Hei, welche Wärme, welch eine zuckende Haut, welch eine atmende Rundung! Das betäubte Hirn des ungebildeten Bauern verliert darüber die letzte Spur angelernter Lebensart.

»Kommen Sie, ma chère,« flüstert er, wobei er der Zurückschaudernden immer näher rückt und beide Arme um sie schlingt, »wir trinken noch ein Gläschen. Wissen Sie auch, daß Sie scharmant sind? Der Teufel hole Ihre Schwestern. Sie sollen leben, ich habe immer für schlanke Glieder geschwärmt. Nicht wahr, Rudolf Bark, Sie können es bezeugen?«

Roh, zudringlich, in einer gemeinen Vertraulichkeit schließen sich die Fäuste des von Gier und Rausch Bezwungenen hinter dem Hals des Mädchens zusammen. Von Starrheit geschlagen, rührt sich Isa kaum. Keine Bewegung wagt sie auszuführen aus Scham oder aus Angst, und nur einen einzigen hilflosen, beschwörenden Blick sendet sie zu dem vor Wut verzerrten Antlitz des Hausherrn empor. Sie sieht noch, wie sich die Zähne des Konsuls in seine Unterlippe graben, schauernd fühlt sie, daß das kleine Tischchen, einem Fußtritt des durch ihn genierten Russen nachgebend, polternd und klirrend zu Boden stürzt, und gleich darauf zischt etwas vor ihren Ohren. Ein blendender Strahl zwingt sie, ihre Lider zu schließen, so daß sie kaum noch merkt, von wessen Hand sie jetzt emporgerissen wird.

Entsetzen!

Für eine Sekunde fassen die drei Ernüchterten dasselbe Bild in schonungsloser, peinigender Klarheit auf. Elegant, geschmeidig, tadellos angezogen wie immer, lehnt Rudolf Bark hinter dem hohen Kirchenstuhl. In dem hübschen glatten Gesicht verrät keine Blässe, kein nervöses Zucken auch nur eine Spur von Abscheu vor seiner eigenen Tat. Nein, neugierig fast beobachtet der Kaufmann, dessen Finger noch immer die Waffe umspannen, die er seinem Gastfreunde aus dem Waffenrock gerissen, wie Leo Konstantinowitsch Sassin mitten in der Stube über seinem eigenen Mantel auf dem Rücken liegt, um mit der Rechten unter Lachen und einem schmerzlichen Brüllen an den Uniformknöpfen oberhalb der Brust herumzureißen. Draußen unter der Einfahrt drängt es sich schon wieder Kopf an Kopf, obwohl keiner, von der Furchtbarkeit des Geschauten gelähmt, es wagt, die tolle Stätte dieses blutigen Gerichts zu betreten. Stumm recken sie die Hälse vor, um auf das zu horchen, was sich niemand erklären kann.

»Oh du verfluchter deutscher Hund, du Vieh, du hinterlistiges Schwein, so behandelst du deinen Freund? Pfui, man möchte weinen! Warte nur, du widerlicher Affe, wie sauber dir unser Profoß die Schlinge um den Hals legen wird. Was steht ihr hier und haltet Maulaffen feil? Hat man nicht euer Väterchen ermordet? Schnell, nehmt ihn fest, die Rothaarige auch. Und mir gebt zu trinken. Einen Topf Champagner. Mir ist ein wenig schlecht. Oh, Rudolf Bark, mein bester Freund, ich wollte, ich könnte dich selbst zappeln lassen. Ich gäbe den ganzen Feldzug darum. Pfui, du treulose, deutsche Spinne, ich trete dir den Kopf ein.«


In der Gefängnistür rasselte ein Schlüssel. Und das Geräusch unterbrach den auf dem Schemel hockenden Kaufmann in seinen rückwärts gerichteten Gedanken. Er fuhr auf und sah nach der Uhr: es war hoch am Spätnachmittag. Aus der Schar der vor Müdigkeit Eingeschlafenen erhob sich der kahle Schädel des Tischlermeisters Majunke, und seine befleckten Hemdsärmel sägten aufgeregt durch die Luft.

»Um Gottes willen, sie kommen,« zischte er durch die Zahnlücke, »schnarcht nicht, Kinderchen, sie könnten es uns übelnehmen. Herr Kowalt, verstecken Sie Ihre Peitsche, man kann nicht wissen, was sie dazu denken.«

Langsam drehte sich das schwere Holz, und auf dem rot gepflasterten Ziegelflur stand neben dem ehrfurchtsvoll geduckten Kosaken eine schmächtige Jünglingsgestalt in grauer Uniform, dessen blasses kränkliches Antlitz der Konsul sich besann, schon einmal gesehen zu haben. Richtig, das war einer der beiden Fahnenjunker, der im Hause Sassins erzählt hatte, welch ein freimütiges Testament er für seinen Vater, den Polizeioberst in Kiew aufgesetzt hätte. Der glatt rasierte Knabe hielt einen Bogen Papier in der Hand und sah kurzsichtig und mit blinzelnden Augen in den dumpfen Raum, aus dem eine Wolke schwüler Hitze herausschlug. Dann trat er auf die Schwelle, zog sich den grauen Waffenrock zurecht, und indem er ein wenig mit der Degenscheide klirrte, gab er sich den Anschein einer amtlichen Würde.