Hazenbrook verlor die Sprache und sank in einen Sessel, die beiden Freunde betrachteten mit Befremdung die wunderliche Umgebung, die Skelette und Mißgeburten, die ausgestopften Thiere und seltsamen Werkzeuge an den Wänden, deren Bedeutung ihnen unbekannt war. Nur Clelia hatte für nichts anderes Augen, als den schwer gekränkten, schwer beleidigten Vater. Sie ahnete nicht das Spiel des Zufalls, das sie hier mit ihm zusammenführte, sie wußte ja nicht anders, als daß sie auf seinen Befehl hierher gebracht worden sey, sie mußte glauben, daß er sie absichtlich hier erwarte. Sie warf sich ihm zu Füßen, ihre Thränen flossen und mit bebender, flehender Stimme sagte sie:
»O verzeihet mir, mein Vater, daß ich mich so arg an Euch versündigt! Ihr habt großes Recht mir zu zürnen, mich zu strafen, so hart Ihr wollt, aber schenkt mir dann auch Euere Vergebung, schenkt mir Euere Liebe wieder!«
Ein Ausdruck von Milde zeigte sich in dem Antlitze des Herrn van Vlieten, als er auf die Tochter niedersah. Dann fuhren seine Blicke wild im Kreise umher. Sie trafen auf Hazenbrook. Er schauderte zurück, als habe er einen Basilisken erblickt.
»Ich verzeihe dir,« stieß er hastig heraus, »ich verzeihe dem Cornelius, ich verzeihe Allen, aber dem verzeihe ich nicht, dem schändlichen Menschenräuber, dem satanischen Mumien-Professor! Fort von hier im Augenblicke! Die Luft hier ist vergiftet und die Gerippe starren mich an, als wollten sie mich begrüßen als ihren guten Freund und Gevattersmann. Ich ersticke hier! Ich muß ins Freie, in ein anderes Haus.«
Er schritt mit einer Eile und Festigkeit nach der Thüre, die augenscheinlich die völlige Rückkehr seiner Kräfte erwiesen. Jansen riß ein Licht an sich und eilte voraus. Von Cornelius geführt folgte Clelia dem versöhnten Vater. So leicht hatte sie nicht gehofft, seine Verzeihung zu erhalten, so bald hatte sie noch weniger geahnt, ihn dem jungen Manne, dem ihre Liebe gehörte, geneigt zu sehen. Wie ein schöner Traum dünkte sie Alles. Sie sah wohl ein, daß in dessen Hintergrunde ein Räthsel stehe, welchem sie die günstige Wendung ihres Schicksals verdanke, aber sie vermochte es nicht zu erklären und gab sich auch lieber der Wirklichkeit hin, die sie klar und freundlich ansprach.
La Paix sandte den Forteilenden einen staunenden und fragenden Blick nach, der deutlich sagte, daß er von Allem, was eben unter seinen Augen vorgegangen war, nichts begreife. Er konnte ihre Entfernung nicht verhindern, wenn er auch gewollt hätte. Der Zustand des Professors erheischte seine ganze Sorgfalt.
Jungfrau Philippintje hatte indessen im Innern der haltenden Kutsche ihr Schläfchen fortgesetzt. Sie erwachte erst von dem Schein der Kerze, mit der Jansen in den Wagen leuchtete. Ihr Blick fiel auf Herrn van Vlieten. Sie sah den strengen Brodherrn im wohlbekannten Schlafpelze, sie glaubte sich in der heimathlichen Wohnung zu Rotterdam, sie schrie laut auf und wollte sich aus dem Wagen stürzen.
»Ruhig!« gebot der Capitän und schob sie unsanft in die Kutsche zurück. Verstummend schmiegte sie sich in einen Winkel. Sie sah, wie Herr Tobias einstieg, ein Zittern ergriff sie, als sie die Nähe des Gebieters, der dicht neben ihr Platz nahm, fühlte. Clelia folgte dem Vater. Der milde Strahl des Friedens, der aus ihrem Auge und Antlitze leuchtete, drang tröstlich in Philippintje’s Herz.
Während Jansen den schweren Riegel am Thore zurückschob und dieses öffnete, hatte Cornelius den noch immer schlafenden Kutscher erweckt und ihm in einem Tone, der keinen Widerspruch zuließ, angedeutet, den Wagen augenblicklich umzuwenden und nach dem besten Gasthause zu fahren. Der Mann war noch schlaftrunken. Er glaubte einen seiner bisherigen Herrn vor sich zu sehen und gehorchte ohne Umstände.
»Cadédis! Was hat das zu bedeuten?« rief Le Vaillant, als er von seinem Geschäfte, das ihn in den Hintergebäuden des Hofes gehalten hatte, zurückkehrte und beim Lichte der von Jansen am Boden zurückgelassenen Kerze den Thorweg offen, den Wagen verschwunden sah. Er stürmte die Treppe hinauf. Er hoffte oben bei La Paix und dem Professor Aufschluß zu erhalten. Als er aber den Saal betrat, herrschte hier eine Stille, wie im Grabe. Er fand Hazenbrook bleich und kraftlos in den Armen seines Freundes La Paix.