Da fuhr sie heftig zurück.
Auf dem jenseitigen Ufer, schon auf den abgemähten Stoppeln, lagen fünf bis sechs Männer auf dem Rücken, kehrten ihre rotflammenden Gesichter der Sonne zu und schliefen. An ihren zerfetzten, schmutzigen Hemden, die die verbrannte Brust offen ließen, und den zerlumpten und zerschlissenen Beinkleidern erkannte der geübte Blick des Landfräuleins sofort eine zusammengetriebene Horde von Landstreichern oder Knechten, die von den Russen irgendwie zu ihrer Arbeit ohne großes Entgelt gezwungen wurden. Aber das, was die Aufmerksamkeit der Gutsbesitzerin so besonders fesselte, daß sie sich immer weiter vorbeugte, damit ihr nichts mehr entgehen konnte, das gipfelte in einem Umstand, der auch in harmlosen Friedenszeiten ihr Befremden erregt hätte. Einer dieser Landstreicher nämlich hatte gerade in dem Moment, wo Johanna ihre Hand zwischen die Blätterwand streckte, seinen blank geschorenen Schädel, in dessen Schweiß sich die Sonne spiegelte, über die Schar seiner schnarchenden Genossen erhoben, und es dünkte die Beobachterin auffällig, mit welch spähendem Interesse der Mensch den Schlummer der anderen zu prüfen schien. Was bedeutete das?
Manchmal pfiff der Bursche ziemlich laut vor sich hin, um gleich darauf sein Haupt wieder in die Stoppeln einzuwühlen, als wollte er abwarten, ob seine Gefährten das Geräusch vernommen hätten. Allein nichts regte sich um ihn, und nach einiger Zeit sah Johanna, wie der Zerlumpte, schlangenhaft auf dem Boden kriechend, seinen Körper gegen die Wasserscheide zuwälzte. Einen Augenblick lang wollte sie Furcht beschleichen, aber durch ein ganzes Leben daran gewöhnt, hier auf ihrem Grund wie ein Mann zu walten, zwang sie sich ihre alte Fassung ab, um mit immer lauter werdendem Herzklopfen das weitere Gebaren des Fremden zu verfolgen. Jetzt war der Landstreicher an dem Graben angelangt. Hier blieb er eine Weile starr und regungslos liegen, und nur Johanna merkte, wie seine Beine ganz allmählich eine Schleife ausführten, bis die Gestalt des Burschen sich wagerecht dem Grabenlauf anschmiegte. Die hohen Halme des Unkrauts, das hier wuchs, bedeckten ihn fast.
Plötzlich rollte der Körper in den Schlamm des Grabens herab.
Johanna schrie leise auf und wartete. Jedoch sei es, daß der Fremde durch ihren Ruf erschreckt war, oder ob er sich dem weichen Morast nicht leicht entwinden konnte, jedenfalls dauerte es bange Minuten, bevor die Blonde den kahlen Schädel, der jetzt vollkommen mit grünen Linsen übersät war, in scheuer Zurückhaltung in dem Gebüsch zu ihren Füßen auftauchen sah. Der Landstreicher jedoch schien sie sofort zu erkennen, anders wenigstens vermochte sich die Sprachlose die warnende Bewegung nicht zu erklären, mit der der schwarze, triefende Bursche seinen Finger an den Mund hob.
»Fräulein Grothe,« keuchte eine Stimme, die Johanna sich bestimmt erinnerte, schon gehört zu haben.
»Um Gott, wer sind Sie?«
Inzwischen hatte der Unbekannte seinen Leib völlig durch das Gebüsch geschoben, so daß er nun auf den Knien vor dem Mädchen lag. Jetzt sprang er trotz der überstandenen Anstrengung elastisch auf die Füße. Sein Antlitz war durch den Schmutz des Feldes und den Morast des Grabens gleichsam mit einer schwarzen Larve bedeckt, und doch schoß Johanna bei dem Anblick dieser schlanken Glieder eine blitzartige Erinnerung auf.
»Fritz Harder, sind Sie es?« stammelte sie unentschieden.
Der Fremde reichte ihr die Hand, zog sie aber im nächsten Moment mit einem matten Lächeln wieder zurück, als er die Verunreinigung seiner Finger bemerkte. Dann ließ er sich auf die Bank nieder, und indem er sich angelegentlich das rechte Knie rieb, das wohl durch das Kriechen einige Risse und Schürfungen empfangen hatte, fragte er plötzlich, indem er sich leicht nach der Richtung des Herrenhauses umwandte: