Wild begann ihr das Herz bis in den Hals zu schlagen, jedoch ehe sie diese aufregende Gedankenreihe noch erschöpfen konnte, da wurde sie durch die Erinnerung an ihren Verwalter schon wieder auf eine neue Bahn gehetzt. Ob Baumgartner noch immer nicht zurückgekehrt war? Sie beugte sich über die kleine Uhr auf dem Nachttisch und fuhr zusammen, als sie bemerkte, daß bereits die zweite Stunde des Morgens angebrochen sei. Durch die Vorhänge stahl sich schon ein mattes Grauen und Dämmern herein. Der Frühwind sauste in den Eichenkronen, und hier und da erhob sich das vorzeitige Zirpen eines träumenden Vogels. Aber durch all diese Anzeichen des Erwachens drang etwas anderes hindurch, etwas so Fernes, Verschwommenes, daß sich die Einsame aufs äußerste anstrengen mußte, um überhaupt das in der Weite vollkommen versickernde und verschwimmende Geknister unterscheiden zu können. Abermals griff sie in die Kissen, jedoch mehr um sich festzuhalten, und starrte unverwandt auf die geschlossene Gardine, als ob das leise sich bewegende Leinen kein Hindernis für sie böte. Wenn sie ihr Gehör bis zur Schmerzhaftigkeit spannte, dann schlug von draußen ein gedämpftes Rasseln bis an ihr Lager, rasch aufeinanderfolgende Laute, die sich wie das Klappern über Treppenstufen herabrollender Erbsen anhörten. Großer Gott, das kämpfende Weib begriff plötzlich, was das gleich bleibende Geknatter zu bedeuten habe. Nun, da sie das weiße Kissen in ihren arbeitsgewohnten Fäusten zerkrampfte, jetzt, wo sie lauschte und lauschte, atemlos, jeder Bewegung beraubt, gleich einem Sünder, dem man die letzte Stunde verkündet, da stürzte es plötzlich zerschmetternd auf sie herab. Die ganze unnennbare Erkenntnis von Zerfleischen, Untergang, Mord, Umpflügen und der entsetzlichen Wertlosigkeit des bisher so ängstlich behüteten Einzeldaseins. Vor Wut und Grauen hätte sie laut aufheulen mögen. Ihr gestraffter Körper warf und spannte sich, als müßte sie ihn zur Verteidigung von etwas Letztem, Kostbarstem, einem anstürmenden Bedränger entgegenschleudern.
Das erste Mal in ihrem Leben barst der Panzer von Vernunft und Sitte schallend über ihrer Brust auseinander. Es war ein anderes Weib, das, ohne eine Ahnung davon, wie es im Moment mit den frei gewordenen, zur Rache erhobenen Armen gleich einer Verkörperung ihres vergewaltigten Landes dasaß, es war ein anderes, wutgeschütteltes Geschöpf, das da, keinen Blutstropfen im Antlitz, mit unheimlich hervorblitzenden Zähnen zu dem schönen Männerkopf hinaufstierte.
Das Bild sah mit seinen heißen, lebenshungrigen Augen auf das frostgeschüttelte Geschöpf herab. Laut aufschreiend strauchelte sie und stürzte so wie sie war, quer über das Bett. Das letzte, was sie hörte, war das immer heftiger werdende Zischen und Schwärmen der wilden Bienen, die mit den Köpfen summend gegen die Fensterscheiben taumelten.
Eine Uhr schlug. Und zur gleichen Minute richtete sich Johanna auf, um sich die Augen zu reiben. So geregelt verfloß ihr Dasein, daß sie sich sogar aus Schauer und Krampf pünktlich um die fünfte Morgenstunde emporraffte, denn es war die Zeit, wo sie die Mägde beim Melken zu beaufsichtigen pflegte. Erstaunt, ungläubig schüttelte sie das Haupt, als sie ihre sonderbare Lage bemerkte. Im hellen Licht des Tages fehlte ihr bereits jedes Verständnis für das schwächliche Nachgeben einer überwältigten Natur. Derartige Dinge verachtete sie heimlich und hatte sie stets für die Anzeichen einer überfeinerten und kränkelnden Epoche gehalten. Und jetzt wollten ihre eigenen Nerven versagen?
Lächerlich!
Dazu war sie nicht geschaffen. Es traten jetzt soviel neue, eiserne Aufgaben an sie heran. Mußte sie nicht versuchen, durch das Ansehen ihrer Person die Zerstörung ihres Besitztums zu verhindern? Bildete sie nicht den letzten Halt für ihre Untergebenen, die nur im Vertrauen auf ihren Schutz nicht schon längst ihr Heil in einer eiligen Flucht gesucht hatten? Während sie sich ankleidete, stieß sie unhörbar das Fenster auf und beugte sich hinaus. Dort drüben über den dichten Weizenfeldern wallte ein bläulicher Qualm. Schwer und massig dampfte er über die Flächen, wo früher das Gewoge der gelben Frucht das Auge der Besitzerin erfreut hatte. Und Johannas geschärfter Blick entdeckte sofort, daß dies bleigraue Brodeln nicht die silbernen Gespinste des Frühnebels waren. Nein, dort draußen unter der dichten Decke verbarg sich etwas, das ihr Herz mit Grauen, aber auch mit lichter Hoffnung erfüllte. Vielleicht hatten die Männer ihrer Heimat dort unten auf dem Felde bereits eine furchtbare Ernte gehalten. Vielleicht war das Unkraut, das über Nacht aufgeschossen war, von schwieligen Händen ausgejätet und fortgesichelt, und das Stück Erde, auf dem sie groß geworden, der weiße Hof, dem ihr unermüdliches Wirken gegolten, sie waren womöglich schon wieder erlöst von ihren unheimlichen, nächtlichen Gästen. Noch gab sie sich solchen schimmernden Wünschen hin, als vom Hof ein lautes Gepolter und fremdartiger Lärm zu ihr heraufdrangen.
Welch ein Bild! Wie packte es mit rauhem Griff ihr aufpochendes Herz und stieß es hin und her. Warum hatte sie den tollen Tumult, der dicht unter ihr fessellos durcheinander quirlte, auch nur für eine Sekunde übersehen können? Oh nein, die fremden Einlagerer waren weder versprengt noch abgezogen. In unordentlichen Haufen, die meisten erst halb bekleidet, standen sie gröhlend und lachend umher, und das Heu, das in Strähnen an ihren grün-grauen Uniformstücken herumhing, bewies, wo die Mannschaften diese Nacht eine Ruhestätte gesucht hatten. Schmerzlich verzog die Hausherrin den Mund, als sie mit ansehen mußte, wie die feste Tür des Kuhstalles von ein paar herkulischen Gestalten durch derbe Fußtritte aufgestoßen wurde, und ihre Brust hob sich rascher, als sie sah, wie vier bis fünf Kälber, jung geborenes Vieh, ohne weiteres aus ihrer warmen Behausung herausgetrieben wurden. Jämmerlich blökten die Tiere und dann verschwanden sie unter der dunklen Halle einer Scheune, aus der sich den Widerstrebenden bereits blutgefärbte Fäuste entgegenreckten. Aus der Küche erscholl lautes Zetern. Fluchende Männerstimmen schienen dort etwas zu fordern, was sich in der Eile gewiß nicht so schnell herbeischaffen ließ, und die Lauscherin zuckte zusammen, als das furchtsame Aufschreien aus Mädchenkehlen an ihr Ohr schlug.
Oh, hier war die Hölle los. Alle Ordnung, jeder Respekt vor dem Hergebrachten, den die Älteste von Maritzken in ihrem Kreise mit soviel Mühe und Selbstaufopferung errichtet, alles das schien unter Hohnlachen von fremden Fäusten umgestürzt und in den Kot geworfen, als hätte es niemals das ganze Sein und Treiben hier beherrscht. Und mit einer Gebärde des Ekels und der Verachtung stürzte Johanna an ihren Schrank, um sich ein Gewand überzuwerfen. Eine flüchtige Minute strichen ihre Finger zögernd und prüfend über das zarte Geriesel eines waschseidenen Stoffes, denn eine ferne Vorstellung befiel sie von einem vornehmen Herrn und der möglichen Pflicht, ihr Haus stattlich zu vertreten. Aber gleich darauf schnürten sich ihre Augenbrauen unwillig zusammen, und mit einem kurzen Entschluß und ohne auch nur einen Blick an den Spiegel verschwendet zu haben, streifte sie ihr gewöhnliches blau und weiß gepunktetes Kattunkleid über, schnallte den schwarzen Ledergürtel fest über den Hüften zusammen und eilte mit einem einzigen Sprung bis zur Treppe. Allein schon auf der ersten Stufe besann sie sich. Gewaltsam zwang sie ihre alte Ruhe und Besonnenheit zurück. Sie strich sich eine Strähne ihres blonden Haares aus der Stirn und stieg mit ihrem gewohnten gebieterischen Gang die Treppe hinunter. Unten auf der Diele, dicht neben der Ausgangspforte, blitzte der Hausherrin im Morgenlicht ein metallischer Schein entgegen. Ein russischer Infanterist, dessen langer, rötlich-blonder Bart fast bis auf die Brust herabhing, hielt dort mit aufgepflanztem Bajonett die Wacht, während er einem struppigen Hund, den er an eiserner Kette hielt, zärtlich das Fell kraute.
»Treten Sie hier zurück, damit ich herunter kann,« herrschte Johanna den Mann mit ihrer festen Stimme an.