Sie beugte sich herab und ließ die glänzenden Lackhalbschuhe wieder leicht gegeneinander schnellen. Noch hatte sie den gewünschten Schlupfwinkel nicht völlig gefunden, in den sie sich verkriechen wollte.
»Sieh einmal, Fritz,« suchte sie noch immer unsicher, »du sagst selbst, es gerät jetzt alles ins Wanken. Kein Mensch weiß, ob er den anderen am nächsten Tage wieder sehen wird. Meinst du nicht auch, daß man lieber abwarten sollte, bis sich alles geklärt hat?«
Noch sprach das schöne Geschöpf ungewiß und zögernd, da fuhr sie plötzlich erschreckt auf. Woher die ungewohnte atempressende Stille? Draußen hatte unvermittelt der Gesang der Volksmenge wie mit einem Schlag ausgesetzt. Eine einzelne ferne Stimme wurde hörbar und dann folgte kurz und knapp, gleich dem Aufschlagen einer brandenden Welle, ein einziges vieltausendstimmiges Hurra. Das eigentümlich knirschende Geräusch, das stets vernehmbar wird, wenn Massen sich in Bewegung setzen, drang zu den Einsamen empor. Die improvisierte Versammlung auf dem Marktplatz schien ihr Ende erreicht zu haben. Jedoch die ungewohnte Ruhe war es nicht allein, die das aus der Fassung gebrachte Mädchen so unheimlich in ihren Bann schlug.
Jetzt wußte sie es – die grauen Augen des Offiziers waren es, die sie festhielten. Lieber Himmel, sie mußten die kleinen betrüglichen Künste durchschaut haben, sonst hätten sie niemals einen solch kalten, einbohrenden und doch zugleich verzweifelten Glanz strahlen können. Schon wollte die Verängstigte aufspringen, um durch eine neue Zärtlichkeit, die ihr ja leicht fiel, die unbehagliche Situation zu unterbrechen, als sie an ihrem Platz vollkommen erstarrte. Keiner Bewegung mächtig, mußte sie mit ansehen, wie ihr Gefährte, ohne sie nur im geringsten zu beachten, an den Tisch herantrat, von wo er langsam seine Mütze an sich nahm. Dann streifte sich der junge Mann, immer mit derselben unnatürlichen Ruhe, die weißen Handschuhe auf und hakte mit einer mechanischen Bewegung den Degen ein. Eine Sekunde verharrte er wie in Nachdenken. Allein je tiefer ihm das kurz geschorene Haupt auf die Brust sank, desto deutlicher erkannte die entsetzte Beobachterin, wie seine dunklen Augenbrauen sich immer finsterer und entschlossener zusammenzogen.
»Fritz!« sprang sie empor.
Er hob das Haupt und sah sie an.
Es war ein Blick aus so unendlicher Entfernung, ein so fremder und stolz gefaßter Blick, daß Marianne vor Zorn, Scham und Zurücksetzung hätte schreien mögen. Im Halse schnürte sich ihr etwas zusammen, sie glaubte ersticken zu müssen. Als sie ihre Umgebung wieder vollständig zu deuten wußte, da schloß sich bereits, unhörbar, die hohe weiße Tür, und eine Scheidewand wuchs empor zwischen ihr und der Vergangenheit voll Spiel und Kurzweil.
Wirklich Vergangenheit?
Pah – sie hatte sich wiedergefunden. Beflügelt eilte sie vor den altertümlichen Goldspiegel des Zimmers, um ihr verwirrtes Haar in Ordnung zu bringen. Und als sie ihre in purpurner Pracht siedenden Wangen gewahrte, als sie die tadellosen Linien ihrer Gestalt abmaß, da zwang sie etwas, spöttisch die Achsel zu zucken. Aufatmend trat sie unter die Gardine und öffnete das Fenster. Von dem großen viereckigen Marktplatz zogen noch immer die dunklen Scharen ab und marschierten in schwarzen Zügen durch die Nebengassen. Hoch über ihren Häuptern folgte ihnen das Donnergeläut des Glockenwerks. Mit tausend Goldaugen beobachtete der Nachthimmel das Aufbegehren und die Erhebung eines ganzen Volkes. Köstlich reine Luft strich zu dem Fenster herein und fächelte dem schönen Mädchen erfrischend die Stirn. Und in diesem Augenblick durchdrang selbst die Gleichgültige, Unbedachtsame ein zitterndes Nachgefühl von dem, was dort unten die davonstrebenden Züge der Stadtbürger erfüllt haben mußte. Ganz sicher, es schwebte etwas Ungeheuerliches, Niegeahntes in der Luft. Es flog von da und dort heran, schwirrende Möglichkeiten, die man ergreifen mußte, um sich auf ihren Flügeln von dannen tragen zu lassen.
In die Höhe.