»Es geschieht mir nichts, Königin,« beharrte der Seemann unabänderlich, »denn ich war nicht so töricht, dir mehr zu trauen als meiner Gewalt.«
Bedeutsam wies er nach dem Fenster. Margareta folgte der Bewegung, und fern auf der Reede schwollen ihr die schwarzen Rümpfe der Freibeuterkoggen entgegen, und da sie diese schärfer betrachtete, fielen der Argwöhnischen mehrere dunkle Riesenaugen auf, die drohend und lauernd zu ihr herüberstarrten.
Der Admiral lächelte eigentümlich, da versuchte auch die Regentin ein gleiches Zeichen der Gemütsruhe zu geben, obwohl ihr die Heiterkeit nur wie ein bleierner Schein um die Lippen irrte. Und doch – dort draußen diese schlanken Masten, sie waren es ja, an denen all ihr Ehrgeiz hing. Über die schaukelnden Planken dort konnte sie stolz und sieghaft, beneidet und bewundert ins Weite schreiten, durch die Jahrhunderte und an ferne Küsten. Und gezogen von ihrer eigenen Leidenschaft lief das Weib fast willenlos an den Ausguck. Als sie sich zurückwandte, da flimmerte mit einem Male wieder das ganze Netzwerk ihrer seeleneinfangenden Künste in ihren scharfen Zügen. Und ihre großen rostbraunen Augen dämmerten dazu fraulich und verzeihend.
»Wunderlicher Mann,« stellte sie sich dicht vor ihren Gast und sie legte ihm leicht die Hand auf die Brust, als wenn sie das stürmische Herz darunter besänftigen müsse. »Was streiten wir uns? Da du meine Absichten kennst, so nenne deinen Preis. Und bei meiner Ehre, ich will weder knausern noch feilschen. Denn, Claus Störtebecker, obschon du mir unsanft genug in meinen Fürstenzierat fuhrst – ich finde dennoch Wohlgefallen an dir und deiner brausenden Art. Und ich bin keine Undankbare!«
Sanft schmiegte die Frau auch noch die andere Hand auf die Goldlöwen des blauen Wappenrockes, und es gefiel ihr, wie der mächtige Atemzug des Seefahrers ihre Finger gleiten und schwellen ließ. Eine kurze Weile betrachteten beide einander, keiner dieser Stolzen betroffen oder bedrückt über die große Nähe ihrer Leiber. Aber während das Weib allmählich mit lebhaften Nüstern den kecken Sturm des Fremden einzuatmen begann, da streifte ihr Gegner jede Lust nach Abenteuer und Rausch fast vollständig von sich. Gerade das überlegene Wesen der Fürstin, ihre herablassenden Augen und dabei doch das verstohlene Spiel ihrer Hände belehrten ihn, daß er gekommen sei, um ihre hochmütige, ungerechte Welt aus den Angeln zu stoßen. Und kaum gedacht, gab es schon kein Zaudern mehr für den Entschlossenen. Noch einen halben Schritt machte er auf sie zu, und so nahe hingen sie nun zusammen, als ob sie sich umfangen oder einander das Verborgenste zuflüstern wollten. Erwartend, verschmitzt hob Margareta das Haupt.
»Königin,« stieß plötzlich der Störtebecker stürmisch heraus, und auf seinen dunklen Wangen brannte die Erregung des Augenblicks. Eine ungeheure Erwartung hatte ihn gepackt, ein wildes Sehnen nach Angriff. »Du fragst nach meinem Preis?! Erwarte nichts Geringes, dich selbst verlange ich mit Leib und Leben!«
Margareta wich nicht, denn sie war ja auf etwas Ähnliches gefaßt. Genießend schloß sie die Augen, und es war fast, als ob sie leise genickt hätte. Das Wüste und Tolle dieser Werbung bestärkte sie nur in dem sie umspinnenden Mißverständnis.
»Verdinge dich mir,« verhieß sie mit ihrer glatten, überredenden Anmut, und zugleich griff sie zum Zeichen des Bündnisses nach der behandschuhten Rechten des Mannes, »verdinge dich mir mit deinen Schiffen, deinen Lederschlangen und all deinen Gesellen, und welcher deiner Wünsche sollte dir unerfüllt bleiben?« Und da sie zu spüren glaubte, wie die Finger ihres Gefährten schwer und nicht so willfährig, wie sie erwartet, in den ihren ruhten, lockte sie heißblütiger weiter: »Gib dich mir, Nikolaus Störtebecker, und sieh, ich will die Rechtlosigkeit, die dich quält, von dir und den Deinen nehmen, keines Richters Hand soll deine Taten nachblättern dürfen, und dich selbst will ich stellen als Dänemarks Seeobersten auf die erste Stufe meines Thrones. Graf von Gotland sollst du heißen, und es soll mir keiner näher sein als du – keiner!«
»Das genügt mir nicht,« sagte der Seemann dumpf, und mit einer harten Bewegung setzte er hinzu, »noch ahnst du nicht, Königin, daß ich nichts für mich selbst fordere.«
»Nichts für dich?« wiederholte Margareta enttäuscht, und ohne Begreifen stach ihr scharfer Blick von nun an in dem drohend schwärmerischen Antlitz ihres Gastes umher. In schroffem Übergang fing der wilde Mensch wieder an, ihr unheimlich zu werden.