»Es ist sehr gütig von Ihnen, mich nicht zu lange meiner eigenen Gesellschaft zu überlassen,« begann Dimitri Sergewitsch in seinem schmeichelnden Tonfall. »Ich versichere Sie, sie ist nicht die beste. In diesen Stunden habe ich so manches an mir vorüberziehen lassen. Und wenn es noch einen Zweck hätte, dann könnte ich darüber trauern, weil ich so wenig bleibende und lohnende Erinnerungen besitze. Aber wozu? Es hat keinen Zweck.«
Er stand jetzt vor ihr und ließ seinen Blick flüchtig über sie fortgleiten. Das schimmernde Blondhaar der Preußin schien ihn besonders einzufangen. Allein auch jetzt noch eignete ihm Erziehung genug, um nicht eine einzige verletzende Gebärde der Vertraulichkeit zu wagen. Und Johanna dankte Gott dafür, daß dieser immerhin vornehme Herr die Formen bis zum letzten zu wahren verstand. Dafür wollte sie sich erkenntlich zeigen, dafür alles andere vergessen.
»Fürst Fergussow,« stieß sie plötzlich hervor, nachdem sie einen Blick der Angst durch das dunkle Fenster geschickt hatte, »ich fühle mich verpflichtet, es Ihnen zu entdecken, obwohl – obwohl – nein, das tut nichts zur Sache – es lauert hier Gefahr auf Sie. Hören Sie? Sie sind hier nicht mehr eine Stunde sicher. Rufen Sie Ihre Leute zusammen und verlassen Sie schleunigst den Hof. In höchster Eile, Herr Oberst, in allerhöchster. Sonst ist es zu spät.«
Als sie dies hervorstieß, taten sich die harten blauen Augen der Gutsherrin erschreckend weit auf, ihre Hände verschlossen sich über der Brust, und in ihrer Stimme bebte etwas so Schmerzliches, als ob sie selbst mit einem Messer gegen sich gestoßen hätte. Sie fühlte, daß sie dies alles nicht sagen durfte, und daneben verging sie beinahe in dem Rausch, daß ihre Überwindung doch etwas Schönes, Zärtliches und Menschliches berge. Auch der Fürst stand eine Weile regungslos. Er schien mehr dem heiß erregten, unerwarteten Tonfall zu lauschen als dem Sinn jener Warnung. Dann zuckte er leicht die Achseln, wandte sich ein wenig und zeigte durch das Fenster.
»Meine Leute soll ich rufen, liebes Fräulein?« entgegnete er müde. »Überzeugen Sie sich selbst. Die dort draußen waren klüger, als ich. Oder auch dümmer, denn sie glauben noch nicht an die Wertlosigkeit, an den absoluten Zufall des menschlichen Auf und Ab, und haben mich längst im Stich gelassen. Ich bin allein hier.«
»Ihre Leute sind fort?« stammelte Johanna erblassend und griff wieder nach dem Pfosten der Tür.
Es tat ihr nicht gut, unausgesetzt die ebenmäßige Reitergestalt zu umspannen. Unvermerkt, stärker und stärker bildete sich eine Zusammengehörigkeit heraus, die mächtiger war als der Widerwille der Völker, als Familienehre und alle Gesetze von Gut und Böse. Ihr schwindelte, und nur das Sträuben gegen ihre Schwachheit hielt sie noch aufrecht.
»Dann gehen Sie allein,« forderte sie trotzdem herrisch.
Der Fürst stand wieder vor ihr, hatte die Hände auf den Rücken gelegt, und auch er sann wohl in dumpfer Verwunderung über die Weichherzigkeit der straffen Nemza nach.
»Sie lehren mich wenigstens etwas kennen,« gestand er endlich, obwohl er keine Miene machte, dem dringenden Befehl zu gehorchen, »das mir bisher recht fremd blieb. Sie sorgen sich um mich.« Er schlug ein leichtes Gelächter auf. »Ist es nicht eigenartig, daß ich etwas Ähnliches erst bei dieser Gelegenheit erfahre? Und von der Angehörigen einer von uns so entfernten Rasse? Mon dieu,« setzte er mit einem verächtlichen Zucken der Mundwinkel hinzu, »man hat sich viel um mich gekümmert. Ich leugne es nicht, auch Frauen taten dies. Doch ich müßte lügen, wenn sich mir gegenüber jemals eine mütterliche Teilnahme äußerte. Ich glaube, gerade die kennt Ihr Deutschen. Und die tut wohl, sehr wohl.« Und wieder verbeugte er sich, wie es die Slaven stets befolgen, wenn sie etwas Liebes, Schmeichelndes verkünden wollen.