Und der verschleierte Abenteurersinn des Mädchens, das da an dem Eckpfeiler des Fensters lehnte, reckte sich und verlangte gleichfalls hinaus, fort auf die Wege, die sich weit über die Täler des Alltags emporschlängelten.

Dann neigte sie sich weiter vor. Ihr scharfer Blick hatte aufgefangen, wie das trübe Laternenlicht in einer Degenscheide widerglitzerte. Und sie erkannte die Gestalt, die langsam und etwas vornübergebeugt dort drüben in der Dunkelheit der engen Rosenkranzgasse verschwand.

Ja, dort Finsternis und hier Licht, nichts als Schimmer und goldspinnende Helligkeit.

Wahrlich, eine große, eine tolle Zeit.

Beglückt, heiß, erglühend stützte sich die Fortgerissene nochmals auf das Marmortischchen des Goldspiegels und starrte sich an, als wenn sie imstande wäre, sich die Zukunft auf hoch erhobenen Armen entgegenzutragen.

Ja, das Vaterland befand sich in Gefahr, aber sie selbst war schön, einfangend schön.


Ruhig schritt Fritz Harder seines Weges. Rechts und links von ihm zogen die Bürger mit ihren Frauen und Kindern dahin, und er mußte manchmal zur Seite treten, um die Drängenden vorüberzulassen. Dabei fing er immer wiederkehrende Worte auf: »Der Kaiser – der Zar – Frankreich.« Und er wunderte sich, daß er dies so klar vernahm, daß nichts anderes, nichts Tieferes in seinem Ohr mitsummen wollte. In der schmalen Rosenkranzgasse schimmerte aus allen Fenstern noch Licht, und die Einwohner der Häuser standen vor den Türen und tauschten über die geringe Breite der Straße hinweg ihre Ansichten miteinander aus. Und wieder schüttelte der in sich gekehrte Wanderer erstaunt das Haupt, denn er begriff nicht, warum seine Augen dies alles so scharf, so untrüglich in sich aufnahmen. Einmal blieb er stehen und sah durch den schmalen Spalt der Gasse zu dem mächtigen Nachthimmel empor. Nein, er konnte keinen Unterschied entdecken. Dort oben waltete dieselbe schweigende, ungekünstelte Ruhe, wie hier unten und wie in seiner eigenen Brust. Eine wundersame, schwere, auf alles vorbereitete Fassung, die ihre spähende Aufmerksamkeit nur auf das Nächste richtete und entschlossen war, sich selbst zu vergessen.

Merkwürdig, er wollte sich zwingen, das formvollendete, das schönheitgesättigte Bild der Geliebten vor sich erstehen zu lassen, die ihn aus schneidendem Eigennutz verworfen hatte, aber er vermochte bei aller Anstrengung das lockende Geschöpf sich nicht mehr als Ganzes vorzustellen. Aus der trüb durchbrochenen Nacht tauchten wohl ihre Umrisse vor ihm auf, allein jeder Kopf eines gleichgültigen Bürgers schob sich vor seine arbeitende Einbildungskraft und überschattete sie. Ja, als die Ablösung einer Militärwache an ihm vorüberzog, die ihm mit klappenden Paradetritten die Ehrenbezeugung erwies, da war jedes Gedenken an sein eigenes Erlebnis von ihm entwichen und, wie alle anderen, so mußte auch er den funkelnden Helmen nachschauen, während ihm innerlich das Herz bis in den Hals zu klopfen begann.

»Prima, Herr Leutnant,« krächzte plötzlich eine gallige Stimme hinter ihm, und als sich der seinen Träumen Entrissene umwandte, da entdeckte er hinter sich den schlottrigen und knickbeinigen Uhrmachergesellen seines Hauswirts, den ewig mit der Welt hadernden Leiser Bienchen, der tief den zerbeulten Filzhut mit der herabhängenden Krempe vor ihm lüftete, um dann krampfhaft in die Tasche seiner Beinkleider zu greifen, weil ihm diese stets herabzufallen versuchten, »prima, Herr Leutnant,« krächzte die gallige und stets unzufriedene Scherbenstimme, »unsere Soldaten! Ich mag zwar das verfluchte Pflasterzerreißen nicht leiden, und wenn sie so mit den Kommißstiefeln aufdonnern, möchte man Kopfschmerzen kriegen. Aber was tut das, Herr Leutnant? Jetzt sind sie einem ein Trost, ein ganz großer Trost, der einem die Nachtruhe wiedergibt.«