Eine halbe Stunde später war Leo Konstantinowitsch Sassin bereits in das verlassene Zimmer Isas geschafft. Und nachdem der umfangreiche Stabsarzt unter Aufbietung des äußersten Mutes zu seinem eigenen Erstaunen die Kugel leicht und ohne große Hindernisse, nur unterbrochen durch ein häufiges Aufbrüllen des Verwundeten, aus dem verletzten Körper entfernt hatte, da lag nun der Rittmeister in dem schneeweiß angestrichenen Bett des jungen Mädchens und erzählte seinem Helfer zu dessen drückendster Verlegenheit wirre und krause Geschichten.

»Verwünschte Bande, am Hofe, lieber Doktor – wir Bauern nichts als Leibeigene für die Herren. – Sagen Sie, Teurer, haben Sie vielleicht üppige schwarze Nemza gesehen, wie sie unter Wald von Lilien lag? – Zum Teufel, halte nicht aus, Durchlaucht.«

Zu derselben Zeit klopfte Johanna mit harter Hand gegen die Tür des kleinen Eßzimmers, das Fürst Fergussow sich für seinen persönlichen Gebrauch vorbehalten hatte.

»Entrez,« rief eine helle, klangreiche Stimme.

Und als der im Zimmer erregt auf und nieder Wandelnde seine blonde Gastgeberin in dem einfachen blau und weiß gepunkteten Kattunkleid gewahrte, da knöpfte er gewandt die halb offene Uniform zusammen, und blickte hilfsbedürftig nach dem Tisch, wohin er seine Mütze, Säbel, einen Revolver und mehrere Karten achtlos übereinander geworfen hatte.

»Sie müssen vergeben,« begann er rasch und schüttelte sich leicht; »man ist doch ein wenig außer Fassung, wenn man, wie ich, zum erstenmal mit dem Sensenmann Karten spielte. Das peitscht auf die Nerven zuerst mächtig ein,« atmete er, trat an den Tisch und ließ die Säbelscheide verloren durch seine Hand gleiten. Aber gleich darauf hielt er inne, bezwang die eigene Unrast, und während er energisch sein verwirrtes braunes Gelock zurückwarf, blieben seine dunklen Augen an der aufrechten Gestalt der Deutschen haften, und er fragte sich, warum sie wohl so bestimmt und fordernd vor ihm aufrage. »Darf ich fragen, ob ich Ihnen mit irgend etwas dienen kann, Gnädigste?« begann er in seinem verbindlichen Ton, obwohl die Floskel im Moment etwas müde klang.

»Ja, Fürst Fergussow,« entgegnete Johanna, »Sie müssen mir jetzt einige Fragen beantworten.«

»Muß ich? Mit Vergnügen! Bitte sprechen Sie offen.«

»Nun gut, dann entdecken Sie mir, ob Sie wirklich an Ihre Wachtposten den Befehl erteilten, mich nicht mehr aus meinem Hause zu lassen.«

Der Fürst verzog die Augenbrauen und sah in die Luft. Er schien sich auf seine eigene Anordnung nicht mehr ganz sicher zu besinnen. Dann glitt ein gewinnendes Lächeln um seinen fein geschnittenen Mund.