Und dann rast alles, wie von irrsinnigen Geistern gehetzt vorüber. Von unten aus den Kellergewölben dringen dumpfe Schläge herauf, ein wildes Geheul der Freude kreischt dazwischen und ehe noch der Kaufmann Zeit finden kann, seinem Bedränger auseinanderzusetzen, wie mitten in der Nacht natürlich keine Dienerschaft vorhanden sei und daß die Schlüssel der Vorratskammern jetzt ebensowenig aufzutreiben wären, da drängen sich bereits ohne weitere Förmlichkeiten ein paar russische Dragoner an den Tisch. Unter den Armen allerhand Weinflaschen und in den Händen eiligst zusammengerafftes groteskes Trinkgeschirr. Bierseidel, Weingläser, Kaffeetassen und Milchtöpfe, alles toll und wüst durcheinander.

»Gut, gut,« schreit Sassin, und dabei schleudert er Mantel und Mütze mitten in die Stube, »sehen Sie, Rudolf Bark, wie treulos Sie sich benehmen? Sie verwickeln sich in Widersprüche, bester Freund. Wozu Dienerschaft? Wozu Schlüssel? Ich habe alles bei mir. Das weite Russland braucht nichts Fremdes, es besorgt sich alles selbst. Vorwärts, meine guten Jungen. Jeder drei Flaschen! Rudolf Bark gibt es euch gern. Seht, wie er sich freut. Fehlt euch noch etwas, meine guten Söhne?«

»Nein, es lebe Väterchen Rittmeister!«

»Ich danke euch, ich weiß, daß ihr mich liebt. Und nun packt euch hinaus, seht ihr nicht, daß ich hier mit vornehmen Nemzows sitze?«

Wieder befinden sich die drei allein, immer wiehernder schallt das Gelächter des Trunkenen durch den großen Raum, immer ungebändigter werden seine Scherze. Empört erhebt sich der Konsul. Er ist kaum noch imstande, seinen Zorn und seine Verachtung gegen den halb der Besinnung Beraubten zu unterdrücken. Nur ein Blick auf das Mädchen, das mit weit aufgerissenen Augen die widerwärtige Trinkorgie verfolgt, flößt dem Kaufmann noch Beherrschung und Zurückhaltung ein.

»Herr Rittmeister,« ruft er, indem er mit zusammengekrümmtem Zeigefinger nervös auf die Tischplatte pocht, »wünschen Sie dies Gelage noch lange fortzusetzen? Ich finde, Ihr Zustand erfordert es, daß Sie sich eiligst zur Ruhe begeben.«

»Ich?« Der Russe spreizt die Beine von sich und lehnt sich weit zurück. Die stieren blauen Augen quillen ihm dabei immer mehr aus dem Kopf. »Zustand? Wieso, Rudolf Bark? Pah, ich kenne keinen Zustand. Wenn Sie wüßten, wie frisch ich mich fühle! Acht Stunden im Sattel gesessen. Keine Ader schlägt mir danach.« Hier brüllt er laut auf und stößt mit der Faust vor die Brust. »Solch einen Ritt wünsche ich Ihnen, Rudolf Bark. Herrlich, herrlich! Grenzwache haben wir überritten, ehe sie sich besann. Unter meinem Pferd lag etwas Zappelndes. Können Sie sich diese weichliche Nachgiebigkeit vorstellen, wenn man zum erstenmal über einen Menschen reitet? Man hört das Aufschmettern des Hufes, man fühlt das Einsinken – es ist aufregend!«

»Hören Sie auf,« ruft der Konsul sich vergessend, »Sie wissen nicht mehr, was Sie reden.«

»Wie? Was?« Der Russe versucht sich aufzurichten, allein er vermag es nicht mehr. Die Geister des verschwenderisch genossenen Weines reißen ihn auf seinen Sitz zurück. »Wie sprechen mit mir, teurer Freund? Sollten vielleicht vergessen, daß wir hier als Herren einzogen? Hat ein Ende mit der Unverschämtheit der Germanen. Wer sind Sie, wenn ich meine Hand jetzt von Ihnen abziehe? Kein Hahn kräht nach Ihnen. Aber lassen wir diese Dummheiten.«

Schwerfällig wendet er sich zu Isa, bemüht, eine Verneigung auszuführen, allein der Versuch wirft ihn nach vorn, so daß sein flammendes Haupt haltlos gegen die Schulter des Mädchens sinkt.