Uebrigens befand sich Herr van Vlieten keinesweges in einem so behaglichen und gedeihlichen Zustande, wie Eobanus fürchtete. Die veränderte Lebensweise wirkte nachtheilig, statt günstig auf ihn. Die reichlichen, nahrhaften Mahlzeiten erschöpften seine Kräfte, indem sie diese für Augenblicke erhoben, denen dann wieder Stunden der tiefsten Abspannung folgten. Mauritius versicherte zwar täglich, es gehe besser, der Puls sey lebenskräftiger und frischer geworden und es unterliege keinem Zweifel, daß, wenn Herr Tobias fortfahre, Rindfleisch und Kartoffeln zu speisen, die vollständige Genesung bald erfolgen werde; allein der Patient selbst empfand eine fortschreitende Abnahme der Kräfte, Kopfschmerz und Fieber plagten ihn unaufhörlich, keine Nacht wollte ihm den ersehnten Schlaf bringen. Wenn er das dem Doctor klagte, so lachte dieser und sprach: »Habt auch Ihr den thörigten Glauben, daß der Schlaf das Zeichen einer gesunden Natur sey? Thorheit! Unsinn! der kraftlose, erschlaffte Körper unterwirft sich diesem sklavischen Zwange; der starke, genesende weiset ihn zurück. Es ist lächerlich, wenn man von einem alten Menschen behauptet, er habe siebenzig oder achtzig Jahre gelebt, da er, wenn er sich dem gewöhnlichen Mißbrauche des Schlafes hingegeben, doch nur fünfunddreißig oder vierzig Jahre gelebt, indem er die übrige Zeit verträumt und verschlafen hat. Schlaft nicht und seyd gesund, das ist besser, als wenn Ihr, wie ein Murmelthier in seine Höhle, Euch in das Federbett verkriecht, um jedesmal, wann es Nacht wird, bis zum andern Morgen einen todten Menschen vorzustellen.«
So wußte der Doctor Mauritius Alles zum Besten zu erklären und Tobias glaubte ihm gern, wenn er’s auch anders fühlte. Der Doctor mußte es ja besser verstehen, als er, dafür hatte er studirt, strich zu Neujahr sein gutes Honorar ein und der Kranke dachte schon mit Grauen an die ungeheuere Rechnung, die jener für gelieferte Rindsbraten, Kapaunen, Welsche und Rheinweine aufstellen würde! Er war sehr vergnügt über die Besserung, die, nach Mauritius Aussage, von Stunde zu Stunde selbstständiger und offenkundiger wurde. Der Druck im Kopfe schmerzte ihn sehr, Hitze wechselte mit Frost, aber er lachte unter Zähneklappern und sagte seinem alten Geschäftsführer, der ihn täglich zu Abend besuchte, die Mittel des Doctors schlügen trefflich an, er fühle schon, daß er bald anfangen werde, sich wie ein Fisch im Wasser zu befinden und der Frost, der sich von Zeit zu Zeit melde, sey ein erfreuliches Vorzeichen dazu. Der alte treue Diener des Hauses sah ihn bedenklich an. Es wollte ihm vorkommen, als belebe eine ungewöhnliche Aufregung seinen wohlmögenden Patron, der nicht aufhören konnte, von den angenehmen Gefühlen des Frostes und der Hitze, von dem Nutzen der Schlaflosigkeit, von den vortrefflichen Heilkräften im Rindsbraten und in den Kartoffeln zu sprechen.
»Er liegt im Fieber, er phantasirt!« war das Resultat der Betrachtungen, die der Geschäftsführer über Herrn Tobias anstellte. »Sein Stündlein kann kommen, ehe er es selbst erwartet, und ich als ein christlicher Handlungsdiener muß dafür sorgen, daß er nicht hinfährt in seinen Sünden an den Ort der ewigen Fieberschauer, des Heulens und des Zähneklapperns. Ich will den Domine rufen. Er muß ihn vorbereiten, er muß die Seele reinigen vom sündigen Profit, den er an Caffee und Zucker, an Tabak und Indigo genommen.«
Der alte Mann schlich, während Herr van Vlieten noch im besten Zuge war, die Curmethode des Doctors Mauritius zu preisen, unbemerkt und leise zur Thüre hinaus. Der Patient bemerkte seine Abwesenheit nicht. Er sah den Schlafrock, der über einer Stuhllehne hing, für den Geschäftsführer an. Bei dem düsteren Lichte, das die sehr verdeckte Lampe verbreitete, konnte dieses um so leichter geschehen, da es in der Weise des Dieners lag, bei solchen Reden des wohlmögenden Patrons, die nicht bestimmte Fragen über Handlungsgegenstände enthielten, in ehrerbietiger Stille zu verharren. Nach einiger Zeit aber mußte Tobias verstummen. Der Reiz des Fiebers begann nachzulassen, er fühlte sich schwach, er griff nach der Weinflasche, die ihm, als ein vorzügliches Mittel die Kräfte wiederzubeleben, der Doctor vor das Bett gestellt hatte. Eben war er im Begriff, einen tüchtigen Schluck den übrigen, die diesem schon vorangegangen waren, folgen zu lassen, als die Thüre sich langsam öffnete und mit feierlichen Schritten der Domine hereintrat.
Ohne ein Wort zu sprechen, schritt er auf das Lager des Kranken los und nahm den Sessel ein, der zu dessen Füßen stand. Jetzt erst erblickte Herr Tobias die ganz schwarz gekleidete Gestalt. Er erkannte den Domine und verbarg die halb geleerte Flasche schnell unter sein Kopfkissen.
Die Nachrichten und Familienurkunden, welche uns zur Quelle unserer, will’s Gott! dem Leser wohlgefälligen Erzählung dienen, enthalten keine nähere Mittheilung über die Unterredung des Domine mit Herrn van Vlieten. So viel aber ist gewiß, daß der Geistliche weit vergnügter fortging, als er gekommen war, daß er dem Geschäftsführer, der ihn draußen erwartete, die Versicherung gab, er habe den Leidenden in der allerchristlichsten Gemüthsstimmung verlassen und, daß gleich darauf die Schelle im Krankenzimmer den Hausknecht beschied, welchem Herr van Vlieten mit schwacher, aber ruhiger Stimme anempfahl, dem Doctor Mauritius fernerhin unter keinerlei Vorwand den Eintritt zu gestatten und noch in dieser Stunde das gotteslästerliche Bild des Schiwa den Flammen zu übergeben. Dann ließ er den alten Diener wieder eintreten. Er redete ihn sehr sanft, fast wehmüthig an. Er bat den hoch Erstaunten, ihm einige Capitel aus einem Erbauungsbuche vorzulesen. Nachdem dieses geschehen war, beurlaubte er ihn und fiel zum erstenmale, seit langer Zeit, in einen ruhigen, fieberlosen Schlummer.
Hazenbrook hatte das Kommen und Gehen des Domine wohl erlauert. Er ahnete die Wahrheit, es schien ihm auch ganz natürlich, daß Herr Tobias durch die unsinnige Cur des Doctor Mauritius hingeopfert werde vor der Zeit, wenn nicht etwa schlummernde Kräfte in seinem Körper zum siegreichen Widerstande erwachten, alle Angriffe der nahrhaften Speisen und geistigen Getränke zurück und in ihre entfernteste Zufluchtsstätte, in das Zellgewebe, verwiesen, damit sie dort unseliges, verabscheuungswürdiges Fett ansetzten. Das Letztere sollte nun freilich nicht erfolgen. Aber war Eobanus deshalb besser daran? Fett oder todt vor dem ausgesetzten Selbstlegate, das war für ihn die nämliche Sache: das eine wie das andere raubte ihm die hoffnungsvolle Aussicht, seinem Schooß- und Herzenskinde, dem Leydenschen Naturalienkabinet, mit einem jungen Egyptier, dem seine zwei, bis dreitausend Jährchen recht wohl anstanden, ein Geschenk zu machen.
Er lag noch spät im Fenster seiner Wohnung. Die Glockenspiele von den Thürmen kündigten eben die eilfte Stunde Abends an, als er einen letzten Seufzer zu dem dämmerigen Fenster des Herrn van Vlieten hinaufschickte und sich nun in sein Zimmer zurückziehen wollte. Da wurden seine Blicke von einer dunkeln Wolke, die gerade hinter der gegenüberliegenden Häuserreihe aufstieg, angezogen. Die Wolke breitete sich rasch aus, sie drängte sich unglückdeutend über dem Hause des reichsten Mannes von Rotterdam empor, rothe züngelnde Flammen folgten ihr in wenigen Augenblicken.
»Feuer! Feuer!« wollte der Professor schreien, aber das Wort erstarb ihm auf der Zunge. Er stand bewegungslos, stumm und starr, als schon das Getöse in den Straßen sich wild heranwälzte zu der Brandstätte, als die Melodieen der Glockenspiele in schaueriges Sturmgeläute übergegangen waren, als zahllose Menschen nach den Hintergebäuden des van Vlietenschen Hauses strömten, wo das Feuer ausgebrochen war. Die rothe Gluth am nächtlichen Himmel wirkte auf ihn, wie der Blick der Klapperschlange auf Thiere, die sie sich zum Opfer erkoren hat. Er konnte seine Augen nicht abwenden von den aufzischenden Flammen, er war nicht Herr seiner Bewegungen, seiner Sprache, er stand wie gebannt, obgleich ihm ein dunkeles Gefühl sagte: du mußt hinüber, aus diesem Brande kann dein Glück, wie der Phönix aus der Asche, erstehen, du mußt handeln und retten, du rettest dein besseres Selbst, du gewinnst der wissenschaftlichen Idee, für die du kämpfest und ringest, endlich ein Leben! —
Schiwa’s Rache lag schrecklich auf den Gewölben und Speichern des Handelsherrn. Er war es, der noch im Untergange einen Triumph feierte, der im Sterben das befreundete Element, das so manches ihm einst dargebrachte Opfer verherrlichte, das nun zu seiner Vernichtung gebraucht wurde, aufgerufen hatte, seine Rache zu übernehmen. Noch einmal erschien seine alte Macht. Sie strebte in Gluthen zum Himmel und schien gegen diesen zu wüthen, daß er nicht hier die Tempel des Götzen dulde, wie in dem schöneren Hindostan. Darum also hatte man ihn gehegt und gepflegt viele Jahre hindurch im Prunkzimmer des van Vlietenschen Hauses, um seine geheiligten Glieder unter der Axt des Hausknechtes zu brechen, um sie in schnöde, unscheinbare Asche zu verwandeln, die vom Winde verwehet würde? Zündet nur! Brennt nur! In knisternden Funken flog der tückische Geist des Götzen empor in das Sparrwerk des weiten Waarenhauses, in dessen Nähe man ihm den Untergang in den Flammen bereitete, er nistete sich dort still ein und erst als die Nacht gekommen war, als der Friede sich in Sternenglanz und Himmelsdunkel zu der Erde neigte, da brach die verhaltene Wuth des Ergrimmten los und warf sich zerstörend auf die Schätze seines Vaterlandes, die hier die Gewinnsucht aufgespeichert hatte.