An einem der Stadtthore von Leyden fand während dieser Zeit eine Scene statt, die mit den bedeutendsten Verhältnissen unserer Geschichte in einer zu innigen Beziehung steht, als daß wir ihrer nur leichthin gedenken dürften. Ein bedeckter und verschlossener Wagen fuhr langsam über die Zugbrücke und durch das geöffnete Thor. Die zwei Pferde, welche ihn zogen, schienen sehr ermüdet und mußten sowohl durch die Peitschenschläge ihres Führers, wie durch die ermunternden Zureden eines nebenreitenden Begleiters bewogen werden, ihren matten Schritt fortzusetzen. Ein anderer Begleiter hielt indessen bei der Thorwache, um deren pflichtmäßige Erkundigungen zu beantworten und ohne daß er zwei hinter ihm haltender Reiter, die im scharfen Trabe nachgekommen waren, sonderlich geachtet hätte. Er schien sehr eilig und verdrießlich über den nothgedrungenen Aufenthalt.
»Zum Professor Hazenbrook! Cadédis! Wie oft soll ich es wiederholen!« rief er ungeduldig nach der Wache hin, indem er dem langsam fortkriechenden Fuhrwerke folgte.
»Bramsegel und Backbord!« flüsterte einer der beiden später anlangenden Reiter seinem Gefährten zu. »Wir segeln mit gutem Winde. Dieser Cadédis ist einer von den zwei Spitzbuben, die ich dir auf der Syrene nachgeführt, und ich will nie wieder einen Anker auswerfen oder ein Segel hißen lassen, wenn in dem neumodischen Kasten, den sie eine Kutsche nennen, nicht Jungfer Clötje und Herrmanneke’s Braut, die holdselige Philippintje, sitzen!«
»Bei dem Ruhme Oraniens! Ich glaube es selbst;« erwiederte Cornelius, der mit seinem Freunde den sechsstündigen Weg von Rotterdam nach Leyden in Sturmeseile zurückgelegt hatte. »Wir müssen die Spur verfolgen. Hier werden sich alle Räthsel lösen, hier werde ich endlich meinen seltsamen Feind, den Professor Hazenbrook, von Angesicht zu Angesicht kennen lernen.«
Er sprang vom Pferde; Jansen folgte seinem Beispiele. Die militärischen Abzeichen, welche Cornelius trug, machten jede weitere Erörterung mit der Wache überflüßig. Während sie zu Fuß die schneckenartig sich fortbewegende Kutsche erreichten, blieben die Pferde bei der Thorwache zurück. Das Herz des Junkers van Daalen pochte in stürmischer Unruhe! Seine Blicke hingen an dem Wagen, sie hätten die dünne Scheidewand, die ihn von der wahrscheinlich wiedergefundenen Geliebten trennte, durchbohren mögen. Die Schritte der beiden Freunde waren leise, jetzt waren sie dem Wagen ganz nahe, jetzt schwangen sie sich von einem gemeinsamen Gedanken ergriffen im nämlichen Augenblick auf das breite Hinterbrett der schwerfälligen Kutsche, das zum Tragen der Reisekisten bestimmt war. Niemand hatte sie bemerkt. Die Begleiter des Wagens ritten langsam vor diesem her und ahneten nicht, was sich hinter ihrem Rücken begab. Jansen lachte mit unterdrücktem Kichern in sich hinein, während Cornelius lauschte, ob er nicht etwa Cleliens theuere Stimme im Inneren des Wagens vernehmen könne. Seine Mühe war eitel; das Rasseln der Kutsche auf dem Steinpflaster verschlang jeden anderen Ton.
Durch viele Straßen waren sie schon gekommen und das Licht des Mondes hätte die beiden Freunde leicht verrathen können, wenn es einem von den Reitern eingefallen wäre, zurückzubleiben und die Lage der Dinge zu untersuchen. Aber sie waren ihrem Ziele zu nahe, um noch irgend eine Gefahr zu befürchten. Sie plauderten sorglos von der Ueberraschung des Professors, der einen solchen Besuch um Mitternacht gewiß nicht erwarten würde.
Endlich hielt die Kutsche vor einem großen steinernen Gebäude. Einer der Reitenden stieg ab und öffnete mit einem Schlüssel, den er bei sich führte. Mit einem dumpfen Getöse fuhr der Wagen in ein dunkeles Gewölbe. Das Thor schloß sich hinter ihm.
»Wir sind gefangen!« flüsterte Jansen nach Cornelius hin.
»Wir haben Waffen;« entgegnete leise dieser.
»Ich muß doch den Alten erst vorbereiten;« sagte in vernehmlichem Tone jetzt derjenige der zwei Begleiter, der bereits den Boden betreten hatte. Cornelius erkannte ihn an der Stimme. Es war der junge Mann, der damals in dem ländlichen Gehöfe zu den saumseligen Maasregeln gerathen, welche des Junkers Flucht mit den beiden Frauen begünstigten. »Er arbeitet noch oben im Saale, denn es ist Licht dort,« sprach er weiter. »Führe du indessen die Pferde zum Stalle, Le Vaillant! Der Wagen bleibt bis zu meiner Rückkehr ruhig an Ort und Stelle.«