Jetzt richtete sich der Kaufmann schnell auf, zog ein wenig an seinem braunen Jakett und bewegte dann abschätzend die flache Hand hin und her.

»Es war natürlich Fritz Harder,« äußerte er bestimmt.

Das stolze Weib in dem Sessel nickte. Dann aber schlug sie verstört die Augen nieder, und ihre ganze Gestalt beugte sich zusammen, als ob sie von einer körperlichen Last zu Boden gedrückt würde.

»Lächeln Sie nicht, Herr Konsul,« sagte sie matt, »ich bin über das Alter hinaus, als daß ich gegen eine ehrbare Annäherung etwas einzuwenden hätte.« Und als der Konsul eine Bewegung machte, wie wenn er sie nicht verstände, stieß sie plötzlich anmutig hervor, und ihre Stimme tönte laut und grollend: »Das war es aber nicht. Gegen diese stürmischen Liebkosungen in der dunklen Stille eines Haselnußhaines muß ich Einsprache erheben. Das kann und will ich nicht dulden. Denn nach dem, was schon einmal bei uns geschehen, muß ich mehr wie jede andere darauf achten, daß unserem Hause der landläufige Respekt entgegengebracht wird.«

Die zusammengekauerte Gestalt ließ ihre Arme zwischen die Knie herabsinken und riß sich alles Weitere matt und dumpf von der Seele los, wie wenn sie mit sich selbst zürne, daß sie so Verschwiegenes offenbare.

»Glauben Sie mir, lieber Freund, meine Rolle fällt mir nicht immer leicht. Ich weiß, die Mädels hassen mich, weil ich ihnen so vieles versagen, und häufig wie ein Polizist vor ihnen auftauchen muß. Aber Sie, Konsul Bark, Sie kennen meine Beweggründe. Ich habe es nun einmal übernommen, aus dem großen Zusammenbruch zu retten, was irgend möglich war, und bin darüber alt geworden.«

»Na, na, Hans,« schob hier der Konsul lächelnd ein.

Er dachte daran, daß diese Achtundzwanzigjährige in ihrer kalten, abweisenden Schönheit ein Weib sei, das alle Ansprüche aufgegeben habe zu reizen, zu gefallen und zu bestricken, ein Geschöpf, das in klarer Erkenntnis seiner harten Fron allmählich sich selbst vergessen hatte. Und doch – der schlanke Mann in dem eleganten Promenadenanzug warf unbemerkt einen spähenden Blick auf seine Besucherin – ob wirklich alle Wünsche in diesem stolzen Leib erstorben und verlöscht waren? Und in der vorüberhastenden Minute, während seine Augen, die Frauenschönheit so sehr aufzuspüren verstanden, über den gebeugten Mädchennacken glitten, da gestand sich der reife Mann, daß gerade die starke Neugierde, jenes tief verschlossene Geheimnis zu lösen, ihn so dauernd an das frostige, marmorharte Geschöpf da vor ihm fesselte. Und mit einem gewissen Unwillen empfand er auch, wie schwer und unbequem es sei, sich selbst immer in so respektvoller Entfernung zu halten. Ja, es war sehr schwer, denn er erkannte ganz klar, eine einzige unvorsichtige Andeutung, das Verlassen der unverfänglichen und korrekten Beziehungen mußte die Ahnungslose dort sofort empört und enttäuscht von dannen treiben. Und vor diesen Enthüllungen scheute sich der Frauenkenner. Nein, nein, die großen scharfen Augen der Heroine von Maritzken wollte er nicht im Zorn auf sich gerichtet fühlen. Ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, hegte er eine heimliche und ihn doch quälende Abneigung davor, das Unverdorbene, das Heilig-Jungfräuliche dieses abgeschlossenen Lebens zu stören. So nahm er auch jetzt nur in verborgener Bewunderung die köstliche Weiße ihres Nackens wahr, laut aber sprach er sehr ruhig und überlegt zu der in sich Versunkenen herunter:

»Also, lieber Hans, mir scheint, Sie sehen da wieder etwas zu dunkel. Wenn Sie auf mein Urteil irgendein Gewicht legen, so meine ich, was sich da in der lauschigen Dämmerung des Haselnußhaines abspielte, das waren eben die landläufigen Vorboten einer regelrechten Verlobung. Oder glauben Sie berechtigt zu sein, es anders aufzufassen?«

Auf diese Frage richtete sich Johanna unvermittelt auf und strich sich die spröde Seide über ihrer Brust zurecht. Zum erstenmal lief über ihre immer so schneeigen Wangen ein leichtes Rot.