Sieh – sieh, es ist wirklich, als ob durch brennende Fiebergesichte alle möglichen bekannten Gestalten taumeln. Jetzt wird die Tür über den drei grünen Porphyrstufen aufgerissen, draußen in der gewölbten Einfahrt drängt sich Kopf an Kopf. Lauter breitrandige Mützen schieben sich durcheinander, Säbelgehänge, die über den Schultern befestigt sind, gleiten über grün-graue Uniformen herab, rauhe, unbearbeitete Reiterstiefel scharren auf den Fliesen.

Doch wie kann es geschehen, daß sich aus dem dunklen Schwarm eine so überaus vertraute Figur ablöst? Ja, er ist es, er ist es wirklich!

Breitspurigen Trittes, mit etwas nachgebenden Knien, drängt sich Rudolf Barks ›bester Freund‹ Leo Konstantinowitsch Sassin in das Gemach. Ein kotbespritzter grauer Radmantel hängt schief eingehakt um seine breiten Schultern, die Mütze sitzt ihm schräg auf dem linken Ohr, und auf dem brutalen Antlitz glüht eine sonderbare Hitze. Zwischen zwei Brustknöpfen seines Waffenrockes lugt der schwarze Kolben eines Revolvers hervor. Als der Russe des Paares ansichtig wird, das fast regungslos unter dem zersplitterten Fenster weilt, da reißt der Offizier seine hervorquellenden Kinderaugen auf, und um seine blondumbarteten Lippen fliegt ein sonderbar befriedigter Schein. Was hier Ausdruck gewinnt, ist nicht die Freude des Wiedersehens. Es bedeutet vielmehr eine dumm-dreiste Überlegenheit, wie sie Ungebildeten eignet, wenn sie plötzlich über Höherstehende Macht erlangen.

»Ah, guten Abend, Rudolf Bark, mein Kompliment für das junge Fräulein von Maritzken,« poltert der Dragoner in einem rohen Lachen hervor. »Nicht fürchten – keine Ursache – gut Freund. So lange hier keine Dummheiten macht, werden Euch vorzüglich behandeln. Was stieren mich so an, Rudolf Bark? Mein bester Freund?! Wundern sich, wie zu Ihnen hereingekommen? Hehe, zweiunddreißigsten Dragoner verstehen durchs Schlüsselloch zu reiten. Haben unsre kleinen Geheimnisse.«

Damit tritt der Redende nicht ganz sicher an den Tisch, hebt die braune Kanne in die Höhe und läßt sie aus Ungeschicklichkeit oder mit Absicht auf den Teppich niederstürzen. In einer breiten Lache ergießt sich die braune Flüssigkeit aus den zersprungenen Scherben über das dunkle orientalische Gewebe.

»Wie, was – Kaffee? Seit wann, Rudolf Bark, sind Sie ein altes Weib? Es muß hier doch Wein im Hause sein. Bei der Mutter von Kasan! Tausende von Flaschen, ganze Fässer. Ich kenne Ihre Gastfreundschaft, bester Freund. Natürlich, wer sollte sie besser kennen?! Weiß, brennen darauf, arme, müde Soldaten des Zaren – wie sagt man – à régaler

Und sich zur Tür und zu den Haufen seiner Reiter wendend, schreit er in russischer Sprache, die der Prinzipal des »Goldenen Becher« sehr wohl versteht, hinaus:

»Lauft, ihr durstigen Kinderchen, sucht, meine braven Söhne! Habt ihr verstanden, ihr pfiffigen Spitzbuben? Hier unten in den Kellern gibt es Wein. Alkohol ist euch verboten, aber Wein hat der große Zar erlaubt. Und mein Freund Rudolf Bark ist kein Knauser. Er ist glücklich, uns bewirten zu dürfen. Macht, daß ihr fortkommt! Aber nicht betrinken. Hört ihr? Der Rausch ist für einen russischen Soldaten unanständig.«

Nach dieser mit wildem Triumph gehaltenen Rede läßt Leo Konstantinowitsch die Flügeltüren zurückfallen und schwankt ziemlich unsicher an den Tisch, wo er krachend in den nächsten Stuhl fällt. Seine glitzernden Augen aber, die bebenden Nasenflügel und der kurze Atem bekunden deutlich, wie er selbst das Alkoholverbot seines Gossudars durchaus nicht für verbindlich erachtet hat. Eine müde Handbewegung ladet die beiden anderen zum Platznehmen ein.

»Setzen Sie sich, Rudolf Bark,« sprudelt er herablassend, »und hier neben mich das schöne Fräulein. Ohne Angst. Leo Konstantinowitsch ist Ihnen freundlich gesinnt. Sie glauben gar nicht, wie gut Sie es bei uns haben werden. Und nun schaffen Sie ein paar Flaschen Champagner an, Rudolf Bark, ich schlafe heute bei Ihnen.«