Cornelius konnte sich eines Lächelns über die Furcht, welche der Bootsmann vor dem allzugroßen Eindrucke von Philippintje’s Reizen auf sein empfängliches Herz zu hegen schien, nicht erwehren.

»Sey unbesorgt, Herrmanneke!« antwortete er in launigem Tone. »Ich bin ganz allein und diejenige, deren Anblick dein Liebesfeuer wieder anzuschüren vermöchte, wandelt jetzt auf Pfaden, wo wir ihr schwerlich begegnen. Ueberdem hat sie dir auch das Goldstück zurückgeschickt, das du ihr auf die Treue gegeben, und das ist der deutlichste Beweis, daß sie ihr Herz ganz und gar von dir abgewendet hat und als Jungfrau leben und sterben will.«

Der Bootsmann erwiederte nichts, aber indem er die süßen Erinnerungen an Philippintje zu bekämpfen suchte, dampfte er stärker, als bisher. Jansen kam jetzt den Berg herab und rief schon aus der Ferne dem Freunde ein herzliches Willkommen zu. Er war nicht sehr erstaunt, ihn hier zu finden, da er ja aus seinem Munde wußte, daß Mastricht das Ziel seiner Reise sey. Während Herrmanneke die beiden Freunde nach der Stelle hinruderte, wo die Syrene vor Anker lag, erfuhr Jansen von Cornelius Alles, was diesem seit ihrer Trennung begegnet war. Er sah seine Vermuthung über die nur vorgebliche Verwandtschaft Cleliens mit dem Junker bestätigt. Als dieser von den beiden Studenten sprach und ihre Personen beschrieb, rief Jansen wild aus:

»Bramsegel und Backbord! Die beiden Schelme habe ich auf der Syrene gehabt und dir selbst sie nachgeführt bis Antwerpen. Hätte ich damals gewußt, was ich jetzt weiß, wie hätte ich sie anführen und abführen wollen! Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Laß uns nur erst wieder in Rotterdam seyn! Da stehe ich dir bei als ein dankbarer Freund, und die Jungfrau Clelia muß dafür Frau van Daalen werden, daß du den Spagnol, wie einen feuerigen Drachen, zum Himmel fahren machtest. Ein Dienst ist des andern werth. Eine Frau für einen Drachen — umgekehrt findet sich das oft in der Welt!«

Sie langten bei der Barke an. Frau Beckje empfing den Freund ihres Mannes mit ihren gewöhnlichen Neckereien. In der nächsten Viertelstunde schon wurden die Anker aufgewunden und, von günstigen Winden fortbewegt, schwebte die Syrene, zwischen den Häuserreihen der Stadt Mastricht und der Vorstadt Wyk, die Maas hinab ihrer Heimath zu.


8.

Niemand verlebte indessen eine trostlosere Zeit, als der Professor Eobanus Hazenbrook. Täglich mußte er aus dem Fenster der unbequemen Wohnung, in die er sich der Wissenschaft zu Liebe einquartirt hatte, die köstlichen Gerichte vorübertragen sehen, welche der Doctor Mauritius seinem Patienten schickte. Dieser aber selbst blieb ihm unsichtbar und schien für ihn ein Gegenstand unerreichbarer Wünsche geworden zu seyn. Hoffen und Harren macht Manchen zum Narren! Dieser Spruch lag ihm immer im Kopfe und ob es ihm auch dünkte, daß er nahe daran sey, den Verstand zu verlieren, so konnte er doch nicht ablassen, nach dem verhängten Fenster sehnsüchtig hinaufzuäugeln und eine Zukunft zu ahnen, die ihm alle Entbehrungen, alle Leiden des Körpers und des Geistes reichlich vergelten würde.

Eobanus hatte das Bedürfniß oft in Gesellschaft zu seyn. Vor der Mumienangelegenheit aber mußte alles Andere zurückstehen. Er beschloß, sich in die Umstände zu schicken und nur eine Morgenstunde unter den Leuten, die sich in der Schenkstube des Hauses um diese Zeit versammelten, hinzubringen. Freilich fand er Anfangs die Unterhaltung der Matrosen und Lastträger nicht ganz nach seinem Geschmacke, als er aber erfuhr, daß Peter Trip, dessen sich der gütige Leser wohl noch als eines immerdurstigen Untergebenen des Capitän Jansen erinnert, in früheren Jahren in Alexandrien gewesen sey und von da mit einem gelehrten Reisenden eine Wanderung in das Innere Egyptens unternommen habe, rechnete er diese Stunden zu den köstlichsten seines Lebens. Er nahm nun seinen Platz immer neben Peter ein, der sehr in seiner Achtung gestiegen war, bewirthete ihn täglich und notirte, was dieser zum schuldigen Danke über die Pyramiden und ihre Katakomben berichtete, sorgfältig in sein Gedächtnißbuch. So geschah es, daß beide herzinnige Freunde wurden: der Professor aus Begeisterung für das Land, das der Nil bewässert, Peter Trip aus reiner Liebe zum Wachholder.

Am Meisten kränkte es den Professor, seinen wohlbeleibten Gegner, den Doctor Mauritius, immer mit einer Miene aus dem Hause des Herrn Tobias zurückkehren zu sehen, in der sich Vergnügen und Selbstzufriedenheit malten. Was konnte diese anders erzeugen, als das Gelingen, der glückliche Fortgang seiner entsetzlichen Cur? In den triumphirenden Blicken, in dem breiten Lächeln, das auf den vollen Wangen des Leichendoctors lag, glaubte Eobanus das Vernichtungsurtheil seiner letzten, ohnehin nur schwachen Hoffnung zu lesen. Gewiß war Herr van Vlieten schon auf dem besten Wege, ebenso corpulent, ebenso fett und nutzlos für die Kunst der leiblichen Verewigung zu werden, wie Mauritius selbst. Des Professors Phantasie, die sich freilich nur für einen Gegenstand, aber für diesen grenzenlos entflammte, malte dann in’s Große. Tobias trat auf ihn zu in dem allbekannten zimmetfarbenen Ueberrocke, aber er war ihm an allen Ecken und Enden zu eng geworden. Mit großer Mühe schien der Rock über dem gerundeten Bauch zusammengeknöpft und mit einemmale sprangen mit lautem Geräusche die Knöpfe und der Rundbauch in der schwarzen Sammetweste trat weit über die zurückfahrenden Schöße des kaneelfarbigen Kleides hervor. Ansehnliche Waden strotzten unter dem Kniebande gleichsam höhnisch nach Hazenbrook hin, die Farbe der Wangen war weiß und glänzend geworden, die sonst nadelfeine Spitznase hatte sich zwischen den herausquellenden Pausbacken in ein angenehmes Stumpfnäschen verwandelt und das Stumpfnäschen rümpfte sich, als das abscheuliche Bild lebenslustige Blicke auf Eobanus warf, als der schwellende Mund sich zu einem malitiösen Lächeln verzog, und die Mißgeburt seiner Phantasie nun in jenem dicken, gedämpften Tone, der auch den Fettansatz in Brust und Hals verrieth, zu sprechen begann: »So du lange lebest auf Erden, so du vergnügt bist! Der Heer Eobanus Hazenbrook, Professor vielberühmter Lugduner Academie, wie auch Custos theatri anatomici, ist in einen tiefen Irrthum versunken, wenn er sich schmeichelt, mich einzuschlachten für seine egyptische Vorzeit. Jetzt erst fängt mir’s an, recht wohl zu werden auf der lieben Welt, ich will mir Gutes thun und gedeihen, und ich hoffe unter dem Beistande des würdigen Doctor Mauritius, der die rechte Behandlungsart getroffen, meine hundert Jährchen herauszubringen. Ja, Myn Heer Professor, es ist mir selbst gar nicht bange dafür, die Nachricht von Euerem zeitlichen Hintritt noch lange vor dem meinigen zu vernehmen und zum Danke für Euere guten Absichten mit mir sinne ich schon darauf, einen Bleikeller, gleich dem in der guten Stadt Bremen erbauen zu lassen, in welchem dann Euer Balg verwahrt werden soll, bis zum Stündlein des jüngsten Gerichtes!« — So ungefähr redete Hazenbrook sich selbst im Namen des Herrn van Vlieten an. Nichts aber war dem Professor verhaßter, als jene Bleimumien, die sich in dem gedachten Keller und in einigen Kirchengewölben finden. Sie existirten weder für, noch durch die Wissenschaft. Sie äfften das Leben nach, aber nur das gegenwärtige bedeutungslose, nicht ein altvergangenes, klassisches, das geheimnißvoll durch Jahrtausende gehegt worden war und, wenn man ihm nachspürte, schon in seinen Nebendingen eine Quelle von Bereicherungen für die Wissenschaft ward. Er rief Trip, den er über die Straße gehen sah, herauf, um sich von ihm die häßlichen Bilder ausreden zu lassen. Trip kam gern und bald befand sich Hazenbrook durch seine Erzählungen wieder seelenfroh an die Ufer des Nils versetzt. Er lauschte und lächelte. Er war ganz Ohr: warum besaß er nicht das Wünschhütlein des Fortunatus, um im nächsten Augenblicke im Innern einer der wunderbaren Pyramiden von Sakhara oder Ghizeh zu sitzen und in den Grabmälern längst entschlafener Könige, als ein wissenschaftlicher Leichenwurm, herumzustöbern? —