Alles geschah nach der Angabe des Fortschreitenden. Er schien ermüdet. Seine langsamen Schritte dröhnten im Wiederhalle von der steinernen Treppe herab, die er hinaufging. Ringsum herrschte völlige Dunkelheit. Cornelius und Jansen schlichen vor zum Kutschenschlage. Der Führer des Wagens war auf seinem Sitze fest eingeschlafen. Jansen bewachte ihn; der zurückgebliebene Begleiter hatte die Pferde nach dem Hintergrunde eines geräumig scheinenden Hofes geführt.
»Clelia!« sprach leise, aber im Tone der innigsten Liebe, der Hoffnung und Furcht, Cornelius durch die Ritze der Ledervorhänge in das Innere der Kutsche.
»Cornelius!« antwortete eine Stimme, deren Ton ihn mit Entzücken erfüllte.
Im nächsten Augenblicke war der Schlag geöffnet. Clelia sank zitternd an die Brust ihres Freundes. Laute unmelodische Odemzüge verriethen die Anwesenheit Philippintje’s, aber auch zugleich, daß sie sich in demselben Zustande befand, wie der Rosselenker auf dem Bocke.
»Hinauf, hinan!« sagte hastig Jansen, indem er den frei gebliebenen Arm Cleliens ergriff. »Immer den Schritten des Schelmen nach, die uns den Weg weisen sollen. Wir müssen dem Feind auf den Leib rücken, wir müssen an sein Bord. Ich ahne, daß wir oben eine Person finden, der unsere Gegenwart leicht noch erwünschter kommen dürfte, als der Jungfrau Clötje.«
Während der furchtlose Seemann sich hastig an dem Geländer der in das obere Stock führenden Treppe fortgriff, suchte Cornelius mit dem Freunde gleichen Schritt zu halten. Clelia schwebte, von den kräftigen Armen der zwei eilenden Männer unterstützt, mehr durch den dunkelen Raum aufwärts, als daß sie sich ihrer Füße zu bedienen brauchte. Man erreichte einen ebenen Boden. Ganz nahe war man jetzt den hallenden Tritten des Vorangegangenen.
Clelia und ihre Begleiter blieben stehen. Sie hielten den Odem an, sie lauschten. Auch derjenige, dem sie gefolgt waren, hatte seine Schritte gehemmt. Er klopfte jetzt an eine Thüre, er nannte seinen Namen: La Paix. Jansen drängte Clelien und seinen Freund vor, dem Sprechenden so nahe, daß sie das Rauschen seines Mantels an der Wand vernehmen konnten.
Da öffnete sich die Thüre, ein Lichtglanz strömte heraus, ein schwarz gekleideter Mann erschien in ihr und breitete die Arme dem Eintretenden entgegen, mit den Worten:
»Salve, Musenkindlein! Du kommst zur guten Stunde: habeo Themistoclem!«
Aber im nämlichen Augenblicke drang auch Jansen mit Cornelius und Clelien dem betroffenen Studenten nach in den hellen Saal, im nämlichen Augenblicke hob der Hammer der Glocke des Universitätsgebäudes, die sich gerade über dem anatomischen Theater befand, aus zum ersten Schlage der Mitternachtsstunde, er dröhnte schwirrend über den Häuptern der seltsam Versammelten hin, das Glockenspiel in der Uhr fing an das damals eben neu aufgekommene Lied: Prinz Eugenius, der edle Ritter, zu spielen und — siehe! der Starrkrampf des Herrn van Vlieten war gelöst, die schlummernde Lebenskraft schien nur einer solchen Anregung von Außen geharrt zu haben, um, nach der glücklich vollendeten Crisis, wieder frei und frisch in die Wirklichkeit zu treten. Noch wandte der Professor, den fremden Besuch anstaunend, ihm den Rücken. Als aber Hazenbrook sich umkehrte, als die Uebrigen ihm auf dem Fuße in das Gemach folgten, da stand schon Herr Tobias mitten im Saale, umwallt von dem weiten Pelze, der durch seines Herrn Sprung von der Tafel in eine flatternde Bewegung gerathen war.