»Was meinst du? – Gibst du deine Einwilligung?« beharrte der Offizier mit einer ihm ganz fremden Unerbitterlichkeit.
Heftig entzog ihm die Gequälte, die sich nicht binden lassen wollte, ihren Arm, da er ihn noch immer umspannt hielt. Nein, wie konnte solch ein armer, unbedeutender Leutnant, der beinahe auf nichts, als auf seine Löhnung angewiesen war, eine derartige Zusage im Ernst von ihr verlangen? Von ihr, der Glänzenden, Vielbegehrten, deren Zukunft in einem goldigen Nebel schwamm? O, wenn sie wollte, wenn sie bloß winkte, dann würde – – – Im Grunde war es eigentlich, – ja, sie konnte es nicht anders nennen, – es war eigentlich eine Anmaßung, daß der hartnäckige, in seine Bücher verbohrte junge Mensch, der das Leben so wenig kannte, sie veranlassen wollte, so plötzlich, so unüberlegt eine Entscheidung zu treffen, die sie für immer von allen glänzenderen Hoffnungen entfernen mußte. Und warum? Es blieb wirklich halb lächerlich. Weil man einen kleinen ungefährlichen Flirt getrieben hatte, weil man dem hübschen Menschen mit den ernsten Zügen ein paar Zärtlichkeiten gestattet, die man eben an irgend jemanden verschwenden wollte. Warum nicht an ihn, auf dessen Verschwiegenheit man doch bauen konnte? Und zum Lohn dafür jetzt dieses beinahe unhöfliche Drängen? Nein, das war sicherlich Johannas Werk, die es nicht erwarten konnte, die schöne Schwester, deren Eleganz und Damenhaftigkeit sie natürlich heimlich beneidete, in ein ebensolches Arbeitsdasein zu stoßen, wie sie es selbst führte. Herrgott, Herrgott, wenn man nur einen Ausweg fände, ein Entschlüpfen! Und plötzlich warf sie sich in den Sessel zurück und schlug beide Hände vor ihr Antlitz. Heftig und wild schluchzte sie auf. Ja, der von einem peinlichen Schrecken durchschlagene Offizier merkte sogar, wie zwischen den Ritzen ihrer Finger helle Tränen hindurchtröpfelten. Das hatte er noch nie bei ihr wahrgenommen. Und eine Sekunde lang war es ihm, als müsse er sich über die Ringende beugen, um ihr unter tausend guten Worten Trost zuzusprechen. Es war ja eigentlich alles so natürlich. Dem Unverdorbenen schien es, als ob diese Tränen, dieses aufgelöste Schluchzen nur ein unverstandenes Abschiednehmen von Mädchentum und Jungfräulichkeit bedeuteten, ein rührender Kummer, der ihm sein Mädchen in einer ganz neuen, zarten und demütigen Schwäche zeigte.
Wenn nur die Zeit, die machtvoll aufbegehrende Zeit derartige Erwägungen nicht wie Spreu im Sturm auseinander gesprengt hätte. Horch! Begann dort draußen nicht mit einem Mal das Glockenwerk von dem Turm der Sebaldus-Kirche zu läuten? Ein Ton immer eherner und markerschütternder, als der andere? Fritz Harder begriff nicht, warum die Kunstschöpfung des alten Uhrmachers Adameit, seines Hauswirtes, in dem allgemeinen Tumult ihre Stimme erhöbe, aber der seelenumwühlende Donnerton raubte ihm jedes weichliche Mitleid. Fest und zielsicher trat er an den roten Sessel heran, um seine Hand noch einmal auf ihre Schulter zu stützen. Doch merkwürdig, nur ein wenig regte die in sich Versunkene die volle Rundung, aber die Bewegung genügte, damit die Hand abglitt. Empfand der Betroffene auch die leise Gereiztheit, die sich hier äußerte, den beleidigten Mißmut und die schlecht verhehlte Empörung über Zwang und Gehorsam?
»Marianne,« forschte der junge Mann noch einmal in äußerster Zurückhaltung, »Marianne, ich begreife deine Tränen nicht. Liegt denn in meiner Bitte, in meinem Verlangen, eine Beleidigung?«
Und mit einem plötzlichen Entschluß entfernte er ihre Hände von ihrem Antlitz. Dann erschrak er. Der braune Samtton war von ihren Wangen entwichen, und auf ihren erschreckten Zügen lauerte etwas, was er sich durchaus nicht erklären konnte. Für einen Erfahreneren freilich, für Konsul Bark, hätte ein Blick genügt, um zu wissen, daß es die Teufel der Lüge waren, die dort ihre geschäftige Arbeit verrichten wollten.
Jetzt hatte sie sich auch gefaßt. Ja, ihr Mund lächelte wieder halb schmollend zu ihm empor.
»Wie kannst du nur so etwas fragen, Fritz?« widerlegte sie, während die Tränen immer noch ihre großen schwarzen Augen feuchteten, »ich denke doch nur darüber nach, daß du jetzt, gerade jetzt, vielleicht morgen schon, von meiner Seite gerissen wirst.«
»Ja, das ist wahr,« bestätigte ihr Zuhörer betroffen.
»Und sieh einmal – –«
»Ja, was denn – was denn – erkläre dich deutlicher.«