Johanna traute ihren Ohren nicht.

»Um Himmels willen,« brachte sie mühsam hervor, und eine jäh aufspringende Angst veranlaßte sie durch die Lücken des Geästes nach allen Seiten hinauszuspähen, »Sie glauben doch nicht, daß Sie durch die vielen Tausende hier ungefährdet bis in die Stadt gelangen werden?«

»Das hoffe ich allerdings bestimmt,« gab der Sitzende unerschüttert zurück; »und auf Grund eines von dem hiesigen Etappenkommandanten ausgestellten Arbeitscheines werde ich sogar mit den größten Ehren empfangen werden.« Er fuhr in seine Brusttasche und zog einen Fetzen bestempeltes Papier hervor. »Sehen Sie, Fürst Dimitri Sergewitsch Fergussow – hier steht es – bestätigt dem Arbeiter Paul Bramschek usw. Wenn es nichts Wichtigeres zu verrichten gäbe, könnte ich sogar hier bleiben und heute nacht unter Ihrer Obhut diesen russischen Prinzen – –« er spreizte beide Hände und machte die Gebärde des Erwürgens.

Johanna wurde dunkelrot.

»Großer Gott,« flüsterte sie, ohne ihre Besinnung wieder erlangt zu haben, »Sie müssen hier fort. Denken Sie nur, welch ein Unglück Sie auf uns alle herabbeschwören könnten.«

Kaum hatte das Mädchen eine Spur von Besorgnis geäußert, als der junge Mann sofort seinen Platz auf der Bank aufgab und sich zum Gehen anschickte.

»Sie haben ganz recht, Johanna,« pflichtete er ernsthaft bei, »in der Freude Sie zu sehen und zu hören, hatte ich ganz vergessen, daß es üble Folgen haben kann, mit mir in einer Unterhaltung getroffen zu werden. Leben Sie wohl, Fräulein Grothe, und Sie brauchen keinem zu sagen, daß ich hier war. Sie verstehen mich, keinem, ohne Ausnahme.«

Da stieg es heiß in dem großen Mädchen auf. Beide Hände legte sie dem von Unrat Übergossenen fest auf die Schultern. Und während ihre ehrlichen Augen die seinen suchten, preßte sie sich ab:

»Nein, bleiben Sie noch, Fritz; eines müssen und dürfen Sie mir anvertrauen: wie steht es bei uns dort draußen? Müssen wir jede Hoffnung aufgeben, in die gewohnten und lieben Zustände zurückzukehren? Wann wird das Unheil, das sich hier breit macht, fortgefegt? Denn es ist ein Unheil, Fritz, es ist ein großes Unheil.«

Der in Lumpen und Fetzen gehüllte junge Mensch wandte sich auf ihren verzweifelten Ruf plötzlich voll zu ihr, und ein sonderbares Leuchten und Strahlen überglänzte seine eingefallenen, verhärmten Züge.