»Ja, wer?« stöhnte der Uhrmacher, sank auf einem Kohlenhaufen zusammen und starrte gleichgültig zurück auf die Landstraße, die er soeben verlassen.
Es war nichts weiteres aus dem in seine Erinnerungen Zurückkriechenden herauszubringen. Und erst, als man den wimmernden Gesellen, der dabei wie ein schweres Bündel zwischen den Armen seiner vornehmen Kundschaft hing, in die Kajüte heruntergeführt hatte, erst nachdem er dort auf einem Kasten hockte und unter seltsamen Schmatzlauten ein paar Tassen des glühend heißen Tees in sich hinabgeschüttet hatte, da fingen seine schwarzen Augen sich an zu beleben, und er starrte seine Bekannten mit dem jammervollen Blick eines geschlagenen Hundes an. Dann wickelte er das zusammengerollte Öltuch auf, schneuzte sich und unternahm es, sich umständlich die dick herabrollenden Tränen zu trocknen. Der Konsul jedoch, der ungeduldig vor ihm stand, ließ dem Bekümmerten keine Zeit mehr, sondern rüttelte ihn abermals ins Leben zurück.
»Lieber Bienchen, wo kommen Sie her?«
Der kleine Jude fuhr zusammen.
»Ich, Herr Konsul? Nun, Sie werden es doch leider nicht glauben, ich komm' direkt aus der Luft.«
»Scherzen Sie nicht,« verwies ihn der Kaufmann nachdrücklich.
Jetzt seufzte der Uhrmacher schwer in sich hinein. Und erst Isas teilnahmvolles Gesicht schien seine Neigung zu einer größeren Mitteilsamkeit zu vermehren.
»Sehe ich aus, wie wenn ich scherze?« klagte er dumpf vor sich hin und rieb sich wieder die wunde Stirn. »Ich sag' Ihnen, ich komm' aus der Luft oder auch unter einem Heuwagen hervor, ganz wie Sie wollen. Aber ich will Ihnen der Reihe nach erzählen,« erholte er sich endlich etwas mehr gefaßt. »Sie müssen nur entschuldigen, wenn ich nicht alles aus meinem zerhämmerten Kopf richtig und sauber hervorziehen kann.« Er lehnte sich zurück an die Schiffswand und holte tief Atem. »Sehen Sie, da hatten wir die Maschine von dem alten Adameit – vielleicht hat ihn Gott schon zu sich genommen – unter das Dach der Sebalduskirche eingeschmuggelt.«
»Welch eine Maschine? Besinnen Sie sich, Herr Bienchen,« forderte Rudolf Bark von neuem.
»Nun die Uhr. Es war ein grausiges Ding, ich hab' sie nie ansehen mögen. Aber mein Meister hat damit ein Lebelang verbracht. In der Kirche sah es die ganze Zeit über fürchterlich aus. Diese Hunde, diese Wilden zeigten nicht den geringsten Respekt. Weder vor dem herrlichen Bau noch vor dem wundervollen Glockenspiel, noch vor der gewaltigen Orgel. Ich sag' Ihnen, sie lachten auch über die vielen Bildwerke und hieben ihnen Nasen und Ohren ab. Wenn mich auch die Heiligen in den bunten Röcken nichts angehen, die schöne Frau mit dem Fuß auf der Schlange und der weiße Mann mit dem goldenen Schlüssel, Sie können mir glauben, es gab mir jedesmal einen Stich, so oft ich die heillose Schändung mit ansah. Denn es waren doch kunstvolle Hände, die so prächtige Sachen vor mehr als fünfhundert Jahren geschnitzt hatten. Aber das war noch nicht alles. Die Breitmützen hatten einen vollständigen Stall aus den steinernen Gängen gemacht. Die Kirchenbänke konnte man jeden Abend in die Wachtfeuer wandern sehen, und statt ihrer lagen nun hunderte von schmutzigen Kerls auf Strohbündeln in den Gängen und fraßen und schnarchten. In den letzten Tagen wurden es so viele, daß man sagen konnte, es war kein Winkel mehr von dem Ungeziefer frei. Nun kam die Nachricht, daß die Fremden da hinten an den Seen ihren Lohn erhalten hätten. Und wir hörten auch, sie wollten sich in unserer Stadt, in unserer schönen, sauberen Stadt zur letzten Wehr setzen. Da sagte der Herr Leutnant Harder, nun wäre es Zeit. Er hatte es so einzurichten gewußt, daß wir eine Anstellung in dem Dom gefunden hatten. Werden Sie es für möglich halten, wir fegten nämlich den Schmutz und den Mist alle Abend aus der Kirche heraus. Für ein paar Pfennige natürlich. Und gewöhnlich erhielten wir noch einige Lanzenstöße als Trinkgeld dazu. Nun, es war kein Herrenleben. Aber gestern abend, da sagte der Herr Leutnant, jetzt dürfe man keine Minute mehr verlieren. Es sollte nämlich der Horde ein Schreck eingejagt werden, damit sie sich in der Stadt nicht länger für sicher hielte. Herr Konsul und Fräulein Grothe, was soll ich Ihnen lange erzählen? Der junge hübsche Mensch, der so verändert in dem Arbeitsanzug aussah, er stieg auf den Orgelsitz hinauf, und ich mußte die elektrischen Blasebälge andrehen. Auf diese Weise, nämlich durch sein Spiel, da wollte er die Halunken von mir und meinem Geschäft ablenken. Ehe wir uns trennten, reichte er mir noch die Hand und sagte mit einem Gesicht ganz voller Sonnenschein – in meinem Leben werd' ich's nicht vergessen – »Herr Bienchen, Sie sind jetzt auch ein Soldat. Denken Sie daran, was Ihnen das Vaterland alles geschenkt hat und zahlen Sie es pünktlich zurück.« Dann stieg ich auf den kleinen Hinterturm hinauf, wo wir den Knopf angebracht hatten. Ich versichere Sie, alles wie im Traum, Herr Konsul. Mit einemmal fing die Orgel an zu spielen. So was Schönes, Herrliches und Erhabenes hab' ich noch nie vernommen. Es hörte sich an, als wenn der Herr unser Gott leibhaftig in die Kirche getreten wär' und sänge nun selbst mit seiner ewigen Donnerstimme. Wie schön sind doch diese deutschen Lieder, es liegt alles darin, was wir an dem Land und seinen Menschen lieb haben. Ich hatte mich auf einen Fensterbogen gesetzt, Fräulein Grothe, und konnte das Ohr von der Musik nicht abwenden. Auch die Russen waren aufgestanden, hielten ihren Atem an und starrten herauf. Keiner rührte sich. Sie fühlten wohl, wie der Herr schon seine eiserne Hand auf sie gelegt hatte. Ich hätte noch bis zum nächsten Morgen so sitzen mögen, aber plötzlich da hob der Herr Leutnant, den ich nur vom Rücken aus sehen konnte, die Finger seiner Rechten hoch in die Höhe. Und diese Finger, sie drohten mir und griffen mir geradewegs ins Herz. Was dann geschah, Herr Konsul, das ist mir alles nur so bewußt, als hätt' ich es aus einem dunklen Grab heraus belauscht. Das Dach der schönen Kirche flog in die Höhe, so daß alle Sterne des Nachthimmels für eine Sekunde zu uns herunterblitzten. Und dann – es war grauenvoll das Gewinsel und Gewimmer. Die große Orgel stürzte zusammen, die ungeheuren Zinkpfeifen spießten sich gegeneinander, und dann brach das ganze Werk in die Tiefe. Mit mir aber, Herr Konsul, geschah ein Wunder. Ja, ja, als sollte mir gezeigt werden, wie ich armer kleiner Jud' eigentlich gar nicht in die Kirche gehörte. Ich sauste nämlich in großem Bogen aus dem Fenster herunter und mitten in einen Heuwagen hinein. Gleich darauf jagte das Gespann wie wahnsinnig aus der Stadt heraus. Und erst dicht hier an der Grenze, da haben mich die Unmenschen heruntergeprügelt. Ein Rad ist noch dazu über meinen Fuß gefahren, und ich meine, mein Gang wird dadurch nicht schöner geworden sein. Aber Herr Konsul und Fräulein Grothe« – und der Uhrmacher hob die Hände in die Höhe und begann bitterlich zu weinen, – »was will das alles heißen? Unser Land hat sich erhoben, unser herrliches Land, und hat die Heuschrecken von sich abgeschüttelt. Der Herr, der in der Kirche so schön sang, er hat unsere Feinde geschlagen. Hören Sie, Herr Konsul, dort draußen blasen schon die preußischen Trompeten? Das Herz geht einem auf, wenn man es hört! Der Herr singt weiter!«