Johanna stand schon auf der Schwelle.

»Dazu habe ich leider keine Ursache,« entgegnete sie unbeirrt. »Guten Morgen, Durchlaucht.«

»Bon jour, bon jour,« rief der Fürst wie befreit hinter ihr her.

Und sich in den Schreibtischsessel werfend, riß er eine Karte hervor und studierte alle Straßen, die von diesem Gut fortführten. Der Aufenthalt auf Maritzken gehörte nicht immer zu den Annehmlichkeiten des Daseins. Kurze Zeit darauf rief er nach seinem Pferd, und Johanna, die eben die Gartentür öffnete, sah, wie er auf dem weißen Tier die sonnenüberglänzte Chaussee dahinsprengte. Der Säbel mit dem goldenen Griff, der ihm von der Schulter hing, prallte an die Weichen des Rosses, und der leicht vorgebeugte Reiter klopfte dem strahlenden Schimmel kosend den Hals.

Er hatte immer etwas Schmeichlerisches.


Die Hitze lag jetzt wie ein heißer, silberglänzender Schild auf den trockenen Steinen des Hofes. Man mußte die Augen schließen, um den herumschwirrenden spitzen Lichtpfeilen zu entgehen.

Bedrückt atmend schritt das Gutsfräulein tiefer in den Schatten des Gartens. Sie konnte sich ja jetzt öfter eine Erholung gönnen, seitdem diese Asiaten ihr geregeltes Tagewerk auseinandergeschlagen hatten. Mit einer geheimnisvollen Kraft zog es sie bis zu dem dicht umbuschten Grenzgraben, von wo sie dem Klirren der Sensen lauschen wollte. Es war doch ein gewohntes Geräusch, wenn es auch nicht mehr auf ihr Geheiß und zu ihrem Nutzen laut wurde. Dicht an der ausgetrockneten Wasserscheide, zwischen den braunen schlangenhaften Stämmen eines wild verschlungenen Haselnußgestrüpps, stand eine Bank. Vom herabdringenden Regen war sie halb vermorscht, grüne Moosfleckchen hatten sich an der Rücklehne fest angesiedelt, und Johanna erinnerte sich kaum, daß sie jemals jene Sitzgelegenheit benutzt. Jetzt aber trat sie unter das schattenspendende Blätterdach und ließ sich auf dem breiten Brett nieder. Eine Weile schloß sie die Augen. Sie war müde von all dem Widersprechenden, an das sie zu denken hatte. Jedoch kaum senkte sie ihre Lider herab, so tauchten auch schon wie hinter einem grünschwarzen Vorhang jene Gestalten auf, hinter denen ihre Einbildungskraft beständig herjagte. Sie sah ihre Schwester Isa und Konsul Bark in der russischen Grenzstadt, in deren verräucherten Mauern sie selbst noch vor kurzem geweilt, und ihr Herz schlug laut, wenn sie sich vorstellte, welch ein Schicksal den beiden dort bereitet werden könnte. Oh, diese Ungewißheit! Ob man jemals wieder von den Fortgeschleppten etwas hören würde? Vielleicht gelang es doch dem Fürsten, bei dem Nachdruck, den ihm sein Name verlieh, eine Erkundigung einzuziehen. Und er, der sich stets so glatt und willfährig zeigte, der feine Weltmann, der für die Wünsche einer Dame fast niemals eine Weigerung hatte, obwohl er sich gewiß nicht das geringste dabei dachte, er würde sicherlich auch ihrem Verlangen mit seiner geschmeidigen Bereitwilligkeit dienen. Es lag eigentlich etwas Verletzendes in seiner überhöflichen Art. Etwas bewußt Überhebungsvolles, als lohne es sich gar nicht, auf die Eigenart fremder Naturen näher einzugehen. Dem großen Herrn bedeutete es genug, wenn er mit seinem strahlenden Lächeln und namentlich ohne langen Disput den ihm nahenden Bittstellern eine Gefälligkeit erweisen konnte, die ihn im Grunde genommen nichts kostete.

Die Blonde fuhr empor, ihre Augen öffneten sich weit. Sie sagte sich nicht, daß sie selbst jede Unterscheidung für andere Art und fremdes Volkstum verloren, sie empfand nur einen brennenden Haß, der immer stärker über ihr zusammenschlug. Wie geringschätzig der schöne Mann gelächelt hatte, als er den unpassenden Vergleich zwischen ihr und der bluttriefenden Jüdin gezogen, die mitten in der schmerzhaftesten Wollust ihrem Bezwinger, nach dem sie sich doch sehnte, das Haupt nahm. Zu ihrer eigenen Strafe, um sich selbst und ihre Raserei und ihr ganzes früheres Leben damit zu töten, dachte die Einsame.

Der Sitzenden sanken die Arme herunter, mit einem harten Entschluß reckte sie sich auf, und um ihren Mund lagerte sich ein verächtliches Lächeln. Also bis zu solchem Widersinn, bis zu solch häßlichen Torheiten konnte man durch das Gefühl der Bedrückung und des Unterworfenseins getrieben werden. Es war einfach schmählich, auf den gleichgültigen und fremden Mann so viel schwächliches Nachdenken zu verschwenden. Was hatte sie überhaupt hier zu suchen? Ach ja, nach den sensenden Soldaten hatte sie ausspähen wollen. Langsam bewegte sie sich auf das Erlengestrüpp der Wasserscheide zu und zog ein paar Zweige auseinander.