In der dunklen Schlafkammer von Maritzken herrschte noch immer bleierne Stille. So schwer drückte die Lautlosigkeit herab, daß die an ihren Stuhl gebannte Gutsherrin das flüchtige Ticken der Uhr wie das unerträgliche Stampfen einer Maschine empfand. Ängstlich streiften ihre Blicke über die Fensterscheiben, die unter dem Leuchten des heraufsteigenden Mondes einen stählernen Glanz annahmen. Manchmal war es auch, als ob ein flackernder Feuerschein vorüberhusche. Dann vermeinte die Einsame eilende Hufschläge aufzufangen. Doch wenn sie, zum Sprung bereit, eifriger hinhorchte, so schlug nichts an ihr Ohr als das Sausen des Nachtwindes. Und immer wieder sank sie zurück und kämpfte gegen den Sturm und den wilden Tanz ihrer Nerven. Aber noch mehr gegen das widerstandslose Herabsinken in völlige Erschöpfung. Zuweilen riß die Nacht vor ihr auseinander. Dann glaubte sie etwas zu sehen, dann murmelte sie etwas, dann betete sie wirr und verständnislos darum, daß das, was sie mit vorbereitet, in nichts zerschellen möge. Um gleich darauf alle Fibern anzustrengen, ob sie aus dem unteren Zimmer nicht etwa einen Laut des Entweichens auffinge.
Was mochte ihr Gast, der auf sie wartete, jetzt treiben? Ob er noch immer zermürbt und zerschlagen am Tisch hockte, ein vor sich hin stierender, seiner früheren Wesenheit beraubter Mensch? Johanna stöhnte auf, wehrte und wand sich und rüttelte an ihrem Stuhl, um sich zur Besinnung zu bringen.
Stunde auf Stunde vertröpfelte, das Mondlicht schwamm schon in breiter Bahn zu ihren Füßen, und die Hausherrin hing noch immer regungslos auf ihrem harten Sitz, hing zwischen Wachen und Traum. Und alles, was um sie herum geschah, es drang zu ihr wie der Nachhall von etwas Unwirklichem. Abermals hörte die Schwankende ein dumpfes Klopfen. Doch es klang, wie wenn man die Hufe eilender Pferde mit Werg und Lappen umwickelt hätte. Und sie sann darüber nach, ob es die Schläge ihres eigenen Herzens wären? Dann zischte und knatterte es, und die Blonde konnte es sich in ihrer Benommenheit nicht anders erklären, als ob blaue puffende Funken aus einem Holzfeuer in die Höhe knisterten. Und jetzt – mischten sich jetzt nicht heiße, trunkene Stimmen zu einem einzigen brausenden Ruf? Nun wieder Leere, durchwinselt von den aufreizenden Klagen des Windes. Und dann – aus den Dielen zu ihren Füßen schien ein dumpfes, trockenes Stöhnen aufzusteigen.
Herr im Himmel was geschah hier? Bedeutete das doch mehr als gestaltlos jagende Traumgesichte?
Vielleicht war die Jagd, die hinter dem Menschenwild hetzte, schon hereingebrochen? Wie, wenn das Opfer, das in einem Gehege von List und Schlauheit zurückgehalten war, bereits verröchelnd am Boden lag, und sein brechender Blick nach der Hinterlistigen suchte, die den Köder geworfen? Oh, der Fang war durch dieselben unwürdigen Künste geglückt, welche die auf ihre Reinheit Stolze bei der jüngeren Schwester so verachtet hatte. Mischte sich nicht auch bei ihr, wenn sie vor Gott ihr Innerstes auftat, ein schauererfülltes Wohlgefühl darein, ein nie gekanntes, so oft sie, sei es auch nur von fern und mit Abscheu sich das Rasende ausmalte, das der Getäuschte da unten erwartete? Seltsam, zu unerklärlich – und das blonde Weib schlug sich die Hände schallend vor die Stirn – und deswegen setzte sich der unglückliche Mensch dort unten dem sicheren Tode aus?! So hoch bewertete er seine Hoffnungen, oder so wenig lag ihm am Dasein?
Johanna horchte auf. Von unten tönte es wie das Knarren einer Tür. Ihre Vorstellungen kreuzten durcheinander. Sie wußte nicht mehr, ob sie aus Scham vor dem Betrug den vertrauensseligen Mann warnen, oder ob sie das Entweichen des Übeltäters verhindern wollte.
Und dann – und dann – die Uhr tickte so laut – es war keine Zeit mehr zu verlieren.
Ohne Überlegung – mit wildem Entschluß drehte sie an dem Schlüssel, stürzte aus der Dunkelheit heraus und fegte die Treppe hinab, wie sie die Stufen noch nie übersprungen. In ihrem Ungestüm vergaß sie das Anklopfen. Ohne ein Zeichen trat sie ein. Ihr Atem flog so stoßend über ihre Lippen, daß sie sich an dem Pfosten des Eingangs eine Stütze suchen mußte. Dann erst vermochte ihr scheuer Blick sich einige Klarheit zu verschaffen.
In dem kleinen Zimmer wiegte sich bange Stille. Unordentlich und achtlos war der Mantel des Fürsten über einen Stuhl geworfen, seinen Säbel hatte der Besitzer auf das Ruhebett geschleudert, und Dimitri selbst saß an dem Tisch, auf dem noch die Reste des Mahles standen. Tief herabgebeugt ruhte das Haupt des Übermüdeten auf seinen ausgebreiteten Armen, und die Lauscherin pries den schweren Schlaf, der ihm das Schicksal seines Volkes sowie sein eigenes für eine Weile wohltätig verhüllte. Allein sie täuschte sich, denn der Fürst richtete sich langsam auf, und sofort erfaßte das Landmädchen, wie seine Augen nichts von der Blendung des Schlummers zeigten. Ihr Gast schien vielmehr angestrengt nachgedacht zu haben. Kaum erkannte er sie, als auch schon sein zuvorkommendes Lächeln in seinen gespannten und angestrengten Zügen aufleuchtete. Nur wollte es Johanna dünken, als wenn eine bittre, entsagungsvolle Schwermut sich über das auch jetzt noch edle Antlitz verbreitet hätte. Und im Moment zitterte sie davor, wie sich der Oberst ihr unvermutetes Hereindringen deuten würde. Aber gottlob, die Haltung des fremden Aristokraten blieb tadellos und beherrscht. Langsam erhob er sich, und während er ein paar Schritte gegen sie tat, verbeugte er sich leicht. Wieder verursachte es der Beobachterin einen stechenden Schmerz, als sie vernahm, wie schwer sich ihr Gast über den Estrich schleppte.