Die beiden Freunde schritten eilig der nicht weit entlegenen Wohnung des Herrn van Daalen zu. Peter Trip schlug taumelnd den Weg nach der Gegend des Havens ein, wo die Syrene vor Anker zu liegen pflegte.


10.

»Obiit! Er hat vollendet! Kein Odemzug mehr, kein Herzschlag!« sagte der Professor Eobanus Hazenbrook und bemühete sich, eine Thräne aus dem trockenen Auge zu pressen. Er stand in seinem kleinen Schlafzimmer an dem Lager, auf dem, seit der am frühen Morgen erfolgten Ankunft in Leyden, Herr Tobias van Vlieten in fortdauernder Bewußtlosigkeit geruhet hatte. Vergebens hatte der Professor dem Leidenden stärkende Tropfen eingeflößt, vergebens alle Mittel erschöpft, die, jedem äußeren Merkmale nach, gänzlich erschlafften Lebenskräfte zu heben. Das Aechzen des Kranken war von Stunde zu Stunde schwächer geworden, jetzt hatte es ganz aufgehört.

»Das ist das Werk des Doctor Mauritius!« sprach Hazenbrook, sich selbst über den Gewissenszweifel beruhigen wollend, daß die nächtliche Reise den Tod des Patienten veranlaßt oder beschleunigt habe. »Rindfleisch und Rheinwein! Es heißt eine Feuersbrunst mit Pech und Schwefel löschen, wenn man solche Dinge in ein schon erhitztes und erregtes Blut wirft. Da liegt er nun starr und todt — geschlachtet von dem verrückten Leichendoctor! Aber ich will aus ihm selbst ihm ein Mausoleum bereiten, zu dem die staunende Nachwelt wallfahrten soll, wie zu einem wunderthätigen Heiligenbilde. Jetzt erst ist er mein. Habeo Themistoclem!«

Er schwieg und sah mit einem milden Lächeln in das Antlitz und die noch offenen Augen des Liegenden.

»Freilich,« hob er nach einer ziemlichen Pause wieder an, »könnte es Ignoranten geben, die da meinen möchten, diese Augen seyen noch nicht eigentlich gebrochen und das leise Zucken in den Wimpern verrathe eine Lebensspur. Aber haben sie die Natur in ihre geheimsten Gänge verfolgt, wie der Professor Eobanus Hazenbrook? Die erstarrende Ader zuckt noch, allein es ist nicht das Leben, das sie bewegt. So zappeln auch noch die Glieder der todten Schlange, der man den Kopf abgeschnitten, das Bein, das man der Spinne abgerissen hat. Es sind die letzten Regungen des zurückgebliebenen Leibes, an denen die geschiedene Seele keinen Theil hat. Meinen Scharfblick täuscht nichts, meine Erfahrung hat sich in tausend Fällen bewährt!«

Was man wünscht, das glaubt man gern. So ging es auch dem Professor. Nichts schien mehr der Erfüllung seines heißesten Wunsches entgegenzustehen. Den Tobias hatte er nur geliebt in der Hoffnung auf seinen Tod: was Wunder, daß er sich jetzt dem freudigen Glauben hingab, diese Hoffnung sey nun in Wirklichkeit übergegangen? Aber sein in Freude überschwellendes Gefühl war es eben, was diesesmal seinen Verstand betrog und seinen ärztlichen Blick trübte. Herr van Vlieten war keineswegs todt, wie Hazenbrook mit Sicherheit wähnte. Im Gegentheile bereitete gerade jetzt eine Crisis im Innern die schleunige fast wunderbare Genesung des Kranken vor. Er lag im Starrkrampfe. Er hatte Alles gesehen, Alles gehört, was mit ihm vorgegangen war. Er sah noch in diesem Augenblicke den Professor mit dem schmunzelnden Einbalsamirungslächeln auf dem Gesichte, er vernahm aus seinem Munde die Erklärung, daß er — der Lebende nun gestorben sey und sich demnächst selbst, als irgend ein egyptischer Mumienkönig, zum verewigten Denkmale gesetzt werden solle. Entsetzliche Lage! Er wollte schreien, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt, die Zunge versagte ihm jeden Dienst. Er wollte sich bewegen, wüthend um sich schlagen; seine Glieder waren starr, unvermögend zu der geringsten Thätigkeit. Und immer stand der Professor vor ihm mit dem gräßlichen Lächeln, mit dem Ausdrucke innigen Wohlgefallens an der vermeinten Leiche!

Wie ward ihm aber gar, als nun Hazenbrook seinen vertrauten Diener rief und mit dessen Hülfe ihn eine breite Treppe hinauf in einen hochgewölbten Saal trug, wo ihn allenthalben schauerliche Sinnbilder des Todes angrins’ten! Es war das anatomische Theater. Der Professor genoß einer freien Wohnung im Universitätsgebäude und hielt es für das Rathsamste, sein Einbalsamirungsgeschäft im Zergliederungssaale, der während der Ferienzeit ihm vollkommene Verborgenheit gewährte, zu beginnen. Der starre Körper des Herrn Tobias war von den beiden Männern auf eine große Tafel niedergelegt worden. Jetzt sah er freilich nichts mehr von den Gerippen, die in einzelnen Nischen des Saales aufgestellt waren, von den Zergliederungs- und Amputations-Apparaten an den Wänden, die er für Marterwerkzeuge gehalten hatte. Sein starrer Blick haftete an der gewölbten Decke. Durch die Fenster in dieser schien der Mond, schimmerten die Sterne herab. Da dachte er: ich sehe noch den Himmel und seine schönen Lichter und bin dennoch gestorben, ich kann noch denken und mich sehnen nach meinem lieben Kinde, das ich durch allzu große Strenge von mir getrieben, und sie heißen mich doch schon den seligen Tobias! Die Wehmuth trat ihm an’s Herz. Es war ihm, als müsse er weinen, wie ein Kind, aber auch die Thränen hielt der Krampf gefesselt.

Indessen durchschritt der Professor seelenvergnügt den Schauplatz seiner Heldenthaten. Er hatte den Diener fortgeschickt. Seine Blicke ruheten bald behaglich auf irgend einem wohlgelungenen Präparat, bald auf einem seltsamen Monstrum, deren mehrere gut erhalten und ausgestopft in dem Gemache standen; immer aber kehrten sie doch mit dem Ausdrucke einer vollkommenen Zufriedenheit, eines Wohlwollens, das mit jedem Augenblicke stieg, nach dem großen Secirungstische zurück, auf dem Herr van Vlieten die Sternlein und den lieben Mond beäugelte. Mitternacht war nahe. Hazenbrook ahnete nicht, daß der Glockenschlag dieser verhängnißvollen Stunde ihn mit einemmale von dem Gipfel seiner Freude, aus dem Paradiesgarten seiner, wie er wähnte, erfüllten Hoffnungen schleudern würde. —