfte, Menschen zu begegnen. In der That führte hier eine schmale Treppe abwärts, dieselbe, über welche einst Clelia und Cornelius ihre Flucht bewerkstelligt hatten. Auf gutes Glück stieg Eobanus hinab. Nur schwach und selten ließen sich noch die Seufzer des Kranken vernehmen, desto lauter tobte draußen die Menschenmenge und die Sturmglocke.

Odemlos stand er endlich am Fuße der Treppe. Seine Rechte griff untersuchend an der Thüre hin und her, die ihm hier den Weg versperrte. Sie war nur durch einen Riegel von Innen verschlossen. Leicht schob er diesen zurück. Die schwere Pforte wich und er sah sich unter freiem Himmel, in einer Nebenstraße, nahe bei einem Canal, der diese durchschnitt. Aber dieser tröstliche Anblick war es nicht allein, der sich ihm bot. Zu seinem Entsetzen bemerkte er dicht vor sich zwei dunkele Mannsgestalten, die, wie es ihm schien, eben bemüht gewesen, die Thüre, durch welche er trat, von Außen zu öffnen.

»Wer da?« rief er mit der ängstlichen Heftigkeit eines trotzigen Sünders, der sich auf der That ertappt sieht.

»Peter Trip!« war die Antwort, die ihm wie Musik klang.

»Trip — du!« entgegnete freudig Hazenbrook. »Dich führt mein guter Genius, mein Spiritus familiaris, her. Sprich! Was schaffst du, was treibst du hier?«