»Nichts wage ich, denn weil du dich unaufhörlich selbst krönen mußt, so liegt es dir ob, jeden glänzenden Stein von der Straße in dein Diadem aufzulesen. Und solch ein Stein bin ich.«
Eine Pause entstand, verstört klammerte sich die Regentin an beide Armlehnen, und es war fast, als versuchte sie, ihren Leib rächend gegen ihren Bedränger emporzurichten. Noch war es ihr unentschieden, ob sie Strafe oder Verachtung gegen das Niegehörte aufbieten sollte. Und sie selbst erschrak, als ihr aus dem tosenden Wirbel zuerst nichts als die bangsam demütige Klage aufstieg:
»Mann, siehst du nicht, daß ich ein Weib bin? Noch nie stand ein solch Ehrfurchtloser vor mir. Ich weiß nicht, was mich abhält, dich zu züchtigen.«
»Ich aber weiß es,« sagte jetzt der Störtebecker, jeden Widerspruch dämpfend, indem er auf sie zuschritt. Die Sporen an seinen Ringelschuhen wisperten und kicherten aufreizend mit. »Verstell dich nicht, Fürstin. Dich lähmt zur Stunde der volle Aufruhr deines Herzens. Zum erstenmal blickst du hinüber aus dem blutigen, waffenstarrenden Ring deines vermeintlichen Rechtes, in den bereits heranschwellenden Kreis der angeblich Rechtlosen. Dort herrschst du, hier gebiete ich. Tausende verbluten und verröcheln unter deinem Urteil, da sie deinen Erwartungen oder deinem Nutzen nicht entsprechen. Aber schau dafür auch meine Fäuste. Sie dampfen vom Blute gerade deiner Ergebensten, weil sie es sind, die wiederum meinen Hoffnungen ein Hindernis bereiten. Wer von uns beiden ist der Übeltäter? Willst du es entscheiden? Du möchtest deinen Herrgott am Barte für dich aus den Wolken zerren! Vergebens, denn dein Gott hat zahllose Male die Empörer gesegnet. Dort der Gekreuzigte, an den du dich angstvoll drängst, war er nicht der Aufrührer fürchterlichster? Und du willst entscheiden? Du, deren verstopftes Ohr nicht einmal vernimmt, wie unter der dünnen Decke deiner Füße bereits Tausende meiner Stimmen schreien und heulen und winseln?«
Schonungslos füllte der helle Klang den engen Raum, die Glut einer verzehrenden Überzeugung wehte das halbbetäubte Weib an, alle ihre Gedanken wandten sich zur Flucht vor dem fürchterlichen Eroberer, der mit Räuberfäusten an ihr bisher so geschontes Bewußtsein hämmerte. Aber – oh Wunder – gerade aus ihrer natürlichen Todesangst, aus der Furcht vor persönlicher Vernichtung oder Schmach, da erhob sich wie der weiße Felsen aus dem überschäumenden Gischt das Eigenste dieser Frau, das Gefühl ihrer königlichen Einsamkeit. Und gewohnt, jede Hilfe, jede Rettung aus ihrer herrschsüchtigen Seele zu holen, überrauschte sie ein Schauer widerspruchsvollen Ergötzens an der nahen Gefahr. Wie von ungefähr verspürte sie sogar das Lockende jener gewalttätigen, grausamen Männlichkeit. Nur eines glitt an ihr vorüber, und dies war gerade das Neue, das sie aufgefangen, das dumpfe Brausen der dunklen, wilden Gestalten, die der seltsame Mensch eben vor ihr beschworen. In dumpfem Murren erstarb ihr der unheimliche Laut hinter einem wohlverwahrten, eisernen Tor, zu dem ihr jeder Schlüssel fehlte.
Aber stattlich richtete sie sich auf, bis sie in voller Höhe von ihrem Herrensitz ragte. Als sie den Arm ausstreckte, blitzten die goldenen Schnüre im Sonnenschein bis auf den Boden.
»Nimm dich in acht!« warnte sie schneidend und zugleich griff ihre sinkende Hand nach einem winzigen Hämmerchen. »Besinn dich, wo du stehst. Ein Schlag auf diese Platte, und meine Gewappneten würden dich lehren, wer von uns beiden im Namen des Ewigen richten darf.«
Da stieß der Störtebecker ein kurzes herausforderndes Lachen aus.
»Weißt du kein anderes Lied?« zuckte er geringschätzig die Achseln. »Komm zu mir auf die Agile, und es würde dir vielleicht nicht anders entgegenschallen. Aber« – und er schlug wuchtig auf seine Brust – »diesmal wird es nicht gesungen.«
»Woraus schließt du das?«