»Fritz, vergessen Sie nicht, morgen früh wieder sechs Uhr Schützengrabenübung. Das verdammte Buddeln nimmt kein Ende.«
»Danke,« schallte es von der anderen Seite zurück, »die Ordonnanz war schon bei mir. Gute Nacht, meine Herren.«
Langsam, mit seiner vorgebeugten Haltung setzte Fritz Harder seinen Weg durch die enge Zeile fort. Vor einem Antiquitätenladen, in dessen dunklem verräucherten Schaufenster neben ein paar Trommeln aus den Freiheitskriegen auch ein Bild in halb vermodertem Rahmen ausgestellt war, verharrte der junge Offizier und hob sein Monokel vor das Auge. Eine kleine Weile betrachtete er die schwärzliche Landschaft. Dann murmelte er etwas Unverständliches und nahm seinen Weg wieder auf, ohne den jungen Mädchen, die hier paarweise promenierten, irgendwelche Beachtung zu schenken. Bald hatte er sein Heim erreicht. Es war ein ganz schmales, spitzgiebliges Häuschen, das sich zwischen zwei anderen altertümlichen Bauten nur schüchtern eingeklemmt hatte. Vor Baufälligkeit schien es sich direkt vorüber zu neigen, und da es außerdem bis zu dem Holzbord des ersten Stockwerks himmelblau angestrichen war, von dort aber bis unter das Dach in rosenroter Färbung prangte, so glich es viel mehr einem Pfefferkuchengebilde vom Weihnachtsmarkt, das man recht lieblich und bunt herausstaffiert. Kaum begreiflich aber war es, wie die Zwei-Fenster-Front des Häuschens noch durch eine rot gepflasterte Diele getrennt sein sollte. Und doch verhielt es sich so. Auf der einen Seite des Flurs ging es nämlich beständig tick-tack, tick-tack. Hier hauste der Besitzer des blauen und rosenroten Pfefferkuchens, Herr Nikolaus Adameit, der ehrsame Zunftmeister der Uhrmachergilde. Ja, hier nistete der alte struwelige Mann, hochgeehrt und bewundert von der ganzen Handelsstadt, denn es haftete wohl im Gedenken seiner Mitbürger, daß es ihm allein von allen seinen Handwerksgenossen vor reichlich vierzig Jahren gelungen war, das verstummte Glockenspiel der Sebaldus-Kirche zu neuem klingenden Leben zu erwecken. Das hatte dem damals im kräftigsten Mannesalter stehenden Künstler tausend preußische Reichstaler eingetragen. Und wozu hatte er diese große, diese überschwengliche Summe verwendet?
Wozu?
Kein Mensch konnte darüber etwas Genaues angeben. Man hörte nur aus den wütend hingeworfenen Angaben seines stotternden Gehilfen Leiser Bienchen, eines phantastisch armen Judenjungen, der von den Wohltaten seines Meisters lebte, alle alten Kleidungsstücke des Uhrmachers bis zum Zerbröckeln auftrug und trotzdem, aus künstlerischen Gründen, beständig im heftigsten Streit mit seinem zahnlosen Prinzipal lebte, man vernahm nur in Augenblicken zitternder Wut von jenem menschenscheuen Gehilfen, daß es sich um eine Erfindung handele, die einmal Millionen einbringen müßte. Tief unten in einem triefend feuchten Keller, und immer nur in den Frühstunden, wurde von den beiden Adepten an dieser merkwürdigen Maschinerie gearbeitet. Und der letzte Bursche des Leutnants, der sich einmal bis in den schwarzen Abgrund hinunter verirrte, er hatte entdeckt, daß bei jenen beglückenden Ideen zweifellos auch ein starkes Uhrwerk im Spiel sein müsse:
»Denn in dem Keller, Herr Leutnant, macht es immerfort tick-tack, tick-tack. Es stinkt mordsmäßig dort unten. Nach Schwefel und Säuren und all solchem Zeug. Und wenn mich der verfluchte Judenbengel nicht einen Fußtritt gerade vor den Magen versetzt hätte, Herr Leutnant, ich hätte die Beiden bei der Teufelsbeschwörung überrascht. Denn um so was handelt es sich, um nichts anderes!«
Als Fritz Harder die eine der von ihm gemieteten Stuben in dem Pfefferkuchenhäuschen betrat, stand sein Bursche, ein derber, vierschrötiger Ostpreuße gerade an dem ovalen Tisch, um eine billige weiße Petroleumlampe zu entzünden. Er machte sofort vor seinem Leutnant stramm und nahm ihm die Mütze ab, die ihm Fritz herüberreichte.
»Na, Reddemann,« begrüßte ihn der Offizier, während er sich ein wenig ermüdet auf einen Korbsessel dicht an dem schmalen Fenster niederließ, »hast du mir die Sachen besorgt?«
»Zu Befehl, Herr Leutnant, das Frühlingslied von Mendelssohn. Sehr schön.«