Der Kahn wurde verankert, denn der russische Schiffer weigerte sich, mitten durch den leuchtenden Sonnenschein und zumal wo die Grenze so nahe rückte, noch weiter zu fahren. Auch machte der Herr des Kahnes sehr deutliche Anspielungen, es wäre an der Zeit, daß seine Gäste nunmehr das Gefährt verließen. Noch verhandelte Rudolf Bark mit dem Eigentümer, da brach der Kaufmann mitten in der Rede das Gespräch ab, um ohne ein Wort der Erklärung in das Boot hinabzuspringen, das neben dem Steuer einhertrieb. Verstummt, in grenzenloser Überraschung starrte Isa dem Davonrudernden über die hohe Bordschwelle nach.
Doch nein, jetzt erkannte sie, was ihren Freund zu so rascher Tat veranlaßt hatte. Drüben an dem immer flacher werdenden Ufer des Stromes duckte sich zwischen den Binsen ein dürrer Mensch bis tief auf den Spiegel des Wassers herab. Der Fremde schien sich zu waschen. Aber als das Mädchen das Bild schärfer musterte, da wurde es ihr klar, daß sich der zusammengekauerte Geselle eine frische Stirnwunde spüle. Unaufhörlich rieselten die roten Tropfen in den Strom. Jetzt hatte ihn Rudolf Bark erreicht. Ein paar laute Ausrufe fuhren hin und her, das Boot knirschte in den Sand, und noch immer konnte die Zurückgebliebene nicht fassen, warum der Konsul jenen so wüst zerschlagenen Verwundeten schließlich mit rücksichtsloser Gewalt in den Kahn zerrte. Dann wieder einige Ruderschläge, und über die von dem schweigsamen Herrn Krupenski über die Schiffswand geworfene Strickleiter kroch scheu und zitternd eine groteske Gestalt auf das Deck. Nun schlotterte sie vor ihnen, ohne Rock noch Weste, nur von einem zerzausten Halstuch umflattert und wischte sich beschämt über das von tausend Runzeln zerrissene Gesicht. Ein unförmiger Mund bewegte sich, als hätte man einen Fisch soeben aufs Trockene gezogen.
»Herr Bienchen,« rief Isa verständnislos, denn sie hatte endlich den verkrümmten kleinen Juden, der ihr so manche Uhr gerichtet, in diesem blutenden und vor Erschöpfung röchelnden Menschenkind entdeckt.
»Jetzt sagen Sie, wie kommen Sie hierher?« rüttelte ihn auch der Konsul.
Allein Leiser Bienchen, der Gehilfe des alten Erfinders Adameit, der letzte Gefährte von Fritz Harder, schüttelte völlig betäubt sein nasses Haupt.
»Ich weiß nicht, Herr Konsul, ich weiß wirklich nicht,« gurgelte er tonlos, während er sich unaufhörlich in einem ölgetränkten Taschentuch die Hände wischte.
»Man hat Sie geschlagen?«
»Ja, ich glaube, – ich glaube, man wird mich geschlagen haben.«
»Wer?«