Und sich noch näher an den jungen Offizier drängend, umklammerte er mit der Rechten ängstlich das faltenreiche Kinn, als wolle er verhindern, daß ihm seine bewegliche Karpfenschnauze, die ihm statt eines Mundes verliehen war, aus den wild durcheinander fahrenden Runzeln davonliefe. So fassungslos und erschüttert hatte Fritz Harder den Uhrmacher noch nie gesehen.
»Was meinen Sie, was hier geschehen ist, Herr Leutnant?« tuschelte der kleine Jude seinem vornehmen Hausgenossen unter ewigem Kopfschütteln von neuem zu.
»Doch nichts Schlimmes, lieber Bienchen?«
»Was heißt schlimm?« wehrte sich der andere, die Achseln ganz hoch in die Höhe ziehend, als wolle er den Himmel für seine traurigen Schicksale zum Zeugen anrufen. »Unter uns, es kann geben eine fürchterliche Zerstörung. Aber soll man es ihm übelnehmen, wenn er an einem solchen Tag mit dem Kopf ins Dunkel fährt? Ich sag' Ihnen ins dunkelste Dunkel, Herr Leutnant.«
Fritz Harder mußte lächeln. Er wußte, daß der Gefolgsmann des alten Adameit mit dem unbestimmten und geheimnisvollen »er« stets seinen Chef zu bezeichnen pflegte. Und so forschte er denn vorsichtig weiter:
»Haben Sie wieder Grund zur Unzufriedenheit mit ihm, lieber Bienchen?«
»Ich habe nicht gesagt unzufrieden,« zuckte der Geselle ärgerlich zurück und sein Mundgeschirr klappte unendlich oft gegeneinander, »der unausstehliche Kerl ist ja trotz allem ein Genie. Aber als ich ihm heute in meiner Aufregung unten in dem Keller, wo wir wir immer sitzen, – Sie wissen schon, Herr Leutnant – die Nachricht überbrachte, können Sie sich denken, was er getan hat? Dieser zahnlose Unmensch ist plötzlich aufgestanden, hat die Kapsel an dem Stahlzylinder geschlossen, obwohl die Sicherung noch immer nicht ganz fertig ist, und hat in seiner vermoderten Sprache, die nur ich ordentlich versteh', gesagt: Dann schließe ich mit dem heutigen Tage meine Arbeit ab. Unter der Erde hat sie so lange gelegen und unter der Erde wird sie auch bleiben. Aber sie wird unserer lieben Scholle eine Kraft und eine Wut verleihen, wie – wie – Ich glaube, er hat gesagt, wie einer Jungfrau, die sich gegen die Schande wehrt. Und nachdem er das gesagt hat, hat er mir die Hand gedrückt, was noch nie da war, ist in die Ecke gegangen, hat sich den Schmutz abgewaschen und schließlich seinen Bratenrock angezogen. Herr Leutnant, da hab' ich's nicht mehr länger ausgehalten. Mir ist so feierlich geworden, daß mir die Knie zu zittern anfingen, und ich mußte aus dem Keller raus und an die frische Luft. Und was aus ihm geworden ist, das weiß ich nicht. Ich hab' bloß seine Stimme aus Ihrem Zimmer gehört, Herr Leutnant, wo er bei dem fremden Herrn sitzt.«
»Bei einem fremden Herrn?«
»Wie ich Ihnen sage, Herr Leutnant. Wenn Sie wollen, können Sie auch sein Zischen und Pusten und Fauchen hören, denn Ihr Fenster steht offen, und Ihr Bursche hat die Lampe bereits angesteckt.«
Da riß sich der junge Offizier hastig los, und zu gleicher Zeit schüttelte er energisch die Traumgespinste ab, die aus dem dämmernden Keller des alten Adameit geheimnisvoll bis zu ihm emporgekrochen waren. Ungeduldig drückte er sich in den engen Schlitz hinein, der in dem blauen und rosigen Pfefferkuchenhäuschen die Haustür vorstellte. Aber der Uhrmacher hinkte ihm nach, so rasch es seine schlecht befestigten Beinkleider erlaubten, und hauchte dem Voranstürmenden in seinem heiseren Krähenton nach: